Professor Langthaler: „Für sozial-ökologisch angemessenen Fleischkonsum“
Ernst Langthaler, Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichten an der Kepleruniversität Linz
Ernst Langthaler ist Professor an der Linzer Johannes Kepler Universität. Der 60-Jährige leitet das Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte. Er stammt aus der niederösterreichischen Gemeinde Frankenfels, die an der Mariazeller Bahn liegt. Demnächst erscheint Langthalers Buch „Nahrungswelten transformieren“. Es ist ein Sammelband mit mehreren Autoren. Es wird kostenlos im Internet zu lesen sein.
KURIER: Sie plädieren dafür, unser Agrar- und Ernährungssystem zu überdenken. Essen wir alle zu viele Schnitzel?
Ernst Langthaler: Wenn man mit „wir“ Österreich meint, kann man das so sagen. Der Fleischkonsum von 58 Kilogramm pro Kopf und Jahr liegt deutlich über dem weltweiten Durchschnitt und noch deutlicher über der Empfehlung der Ernährungsmedizin. Diese liegt bei einem Drittel von dem, was ein durchschnittlicher Österreicher pro Jahr zu sich nimmt. Wir sind mit dem Fleischerschöpfungstag am 15. April an jenem Punkt angelangt, an dem wir die für einen nachhaltigen Lebensstil angemessene Jahresmenge bereits verbraucht haben.
Sie beleuchten das Thema aus wirtschafts- und sozialhistorischer Sicht. Zu welchen Erkenntnissen kommen Sie?
Anlass für die aktuelle Debatte war die Frage, ob Fleisch ein Grundnahrungsmittel ist, für das die Mehrwertsteuer gesenkt werden soll. Der hohe Fleischkonsum ist historisch gesehen nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Wenn man die Menschheitsgeschichte betrachtet, war er die meiste Zeit relativ gering. Erst in den vergangenen 150 Jahren hat er sich mit der Industrialisierung massiv gesteigert.
Er hängt mit der Industrialisierung der Landwirtschaft zusammen?
Er hängt mit der Industrialisierung der Gesellschaft insgesamt zusammen. Sie führt in der Landwirtschaft zum Einsatz von Maschinen und Agrarchemikalien, mit denen man Lebensmittel billiger erzeugen kann. Außerhalb der Landwirtschaft wird die industrielle Bevölkerung gezwungen, Nahrungsmittel über Märkte zu kaufen. Im Zuge der Hebung des Wohlstandes nach dem Zweiten Weltkrieg wird der tägliche Fleischkonsum zum identitätsstiftenden Standard.
Mit der Sesshaftwerdung der Menschheit vor ungefähr 12.000 Jahren hat auch die Tierhaltung begonnen. War damit nicht auch ein höherer Fleischkonsum verbunden?
Ganz im Gegenteil. Die Menschen, die bis vor etwa 10.000 Jahren als Jäger und Sammler lebten, hatten einen höheren Fleischkonsum als die Bauerngesellschaften. Jäger und Sammler lebten davon, was ihnen die Natur bot. Sie sammelten Früchte, Blätter und Wurzeln und jagten auch Tiere.
In den bäuerlichen Gesellschaften wurden Tiere nicht gehalten, um sie zu verzehren, sondern primär als Arbeitstiere, um die Äcker zu bewirtschaften. Wir wissen aus historischen Forschungen, dass die Bauerngesellschaften einen niedrigen Fleischkonsum hatten. Dass Bauernfamilien Tiere hielten, um sie zu schlachten und zu essen, war zwar weit verbreitet, hatte aber nur sekundäre Bedeutung. Die bäuerliche Mastviehhaltung diente fast ausschließlich der Versorgung der eigenen Familie und Arbeitskräfte. Dass man sich auf die Haltung großer Tierbestände konzentriert, dass man im Stall 100 Kühe, 1.000 Schweine oder 10.000 Hühner hält, diese Massentierhaltung ist ein relativ junges Phänomen, es entsteht erst im Lauf des 20. Jahrhunderts.
Franz Waldenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Oberösterreich, bezeichnet die Zahlen zum Weltfleischerschöpfungstag als irreführend, weil der Verzehr bei Weitem nicht dem Verbrauch entspreche. Für ihn ist Fleisch ein wertvolles Lebensmittel, weil es hochwertiges Eiweiß sowie essenzielles Eisen, Zink und Vitamin B12 liefere. Er findet, dass es völlig unberechtigt sei, den Menschen beim Fleischverzehr ein schlechtes Gewissen zu machen. Die Milch- und Fleischproduktion von Wiederkäuern verursache mit 4,9 Prozent nur einen verhältnismäßig kleinen Anteil der CO2-Emissionen im Vergleich mit dem Verkehr, der für 28 Prozent der CO2-Emissionen stehe. Die Nutztierhaltung sei ein unverzichtbarer Bestandteil einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft in der Landwirtschaft.
Er nennt einige Argumente, die auch ich für zutreffend halte. Dass Fleisch aufgrund der enthaltenen Makro- und Mikronährstoffe grundsätzlich ein wertvolles Nahrungsmittel ist, ist unbestritten. Dass die Weideviehhaltung gerade in Österreich mit den alpinen Landschaften ökologisch sinnvoll ist, unterstreiche ich auch. Wenn wir aber den Blick von Österreich hinaus auf die Welt richten, sehen wir, dass der Hauptteil der Masttiere nicht von Gras und Heu leben, sondern von Ackerpflanzen. Ein Drittel aller Äcker weltweit wird genutzt, um Tiere zu ernähren. Das ist eine extreme Vergeudung von Ressourcen. Um eine Kalorie tierisches Nahrungsmittel zu produzieren, benötige ich ein Vielfaches an Ressourcen, an Boden, Wasser und CO2-Emissionen als für eine Kalorie auf pflanzlicher Basis. Der Faktor liegt zwischen drei und zehn, je nach Fleischart.
Es geht nicht vorrangig um die Frage, Fleisch ja oder nein, es geht um die Menge, um das Wieviel. Wie Paracelsus schon gemeint hat: die Dosis macht das Gift.
Es geht auch um den ökologischen Fußabdruck.
Wenn alle Menschen so leben würden wie wir Österreicher, verbrauchten wir die Ressourcen von vier Planeten. Es braucht einen sozial-ökologisch angemessenen Fleischkonsum. Der weltweite Fleischkomplex, also Produktion, Verarbeitung, Handel, Konsum, trägt etwa zu einem Fünftel zur Klimaerwärmung bei. Der Anteil des gesamten Agrar- und Ernährungssystems liegt bei etwa einem Drittel.
In Ländern mit steigendem Wohlstand steigt auch der Fleischkonsum, die Menschen passen sich den westlichen Ernährungsgewohnheiten an.
Die Ernährungsrevolution, die sich in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der sogenannten Wirtschaftswunderzeit ereignete, sehen wir in China und in anderen Schwellenländern im 21. Jahrhundert.
Moralische Appelle zur Änderung der Ernährungsgewohnheiten werden vermutlich nicht helfen. Was kann man tun?
Appelle an das Verhalten der Einzelnen sind gut und schön, sie können einen Beitrag leisten. Darauf zu warten, dauert aber zu lange, weil die Umweltkrise schneller vorangeht. Hier kommt der Staat ins Spiel. Ein sozial-ökologisch verantwortlicher Staat müsste eingreifen, damit sich der Fleischkonsum in eine vernünftige Richtung bewegt.
Welche Möglichkeiten würden Sie für den Staat ins Auge fassen? Er könnte zum Beispiel Steuern verhängen.
Der Staat könnte die Besteuerung so ändern, dass Nahrungsmittel, die ökologisch verträglich sind, steuerlich entlastet, und solche, die viele Ressourcen verbrauchen, belastet werden.
Neben der Steuerpolitik können das Bildungssystem, bereits im Kindergarten beginnend, nachhaltige Ernährung zu einem Leitthema machen.
Die Empfehlungen, sich regional, und nach Möglichkeit sich auch biologisch zu ernähren, werden anerkannt. Aber die Realität ist, dass dem nur rund 20 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten tatsächlich nachkommen. Der Großteil greift nach den billigen Produkten, nach dem Motto: „Wieso soll ich für das Kilo Schnitzel acht Euro bezahlen, wenn ich es um vier Euro auch bekomme?“
Dass die Leute nach dem billigen Schnitzel greifen, hängt auch mit den Marketingstrategien der Lebensmittelindustrie und des Lebensmittelhandels zusammen. Vier Ketten kontrollieren in Österreich den Großteil des Marktes. Der Staat wäre gefordert, dafür zu sorgen, dass die Marktkonzentration nicht überhandnimmt.
Die Märkte argumentieren, wir bieten alle Varianten an, auch Fleisch von tierwohlgerecht gehaltenen Vierbeinern, die Konsumenten entscheiden.
Die Großunternehmen tendieren dazu, die Verantwortung an die Konsumenten abzuschieben. Doch die Konsumenten entscheiden nicht völlig frei, sondern werden auch vom Marketing manipuliert. Im Tabakbereich gibt es ein Werbeverbot für Zigaretten, weil sie gesundheitsschädlich sind. Da auch exzessiver Fleischkonsum nachweislich gesundheitsschädlich ist, wäre ein Werbeverbot für Billigfleischangebote aus industrialisierten Lieferketten argumentierbar.
Die österreichischen Bauern werden sagen, wir sind seit Jahrzehnten in der Defensive, viele haben ihre Höfe aufgeben müssen, solche Maßnahmen sind ein weiterer Schritt, der die Existenz gefährdet.
Die österreichischen Bauern haben bei den Konsumenten ein relativ gutes Image. Die heimische Landwirtschaft steht im Vergleich zum Rest der Welt für eine kleinstrukturierte Form der Agrarwirtschaft. Eine Herkunftsangabe nicht nur im Supermarkt, sondern auch in der Gastronomie würde den inländischen Produzenten vermutlich nützen. Herr und Frau Österreicher essen wohl lieber das österreichische als das holländische Schnitzel.
Sie argumentieren, dass man die Fragen der Landwirtschaft nicht nur national sehen darf, sondern auch global. Wo zum Beispiel?
Die Futtermittel für die Viehmast kommen nicht nur aus Österreich. Neben dem Mais, der die Kohlehydrate liefert, braucht man auch proteinreiche Futtermittel wie den Sojaschrot. Soja kommt zwar teilweise auch aus Österreich, aber die importierte Sojamenge ist um ein Vielfaches höher und kommt hauptsächlich aus Südamerika, wo der Anbau sozial und ökologisch desaströse Folgen hat. Es werden naturnahe Gebiete in Äcker umgewandelt, Savannen- und Regenwaldgebiete, beides Lebensräume indigener und kleinbäuerlicher Gemeinschaften.
Gentechnisch verändert
Der Anbau erfolgt in Südamerika zu 95 Prozent mit gentechnisch veränderten Sojasorten. Diese Pflanzen sind gegen ein bestimmtes Herbizid, Glyphosat, resistent. Wenn Farmer über viele Jahre dieses Saatgut mit Glyphosat anwenden, entsteht ein starker Selektionsdruck für glyphosatresistente Unkräuter. Die Farmer tendieren dann dazu, mehr Glyphosat oder stärkere Herbizide zu verwenden. Das Resultat ist, dass der Einsatz von Herbiziden massiv hinaufgeht. was nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen schädigt. In diesen Gebieten häuften sich dann zum Beispiel Missbildungen bei Neugeborenen.
Sie sind von Beruf Historiker. Worin ist Ihr Interesse an der Ernährung begründet?
Mein Interesse rührt daher, dass Nahrungsmittel etwas Grundsätzliches sind. Als Historiker interessiert mich, woher kommt das, was für uns heute normal ist? Wir müssen die Vergangenheit verstehen, um uns in der Gegenwart zu orientieren und die Zukunft zu gestalten.
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