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Expertin: „In der Regel töten Männer – und das sehr gewaltvoll“

Eva Schuh, die Leiterin des Gewaltschutzzentrums in OÖ, über Cybercrime im Vormarsch, ein Waffenverbot und mehr Aggression im Alltag.
Eine Frau mit Brille und blauem Oberteil sitzt lächelnd an einem Schreibtisch in einem Büro mit Regal im Hintergrund.

Ein Toter durch Messerstiche im März. Ein Schwerverletzter durch einen Beilangriff im April. Zwei erschossene Frauen und ein Täter, der sich selbst tötet im Mai. Alle drei Vorfälle spielen sich mitten in Linz ab.

Eva Schuh leitet das Gewaltschutzzentrum in Oberösterreich. 2025 betreute die Einrichtung 3.899 Menschen, die von Gewalt in Beziehungen betroffen sind.

80 Prozent davon sind Frauen. Bei den Männern in der Beratung handelt es sich um solche, die Gewalt von Brüdern, Vätern oder Verwandten erfahren. Im KURIER-Interview spricht sie unter anderem über mögliche Parallelen zwischen den Gewalttaten.

KURIER: Wo beginnt Gewalt?

Eva Schuh: Gewalt beginnt nicht mit dem ersten Hinhauen, sondern, wie unsere Klientinnen immer berichten, viel früher. Das fängt an mit Abwertungen, Demütigungen, Schubsen, an den Haaren reißen, Kontrolle, auch des Handys.

Gibt es Parallelen zwischen den drei massiven Gewalttaten in Linz?

Die Täter waren in allen drei Fällen Männer. In der Regel töten Männer – und das sehr gewaltvoll. Überall kamen Waffen zum Einsatz. Letztes Jahr wurden 43 Prozent der Morde in Österreich mit einer Schusswaffe begangen. Es gibt eine Verschärfung des Waffengesetzes, aber die geht meiner Meinung nach nicht weit genug. Privatbesitz von Waffen sollte verboten sein.

Was ist mit Jägern und Sportschützen?

Die brauchen Regeln, dass die Waffen speziell aufbewahrt sein müssen und auch keine gesonderte Behandlung bei der psychologischen Testung, wie es jetzt der Fall ist.

Eine Person mit Mütze und Jacke zielt mit einem Gewehr im Wald.

Schuh fordert auch psychologische Testung für Jäger und Sportschützen.

Hätten die drei letzten Gewalttaten verhindert werden können?

Morde wird man nie gänzlich verhindern können. Aber man kann viel gegen die Gewalt tun, die oft klein beginnt und sich steigert. Da geht es um Konfliktlösungen, das Aufbrechen patriarchaler Strukturen und die Stärkung von Frauen.

Vergangene Woche gab es aufgrund der Häufung von Gewalttaten einen Sicherheitsgipfel in Linz. Sie waren dabei. Geht es in die richtige Richtung?

Es wurde viel über psychische Belastungen, Alkohol und Drogen gesprochen. Künftig wäre wichtig, dass, wenn es um Morde oder schwere Gewalt geht, auch Einrichtungen, die mit Tätern arbeiten, eingebunden werden.

Das subjektive Empfinden vieler ist, dass die Aggression im Alltag zunimmt.

Das kann ich bestätigen. Das beginnt bei der Sprache, bei der Art und Weise, wie wir miteinander sprechen. Da wird ungefiltert beschimpft, gedemütigt, abgewertet. Viele Menschen haben verlernt, zu diskutieren. Kompromisse werden als schlecht empfunden, dabei sind sie etwas Positives.

Welche Faktoren führen zu dieser Entwicklung?

Die Corona-Pandemie war da sicher ein Knackpunkt. Weltweit agieren Politiker, die eigentlich Vorbilder sein sollten, sich aber nicht wie solche benehmen. Was die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau betrifft, bewegen wir uns wieder rückwärts. Da gibt es in den sozialen Medien Influencer, die propagieren, dass die Frau dem Mann zu gehorchen hat, und Frauen, die dafür werben, keinen Beruf auszuüben, sondern daheim bei den Kindern zu bleiben und den Mann zu versorgen. Die meisten wissen gar nicht, in welche Abhängigkeiten sie sich begeben.

Viele Menschen haben verlernt, zu diskutieren. Kompromisse werden als schlecht empfunden, dabei sind sie etwas Positives.

von Eva Schuh

Gewaltschutzzentrum OÖ

Welche Bereiche haben sich in der Beratung in den vergangenen Jahren verschärft?

Wir sind immer häufiger mit Cybergewalt, also Überwachungen, ins Netz gestellten Bilder, Drohungen über diverse Kanäle oder Mails an Arbeitgeber konfrontiert. Dafür braucht es spezielle Schulungen, weil die Entwicklungen so rasch passiert. Deswegen arbeiten wir etwa eng mit einem digitalen Forensiker zusammen.

Was muss passieren, damit Menschen Hilfe in Anspruch nehmen?

Das ist unterschiedlich. Rund zwei Drittel unserer Klientinnen kommen, weil wir nach einem Betretungs- und Annäherungsverbot mit ihnen Kontakt aufgenommen haben. Wir bekommen die Infos von der Exekutive und gehen dann aktiv auf die Betroffenen zu. In der Regel ist es so, dass Frauen schon mehrmals, oft auch über einen längeren Zeitraum, Gewalt erlebt haben, bevor sie sich melden. Die Täter entschuldigen sich ja oft nach den ersten Vorfällen, versprechen, sich zu ändern.

Was können Sie den Betroffenen anbieten?

Zuerst geht es immer um Schutz und Sicherheit, dann um rechtliche Infos. Sollte es zu einem Strafverfahren kommen, bieten wir Prozessbegleitung an. Psychosoziale Beratung ist ein großer Schwerpunkt. Wir wollen den Frauen zeigen, welche Ressourcen und Stärken sie haben. Wir zeigen Möglichkeiten auf; die Entscheidungen der Frauen sind dann immer zu akzeptieren.

Wenn bei einer Frau akut Gefahr in Verzug ist und sie keine Hilfe möchte, passiert also nichts?

Dann ist das so. Ansonsten wäre das der nächste Übergriff, wenn wir gegen den Willen der Frau handeln würden. Eine Ausnahme ist die Kindeswohlgefährdung.

Wie geht es Gewaltopfern bei Gericht?

Die meisten Richterinnen und Richter sind mittlerweile gut sensibilisiert. Aber es gibt in den Köpfen mancher noch immer ein Bild, wie ein Opfer sein muss. Nicht alle können damit umgehen, wenn da zum Beispiel keine geknickte, sondern eine selbstbewusste Frau vor ihnen sitzt. Und natürlich kann es traumatisierend für die Frauen sein, das Erlebte immer wieder erzählen zu müssen.

Gibt es gute, gesellschaftliche Veränderungen?

Ich sehe eine Tendenz, dass immer mehr Männer aufstehen und für die Frauen mitkämpfen. Das ist wichtig. Männer sollten sich einfach fragen: Wie möchte ich, dass meine Tochter, meine Schwester, meine Mutter behandelt wird – und danach handeln. Deswegen ist es entscheidend, schon sehr früh mit der Burschenarbeit zu beginnen – und die Täter nicht zu vergessen. Wir haben lange dafür gekämpft, dass Beratung nach einer Wegweisung für die Täter verpflichtend ist.

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