BMW-Geschäftsführer: „Sind konkurrenzfähig nur über Kompetenz und Innovation“

Die Zeiten sind auch für BMW herausfordernd: Die Arbeitskosten sind zu hoch, Schulabgängern fehlt es an Qualifikation.
Harald Gottsche

BMW Steyr öffnet im Zug der langen Nacht der Forschung am kommenden Freitag, den 24. April von 17 bis 21 Uhr die Werkshallen für interessierte Besucher. Harald Gottsche ist seit Jahresbeginn Geschäftsführer in Steyr, zuvor war er fünf Jahre lang Geschäftsführer in Mexiko. Zugleich ist der 52-Jährige Leiter der weltweiten Antriebsproduktion von BMW.

KURIER: Was ist der Unterschied zwischen der Produktion in Mexiko und in Steyr?

Harald Gottsche: Das Werk in Mexiko ist sehr jung, es wurde 2019 eröffnet. Es ist mit einer Fläche von 300 Hektar sehr groß. Es werden derzeit rund 100.000 Autos pro Jahr produziert.

Welche?

BMW Dreier, 2er Coupe und M2. 2er Coupe und M2 exklusiv für die Weltmärkte, der Dreier wird auch in München und in China gebaut.

Die Mannschaft ist mit einem Durchschnittsalter von 32 Jahren eine sehr junge, sie ist mit einem Anteil von 35 Prozent auch sehr weiblich. Steyr hat mit über 40 Jahren eine lange Tradition. Dei Mannschaft ist sehr kompetent und erfahren. Sie baut 1,2 Millionen Verbrenner-Motoren im Jahr. Vergangenes Jahr haben wir mit den Elektromotoren begonnen, es waren rund 9.000 Stück, heuer werden es 100.000 sein. Die Fläche ist mit 25 Hektar viel kleiner, jeder Quadratmeter wird effizient ausgenutzt.

Wichtig ist, dass wir bei BMW überall dieselben Qualitätsstandards haben. Sie merken nicht, ob das Auto aus München, China oder Mexiko kommt. Dafür investieren wir auch viel.

Das Umfeld von Mexiko und von Steyr ist natürlich ein ganz anderes. Für viele Mexikaner sind Deutschland und Österreich ein Vorbild. Beide Länder haben einen sehr guten Ruf. Sie werden als Europäer viel freundlicher bedient als, wie wenn sie sagen, sie kommen aus den USA.

Wie schätzen die Mexikaner die Amerikaner ein?

Es ist eine Hassliebe. Einerseits ist es der Traum vieler Mexikaner, in den USA zu arbeiten. Andererseits fühlen sie sich bevormundet und nicht wertgeschätzt. Das spüren die Mexikaner, die auch ein stolzes Volk sind.

Das Arbeitsumfeld in Mexiko ist ein anderes als hier. Die Arbeitswoche beträgt dort 48 Stunden. 12 Tage Urlaub, im Durchschnitt drei Krankenstandstage im Jahr. Die Menschen sind sehr fleißig und auch sehr flexibel. Wenn man am Freitag sagt, wir müssen am Samstag arbeiten, dann geht das. Wenn man mittags sagt, wir müssen statt bis 24 bis 2 Uhr früh arbeiten, dann ist das möglich.

Jetzt müsste BMW konsequenterweise sagen, in Mexiko wird viel billiger produziert, wir verlagern die Produktion dorthin. Warum produziert BMW in Steyr?

BMW hat in Steyr für die Verbrennungsmotoren über das letzte Jahrzehnt rund zwei Milliarden Euro investiert, für die Elektromotoren-Produktion zusätzlich eine Milliarde. Warum? Weil wir hier sehr kompetente Mitarbeiter haben, die sehr hohe Qualität liefern und die auch im Anlauf neuer Produkte sehr gut sind.

Wir haben eine enge Verbindung mit der Motoren-Entwicklung. Der Entwicklungsstandort ist Teil des Werksgeländes, da arbeiten 650 Entwickler. Wir können mit Ländern, die billiger produzieren, nur mithalten, wenn wir etwas Besseres produzieren. Die enge Verbindung von Entwicklung und Produktion hilft uns und ist ein hoher Wert.

Der vierte Punkt ist, dass wir hier ein sehr gutes Öko-System an Lieferanten haben. Die Wertschöpfung liegt nicht nur an uns, an dem, was wir hier im Werk machen, sondern wir brauchen viele Zulieferteile für unsere Motoren. Diese findet man in Nordamerika nicht in der Qualität, die wir benötigen.

Das ist die Schwäche des Standortes in Mexiko.

Das Öko-System des Lieferantennetzwerks ist dort noch nicht so in der Tiefe vorhanden. Das, was wir bauen, erfordert an Komponenten, Materialien und an Toleranzen ein anderes Niveau als das, was heute in Nordamerika möglich ist.

Was ist die Schwäche des Standortes Steyr? Vermutlich ist er teuer.

Ja, es sind die Arbeitskosten. Österreich ist in den Arbeitskosten teurer geworden als Deutschland, es ist unter den teuersten Standorten Europas. Das ist eindeutig eine Schwäche, an der wir arbeiten müssen. Wir arbeiten daran, indem wir unsere Prozesse ständig optimieren, indem wir die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) einsetzen.

Sie versuchen, durch technische Innovationen die Arbeitskosten zu senken?

Ja, natürlich, das müssen wir. Jeder Mitarbeiter arbeitet daran, wie er den Prozess optimieren kann. Wie lange läuft die Maschine produktiv, wie kann er sie erhöhen, damit sie keine Ausfallzeiten hat. Ein Beispiel: Wir müssen beim Elektromotor die Kupferkabel mit einem speziellen Stoff isolieren. Das muss man ständig überprüfen. Wenn man das händisch machen würde, müsste man 20 Leute anstellen, die ständig Schriftbilder prüfen. Mit der KI machen wir das automatisiert. Der Prozess dafür ist bei uns. Gleichzeitig müssen wir die Arbeitskosten senken, das heißt, die Mitarbeiter effizient einsetzen.

Harald Gottsche

Gottsche bei seinen Mitarbeitern.

Wie können wir die Taktzeiten optimieren, damit wir die Mitarbeiter gut auslasten? Wie können wir jemanden, der in Karenz war, wieder gut integrieren? Dass sich zum Beispiel drei Mütter so ergänzen, dass sie gemeinsam das Schichtmodell abdecken können.

Welche Erwartungshaltung haben Sie an die Politik bzw. die Regierung?

Die Arbeitskosten sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Frage ist, wie können wir sie senken? Wie können wir die Energiepreise senken? Sie waren Kerntreiber der Inflation, die wiederum hohe Kollektivvertragsabschlüsse bedingt haben. Es sind auch die Arbeitsnebenkosten ein Thema. Wenn manche sagen, da können wir gerade nicht ran, ist das strategisch für den Standort Österreich gefährlich. Österreich muss bei der Arbeit wieder weg von den Spitzenplätzen in der EU.

Wie stark trifft Sie die Explosion der Öl- und Gaspreise, ausgelöst durch den Krieg gegen den Iran?

Unmittelbar nicht so stark. Wir haben im Werk nicht so hohe Energiekosten. Wir verwenden aber Materialien wie Stahl oder Guss, die hohen Energiebedarf haben. Das kann uns treffen. Unsere Aluminium-E-Motoren-Gehäuse werden in Landshut gegossen. Das Aluminium stammt zu einem großen Teil aus Dubai, weil dort das Aluminium mit Photovoltaik in nachhaltiger Weise erzeugt wird. Diese Lieferketten sind nun gefährdet. Es geht auch um Motoröle, die unter anderem aus einer Raffinerie aus Dubai kommen.

Sie haben hoch qualifizierte Mitarbeiter. Stehen sie in ausreichender Anzahl zur Verfügung?

Grundsätzlich finden wir Mitarbeiter, wir tun uns aber schwer bei hoch qualifizierten Fachkräften. Zum Beispiel bei den elektrischen Instandhaltern. Das ist eine echte Mangelqualifikation.

Was braucht es dafür?

Elektrische Instandhalter brauchen eine Ausbildung über drei Jahre und Berufserfahrung. Es ist anspruchsvoll, in der Steuerungstechnik unsere Maschinen zu warten. Bei vielen Qualifikationen und Berufsfeldern nehmen wir das Heft selbst in die Hand. Wir bilden auch selbst aus. Die gute Nachricht ist, dass beim heurigen Lehrlingsstart ein Drittel unserer Auszubildenden weiblich ist. Andererseits haben wir im vergangenen Jahr nicht alle Lehrplätze besetzen können, weil die Bewerber von der Schule her nicht das mitgebracht haben, was wir brauchen: Grundfertigkeiten in der Mathematik, im Leseverständnis, im manuellen Handling, im Durchhaltevermögen („wie gehe ich mit Frustration um, wenn nicht gleich über Tiktok die Bestätigung kommt?“). Das ist nicht mehr so einfach wie früher.

Es gibt gewisse Mängel?

Ja, die gibt es. Wir sind hier auch im Gespräch. Das Thema Bildung in der Schule ist eines der Kernthemen. Hier muss die Gesellschaft einiges tun, damit wir die Fertigkeiten haben, die wir benötigen. Wir können nur über Kompetenz und Innovation konkurrenzfähig bleiben. Die Kompetenz der Mitarbeiter ist das A und O. Wir sind in Gefahr, sie zu verlieren. Deshalb müssen wir in die Bildung investieren.

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