Autorin Rath: „Wir sind verwöhnt. Verzicht ist enorm anstrengend“

Pamela Rath, die Autorin des Buchs „Die Kunst des Aushaltens“, plädiert für mehr Selbstverantwortung.
Pamela Rath

„Ich bin ein Stahlstadtkind“, sagt Pamela Rath über sich. Die 50-Jährige ist in Linz geboren und aufgewachsen. Sie hat das Khevenhüller-Gymnasium absolviert. Anschließend wechselte sie nach Wien, um Italienisch und Spanisch zu studieren. Sie ist seit 20 Jahren in der Personalberatung tätig. 2020 machte sie zusätzlich einen Abschluss (Master) in Arbeits- und Organisationspsychologie. Sie ist im Hauptberuf Diversitätsmanagerin beim ÖAMTC, weiters ist sie als Unternehmensberaterin für die Themen New Work (moderne Arbeitsformen) und Diversity (Vielfalt und Verschiedenheit im Unternehmenskontext) selbstständig.

KURIER: Was verstehen Sie unter Diversity?

Pamela Rath: Die Diversität hat sieben innere Dimensionen der menschlichen Identität: Migrationshintergrund, Geschlecht, Alter, Religionshintergrund, sexuelle Orientierung und Identität, Behinderung und soziale Herkunft. Mit diesen sieben Perspektiven sind Menschen entweder einmal marginalisiert oder mehrfach betroffen. Marginalisiert heißt, sie sind an den Rand gedrängt. Das bedeutet, sie haben nicht die gleiche strukturelle und finanzielle Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs, am gesellschaftlichen Leben, an den Entscheidungen und nicht dieselben Chancen wie die Mehrheitsgesellschaft. Diversitätsbeauftragte bestreben die Gleichberechtigung und Gleichstellung, die im Gesetz verankert ist, in die Realität umzusetzen.

Sie haben ein sehr bemerkenswertes Buch mit dem Titel „Die Kunst des Aushaltens“ geschrieben. Was verstehen Sie unter Aushalten?

Es ist ein wunderschönes Wort. Der Wortstamm kommt aus dem Mittelhochdeutschen und leitet sich von Hüten ab. Es hat die Konnotation (Nebenbedeutung) von Dauer und/oder bezieht sich immer auf ein Objekt. Das Halten kann ein Zustand mit oder ohne Dynamik sein. Ambivalenzen (Erleben von Gegensätzlichem) und Ambiguitäten (Mehr- oder Doppeldeutigkeit) haben mich immer schon fasziniert. Aus dem Entweder-oder ein Sowohl-als-auch machen.

Aushalten ist nicht in. Es ist Emotion gefragt, unter anderem eine Auswirkung der sozialen Medien, in denen man lediglich durch extreme Positionen auffällt und nicht durch Ausgewogenheit. Etwas durchtragen ist out, obwohl es im Leben vieler Menschen um das Durchtragen geht.

Wir leben im öffentlichen Diskurs von Emotionen. Die Medien am allerbesten. Die Gesellschaft möchte und braucht etwas ganz anderes. Die Menschen möchten die Mitte, sie brauchen die Ruhe, sie wollen Konstanz, sie wollen nicht aufgeregt durch das Leben gehen. Wenn sie aufgeregt sind, wollen sie sich wieder rasch beruhigen können. Die Menschen brauchen das Gegenteil der Extreme, um bei ihren Ressourcen und Kräften zu bleiben. Die Menschen sind den Extremen ausgesetzt ...

... und sie setzen sich ihnen auch aus ...

Ja, absolut. Aber hier muss man dann entscheiden, ob sich das auszahlt. Kann ich das aushalten? Um welchen Preis halte ich das aus?

Bringt einem das überhaupt etwas?

Zahlt sich das aus? Will ich das aushalten? Kann ich das aushalten?

Bringt das überhaupt etwas?

Es geht um das Hinschauen auf mich und meine Ressourcen, auf die Entscheidung hin, muss ich das überhaupt aushalten? Ist das Aushalten fremd- oder selbstbestimmt? Es geht um das Erkennen, wo ich meinen eigenen Einflussbereich habe und danach Handlungen zu setzen.

An der aktuellen Weltlage können wir nichts ändern. Wir müssen lernen, damit umzugehen, ohne darunter zu leiden. Da sind wir mitten im Aushalten.

Was ist der Unterschied zwischen Ertragen und Aushalten?

Das Wort Ertragen wird meist dann gewählt, wenn es um eine Belastung geht, die fremdbestimmt ist. Es wir jemandem ein Rucksack umgeschnallt, den sich die betreffende Person gar nicht ausgesucht hat. Mit dieser Belastung geht dieser Mensch dann weiter.

In der Vergangenheit wurde vielfach proklamiert, man solle das Leben genießen, die Selbstverantwortung wurde zurückgedrängt. So manche gehen beispielsweise relativ verantwortungslos in die Berge, wenn sie nicht mehr weiterkönnen, lassen sie sich vom Hubschrauber ausfliegen, weil das alles nichts kostet.

Unsere Generation ist mit der Vorstellung aufgewachsen, es geht nur um Unterhaltung. Alles ist möglich, alles ist eitel Wonne, alle machen alles. Gerade in Westeuropa waren wir verwöhnt von der Solidargemeinschaft. Wir haben die Mentalität entwickelt, das steht mir zu. Wenn man so aufgewachsen ist und der Zeitpunkt kommt, dass einem etwas weggenommen wird, dann ist dieser Verzicht unfassbar anstrengend. Damit können die Menschen überhaupt nicht gut umgehen.

Pamela Rath

Pamela Rath

US-Präsident Donald Trump hat die Angriffe auf den Iran angekündigt. Da ist es doch, gelinde gesagt, mutig, nach Dubai auf Urlaub zu fahren. Außer, man weiß nicht, wo Dubai liegt. So manche geschädigte Dubai-reisende erwarten, dass ihnen von der Regierung oder der Fluglinie die Hotel- und Flugkosten beglichen werden. Wenn das nicht stattfindet, sind sie empört.

Durch die Verwöhnung des Aufschwungs in den 1980er- und 1990er-Jahren und durch die Tatsache, dass wir seit 80 Jahren in Frieden gelebt haben, wissen wir nicht mehr, dass es auch Entbehrungen gibt und dass einem nicht alles geschenkt wird. Es ist relativ neu, dass wir auch selber dafür zuständig sind. Der Diskurs, dass wir wieder verhandeln, was soll und darf der Staat allen vorgeben, hat sich erst durch die Corona-Epidemie so allseits spürbar aufgedrängt, und das spaltet die Gesellschaft.

Ein anderes Beispiel. Ein junger Mann wollte barfuß den Traunstein besteigen. Er kam in Schwierigkeiten, er verständigte die 75 die Bergrettung, er wurde von einem Hubschrauber abgeholt. Als er hörte, dass er für die Kosten des Hubschraubers aufkommen müsse, wollte er zuerst nicht einsteigen, was er aber dann nach Diskussion mit der Bergrettung doch tat. Es werden Verrücktheiten an den Tag gelegt, die Kosten soll die Allgemeinheit übernehmen.

Die Selbstverantwortung der Einzelperson steht offenbar auch zur Diskussion, wenn es sich um Fahrlässigkeit handelt.

Die Kosten laufen davon.

Es ist gut aus meiner Sicht, dass das diskutiert wird. Auch hier werden immer wieder die Grauzonen von fahrlässig bis grenzwertig ersichtlich sein. Das gehört laufend neu ausverhandelt, weil sich die Dinge ändern. Dieses Ausverhandeln, dieses nicht eindeutig richtig oder falsch, diese Grauzonen sind für die Menschen sehr belastend. Denn sie bevorzugen Orientierung.

Zeitenwandel

Wir sind in einem Zeitenwandel. Die Verhältnisse, in denen wir aufgewachsen sind, gibt es nicht mehr. Wir sind in einer neuen Weltordnung. Wir haben es uns in den 1990er-Jahren niemals vorgestellt, dass es wieder imperialistische Anwandlungen gibt. Es ist unfassbar belastend, dass diese Welt sich in diese Richtung dreht. Keiner weiß, wie lange das dauert. Wir können uns auch darauf nicht verlassen, dass es die Regierung bzw. die Politik wieder richtet. Das schwindende Vertrauen in die Politik belastet die Demokratie. Es herrscht Misstrauen gegenüber der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaft.

In dem Moment, in dem die Menschen draufkommen, dass sie unfreiwillig wieder so viel Selbstverantwortung bekommen, ist es klar, dass sie sich ihre eigenen Regeln machen. Es ist wahnsinnig anstrengend, dieses Spannungsfeld auszuhalten und nicht zu wissen, was richtig und was falsch ist. Aushalten ist eine Anstrengung.

Das spricht fast niemand aus.

Ich habe mich im Buch damit auseinandergesetzt. Es ist mir um die globale Belastung aus der Pandemie heraus gegangen. Wie soll man die Lockdowns aushalten, wie die Krisen, die daraus entstanden sind? Das war allen zu viel. Dann kam der Ukraine-Krieg, die Kosten für das Gas sind explodiert. Diese Überforderung hat sich für mich so prägnant angefühlt. Wie soll ich das aushalten? Dieses geflügelte Wort ist aus dem Umfeld immer wieder zu mir gekommen.

Ohnmacht

Offensichtlich ging es nicht nur mir so, sondern sehr vielen Menschen, die in einer gewissen Ohnmacht sind. Das ist schlecht, denn in der Ohnmacht ist man handlungsunfähig. Es war auch meine eigene Reise, denn ich will wissen, wie man besser aushält. So ist auch die Idee entstanden, mich im Buch mit 17 Menschen zu unterhalten.

Ich bin nicht die Expertin für das Aushalten, sondern dafür, darüber zu reden. Ich glaube, wir sind noch nicht genug gerüstet für diese Zeit.

Kann man das Aushalten lernen?

Absolut. 

Wie?

In der Auseinandersetzung. Alles, was in Richtung Resilienz geht, ist Aushalten, alles, was in Richtung Toleranz geht, ist Aushalten.

Was verstehen Sie unter  Resilienz?

Es ist die psychische Widerstandsfähigkeit. Der Vitalpsychologe Bardia Monshi spricht vom Immunsystem der Psyche. Die Widerstandsfähigkeit ist ein Schutzmechanismus. Mit der Resilienz ziehe ich mir, in meinem Verständnis, einen Regenmantel an, mit dem ich den Körper schütze. Aushalten ist das Gegenteil. Ich weiß, ich kann mich nicht schützen, ich muss mich dem aussetzen und muss es schaffen. Ich entscheide mich, das ohne Schutzmantel zu schaffen. Das Aushalten ist ein bisschen mehr Hingabe.

Wie lernt man das?

Meine Disziplin, die Diversität, hilft. In der Diversität hat man den Dialog, den Austausch, unterschiedliche Perspektiven. Als Erstes lernt man, dass es nicht nur eine Wahrheit, nur ein Weltbild gibt. Deine Welt ist nur eine, die von der jeder anderen Person ist eine komplett andere. Und beide haben ihre Berechtigung. Das auszuhalten ist schon ein guter Anfang.

Es gibt nicht die absolute Wahrheit.

Wer das einmal begriffen hat, ist schon einen großen Schritt weiter. Du lernst, dich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Du lernst, den Widerstand anzunehmen. Das ist ein Problem für das Ego. Das betrifft die gesamte Identität. Es ist eine Verletzung des Egos, die wir zu vermeiden suchen. Wir lernen, mit der Verletzung jedes Mal besser umzugehen. Das ist Aushalten. Je mehr ich in den Diskurs gehe, desto resilienter werde ich für andere Meinungen. Eine andere Möglichkeit ist die Demokratie. Sie auszuhalten ist extrem schwierig. Demokratie heißt, dass meine Meinung ebenso gilt wie die komplett diametral andere. In unserer Kultur, in unserem System, in unseren gesellschaftlichen Regeln existiert beides gleichwertig. Das verstehen ganz viele Menschen nicht. Sie glauben, die Mehrheit bestimmt über alle, die Minderheiten müssen sich anpassen. Umgekehrt nimmt der Ruf nach Schutz und Gleichberechtigung der Minderheiten so viel Raum ein, verständlicherweise, dass die Mehrheit glaubt, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist ein ständiger Konflikt, den viele Menschen nicht aushalten können.

Kommentare