Autor Kutzenberger: „Hans Christian Andersen war ein Linz-Fan“

Stefan Kutzenberger schreibt in seinem neuen Roman „Die Liste der Lebenden“ über die Beziehung des Märchenerzählers Hans Christian Andersen zu Henriette Wulff.
Stefan Kutzenberger

„Immer, wenn Andersen nach Wien gefahren ist, hat er in Linz Station gemacht. Er war ein Linz-Fan“, erzählt der Schriftsteller Stefan Kutzenberger über den bekannten dänischen Märchenerzähler Hans Christian Andersen (1805–1875), der die Hauptfigur seines soeben erschienenen Romans „Die Liste der Lebenden“ (Picus Verlag, 24 €) ist. Kutzenberger stellt das Buch kommenden Donnerstag, den 26. März, um 19.30 Uhr im Linzer Stifterhaus vor.

Andersen sei sechs Mal in Linz gewesen. „Er hat zwar Wien gern gehabt, aber Linz war ihm lieber.“ Andersen beschreibe die Stadt sehr genau, die Donau habe ihn fasziniert, er sei hier das erste Mal mit der Pferdeeisenbahn gefahren. „Das war eines der ganz wesentlichen Erlebnisse in seinem Leben. Er sagt, das ist wie Fliegen.“ Andersen sei einerseits technikgläubig, andererseits aber gleichzeitig romantisch und naturverbunden gewesen.

"Bin ein Oberösterreicher"

Obwohl Kutzenberger seit über 30 Jahren in Wien lebt, versteht sich der 54-Jährige noch immer als Oberösterreicher. Er ist in Linz aufgewachsen, mit dem Studium ging es 1991 nach Wien. Kutzenberger: „Ich verstehe mich als oberösterreichischer Mensch und Schriftsteller. Das bringt man nicht aus mir heraus.“

„Die Liste der Lebenden“ ist sein vierter Roman. Und es ist der Erste, in dem der bisherige Hauptdarsteller nicht Stefan Kutzenberger heiße. Der dritte Roman „Kilometer null“ (2022) habe in Wels gespielt und in Südamerika geendet, wo Kutzenberger ermordet worden sei. „Jetzt bin plötzlich ohne meinen Protagonisten Kutzenberger dagestanden. Das war schwieriger, als ich mir gedacht habe. Ich bin fast abergläubisch geworden und habe mir gedacht, man ermordet nicht ungestraft einen Schriftsteller.“

Stefan Kutzenberger

Kutzenberger mit indonesischen Studenten seiner Literatur-Vorlesung.

Er habe dann für das Leopold-Museum in Wien eine Ausstellung über Schriftsteller-Porträts kuratiert. Da sei ein Porträt von Andersen vorgekommen. „Als ich über ihn gelesen habe, bin ich darauf gekommen, dass seine Freundin Henriette Wulff am 13. September 1858 an Bord des Auswandererschiffes namens Austria war, das am Weg von Hamburg nach New York war und am Atlantik verbrannt ist. Das war die größte Schiffskatastrophe des 19. Jahrhunderts. Von den 544 Passagieren haben nur 89 überlebt. “

Was war das für eine Beziehung?

Im Buch gehe es um Henriette Wulff und ihre Beziehung zu Andersen. Es sei ein fiktiver Briefwechsel. Wulff habe den Brand überlebt und sich auf eine treibende Tür gerettet. „Sie lässt ihr Leben und die letzten Tage an Bord Revue passieren: das Feuer, die Beziehung zum Kapitän, die sie gehabt hat, sie denkt an Andersen, der ihr bester Freund war, an das, was sie ihm nicht gesagt hat. Den Tod vor Augen sagt sie sich, was war das eigentlich für eine Beziehung? Warum waren wir nie zusammen? Sie ist schonungslos ehrlich.“

Kein Geschlechtsverkehr

Andersen habe als junger Mann einen Pakt mit sich selber geschlossen, und sich gesagt, er werde seine Unschuld nie verlieren. Wenn er es schaffe, keinen Geschlechtsverkehr zu haben, dann werde er sein Leben lang als Schriftsteller die Kraft haben, Literatur zu schaffen. „Er hat sich gesagt, er muss sich den unschuldigen Blick der Kinder bewahren, dann kann er seine Geschichten, Märchen, Erzählungen schreiben. Er hat einen Pakt mit Gott gemacht. Wenn ich unschuldig bleibe, werde ich ein berühmter Schriftsteller. Das ist ihm aufgegangen. Er war bereits zu Lebzeiten ein weltberühmter Schriftsteller.“

Stefan Kutzenberger

Kutzenberger mit den Führungskräften der Universität von Suraya.

Kutzenberger hält auch Literaturlesungen an der Universität Wien. Als er im Februar vier Wochen zu Gastvorlesungen in Suraya war, mit drei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Indonesiens und die Geburtsstadt seiner Mutter, hat er bereits Ideen für den fünften Roman gesammelt. „Der neue Roman kribbelt mich jetzt.“

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