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Zwentendorf: Das jähe Ende des Kerngedankens

Das Atomkraftwerk mitten in Niederösterreich ist nie in Betrieb gegangen. Ein KURIER-Besuch in der größten Investitionsruine der Republik.
Im AKW Zwentendorf steht ein Mann vor einer Infotafel, umgeben von Rohren und einer Leiter.

Die große Uhr an der Wand der Schaltwarte zeigt fünf vor Zwölf. Aber keine Sorge, sie ist längst stehen geblieben. So wie die Zeit auch in all den anderen schmucklosen Räumen, endlosen Gängen und riesigen Hallen vor 48 Jahren urplötzlich angehalten wurde.

„Zwentendorf steht für ein permanentes Scheitern. Hier ist über drei Jahrzehnte alles gescheitert, was geplant wurde“, sagt EVN-Sprecher Stefan Zach. Ein Umstand, der in erster Linie den Österreicherinnen und Österreichern zu verdanken ist. Oder besser gesagt 50,5 Prozent von ihnen: So viele stimmten nämlich am 5. November 1978 bei einer Wahlbeteiligung von 64 Prozent gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks mitten in Niederösterreich. Dass es damals bereits erbaut und bis ins kleinste Detail betriebsfertig war, störte außer den Investoren und den 200 hoch qualifizierten Mitarbeitern niemand. Schon gar nicht SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky, der bei einem „Nein“ der Bevölkerung eigentlich zurücktreten wollte – und dennoch weitere viereinhalb Jahre im Amt verblieben ist.

Großer Kontrollraum mit Schreibtischen, Monitoren, Telefonen, Tastaturen und vielen Schaltern an den Wänden.

Die verwaiste Warte.

Konservierung

So kam es, dass in der damals topmodernen Anlage, die 1,8 Millionen Haushalte mit Strom hätte versorgen sollen, nicht eine Kilowattstunde Strom produziert wurde. Gearbeitet wurde dort dennoch – in der Hoffnung, dass die Politik ihre Meinung ändert. Alle 200 Mitarbeiter waren damit beschäftigt, das AKW zu konservieren.

„Es muss schrecklich gewesen sein. Das einzig Sinnvolle, was in dieser Zeit hier geschehen ist, war das Einschweißen von Metallverbindungen und Leitungen in Plastik, damit nichts rosten oder korrodieren konnte“, weiß Zach, und zeigt die Überreste dieser Arbeiten im Steuerstabantriebsraum. Wobei die Langeweile sogar dokumentiert wurde, und zwar in den Schichtbüchern der Betriebswärter. Am 20. Februar 1985 schrieb ein Herr Eßbüchl: „14 Uhr: Werkzeug und Schlüsselkasten übernommen.“ Eine Stunde später: „Tankpeilung durchgeführt.“ Um 21:05 dann wurden „Rundgänge laut Plan durchgeführt“ – die Schicht dauerte aber noch immer eine Stunde. 500 Millionen Euro – und damit so viel wie die Erbauung des AKW – kostete die Konservierung. 1985 zogen die Eigentümer endlich einen Schlussstrich.

Was blieb, sind 95 Prozent des Originalinventars (der Plan, die Maschinen als Ersatzteile zu verkaufen, scheiterte nämlich ebenso wie alle anderen Pläne), und die einmalige Chance, ein Atomkraftwerk von innen zu erleben. In der Halle, in der die Brennelemente gewechselt werden sollten, sieht man tief in den Kern des AKW. Durch kreisrunde Montageöffnungen offenbart sich die Kondensationskammer, in der sich dicke Rohröffnungen aneinanderreihen. Und wer bis in den Steuerstabantriebsraum vordringt, der ist mit hallenden Schritten im Herzen der Anlage angelangt.

Bedienpult mit zahlreichen farbigen Tasten, einem Telefonhörer und Beschriftungen für verschiedene Steuerfunktionen.

Die Schaltanlage in der Brennelementehalle.

Das letzte Stündchen

Alles im AKW Zwentendorf wurde im großen Maßstab geplant. Dass die sterilen Waschbecken im Ein- und Ausgangsbereich ebenso wenig genützt werden würden wie die Schutzanzüge und die knallgelbe Unterwäsche, die dort heute für Besucherinnen und Besucher zur Schau gestellt werden, konnte man bei der Erbauung ja nicht ahnen. Stattdessen war wohl die Schaltwarte, jener vergleichsweise banale Raum mit der markanten Uhr, der Ort, an dem für das AKW das letzte Stündchen schlug.

Für die EVN, die das Kraftwerk 2005 kaufte, hat das 24 Hektar große Kraftwerksgelände an der Donau Potenzial für die Zukunft. Und es ist ein Stück Zeitgeschichte, das angesichts des Klimawandels und den Diskussionen rund um eine Energieunabhängigkeit Europas bis heute die Geister scheidet. „Zwentendorf hat zwar nie Atome gespalten, dafür aber von Anfang an Menschen und Meinungen“, sagt Zach. Und auch das ist bis heute so geblieben.

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