Überlebt unter Toten – das Massaker von Stein

Im „Zuchthaus Stein“ wurden kurz vor Kriegsende Hunderte Häftlinge ermordet.
Viele Menschen stehen in mehreren Reihen auf einem Hof vor großen, mehrstöckigen Gebäuden mit vielen Fenstern.

Er überlebte, weil er sich in einem Leichenberg versteckte. Um vor Schmerzen nicht zu schreien, biss der griechische Widerstandskämpfer Gerasimos Garnelis einem Toten in die Hand. Nach Tagen wurden er und andere Häftlinge gerettet.

Was am 6. April 1945 im „Zuchthaus Stein“ geschah, ist eines der schlimmsten Endphase-Verbrechen der NS-Zeit. SS-Offiziere, Mitglieder der Wehrmacht und des Volkssturms richteten unter den Häftlingen ein Massaker an. Die genaue Opferzahl ist nicht bekannt. 386 sind es offiziell, es dürften um die 500 Menschen ermordet worden sein. Viele Massengräber sind noch nicht geborgen.

Dabei hatte dieser Freitag für die knapp 2.000 inhaftierten Menschen – Kriminelle sowie politische Häftlinge – gut angefangen. Die Anstaltsleitung hatte angekündigt, alle freilassen zu wollen. Die Rote Armee war bis nach Baden vorgerückt und von der Justizbehörde war die Ermächtigung ergangen „nicht asoziale Häftlinge“, sofern es sich nicht um „schwere Fälle politischer und krimineller Art“ handle, freizulassen. Der Anstaltsleiter beschloss, alle zu entlassen. Doch nicht allen gefiel das. Nationalsozialistisch eingestellte Aufseher informierten die Kreisleitung der NSDAP, dass eine Revolte unter den eigentlich friedlichen Häftlingen im Gange sei. Als SS, Wehrmacht und Volkssturm in Stein eintrafen, brach Panik aus.

Handgranaten

Viele Häftlinge versuchten über die Mauern zu flüchten, versteckten sich und verbarrikadierten das Tor zu einem Hof. Es nützte nichts. Die Nationalsozialisten eröffneten das Feuer, warfen Handgranaten in die Menge und exekutierten die Gefangenen gruppenweise. Das Morden dauerte Stunden. Der Anstaltsleiter und vier Mitarbeiter wurden exekutiert. Zeitgleich suchten und erschossen SS-Einheiten und zivile „Helfer“ entkommene Häftlinge. Verbrechen, die als „Kremser Hasenjagd“ bekannt wurden. Viele, die entlassen worden waren und von dem Massaker nichts wussten, gingen den Nazis in die Falle. So wurden etwa in Hadersdorf 61 Menschen erschossen. Manche überlebten, weil couragierte Zivilpersonen sie versteckten.

Garnelis blieb nach dem Massaker in Krems, er betrieb ein Elektrogeschäft und war Präsident des Fußballklubs 1. FC Stein. 1995, vier Jahre vor seinem Tod, sprach er öffentlich über seine Erlebnisse. Eine Straße und ein Gemälde in der Taverne Zorbas erinnern heute an ihn.K.Zach

Kommentare