Vor 108 Jahren in Niederösterreich: Hunger und Protest

Altes Foto vom Protest vor dem Rathaus in Wiener Neustadt.
Erster Weltkrieg: Auch in Wiener Neustadt, Neunkirchen und anderen Städten des Bundeslandes gab es Proteste gegen den Krieg.

Der Krieg dauerte bereits dreieinhalb Jahre. Die Menschen hungerten seit vielen Monaten, die Unzufriedenheit angesichts schleppender Friedensverhandlungen war groß. Als die Regierung dann am 14. Jänner 1918 auch noch bekannt gab, die Mehlration um 50 Prozent zu kürzen, nahm in Wiener Neustadt der bisher größte Streik in der Geschichte des Landes seinen Ausgang.

An diesem Montag um 7.30 Uhr legten die Arbeiter in den Daimler-Motorenwerken die Arbeit nieder. Und nicht nur dort. Bald folgten Arbeiter in fast allen Indus-triegebieten der Monarchie ihrem Beispiel. Man geht davon aus, dass zwischen 14. und 22. Jänner fast eine Million Menschen streikten.

Als die Arbeiter bei Daimler an jenem Montag in den Streit traten, dauerte es nicht lange und ihre Kollegen der Flugzeugfabrik, der Munitionsfabrik G. Rath, der Radiatorenwerke und der Siegl’schen Lokomotivfabrik taten es ihnen gleich.

Rund 10.000 Menschen sollen sich zur Demonstration vor dem Wiener Neustädter Rathaus versammelt haben. Unter den Arbeitern zirkulierte ein Flugblatt mit Kritik an dem „menschenmordenden Krieg“, das zwei Tage zuvor in Wien entdeckt worden war – verfasst von den jungen Kriegsgegnern Franz Koritschoner und Leo Rothziegel. Spontan wurden erste Arbeiterräte gebildet.

Wie ein Lauffeuer

Ob der Arbeitsniederlegung erbaten die Fabriksdirektoren noch am selben Tag die Entsendung militärischer Unterstützung. Das hielt die Arbeiter aber nicht ab. Am nächsten Tag schlossen sich die Arbeiter und Arbeiterinnen aus umliegenden Gemeinden, etwa der Munitionsfabrik Wöllersdorf, dem Streik an.

Zehntausend Menschen versammelten sich nun in Neunkirchen. Auch dorthin wurde Militär gesendet. In den folgenden Tagen weiteten sich die Streiks wie ein Lauffeuer aus.

Am 19., bzw. nach manchen Quellen am 20. Jänner, erreichte der Protest seinen Höhepunkt. Laut Zeithistoriker Hans Hautmann streikten in der österreichischen Reichshälfte rund 550.000 Menschen.

Die Sozialdemokratie war da schon unter Zugzwang geraten. Sie war mit Forderungen – etwa der Beendigung der Militarisierung der Betriebe – in Verhandlungen mit der Regierung gegangen. Schließlich hatte man sich geeinigt und am 19. Jänner zum Ende des Streiks aufgerufen. Vorbei war es aber erst am 24. Jänner, als auch die letzten Streikenden in Wiener Neustadt ihre Arbeit aufnahmen.

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