Mit Zeitpolster "machst du Sinnvolles gegen die Einsamkeit"

Zeitpolster Hollabrunn
Zeitpolster ist ein Nachbarschafts-Netzwerk, bei dem die Helfenden Stunden für die Zeit ansparen, wenn sie selbst Hilfe brauchen.

Zusammenfassung

  • Zeitpolster ist ein soziales Zeitvorsorge-Modell, bei dem Helfende Zeitguthaben ansparen, um später selbst Unterstützung zu erhalten.
  • In Niederösterreich engagieren sich aktuell 630 Helfende in 19 Gruppen und betreuen 720 Personen, mit insgesamt 9.800 Stunden in 5.200 Einsätzen im Jahr 2025.
  • Das Konzept fördert Nachbarschaftshilfe, bekämpft Einsamkeit und unterstützt vor allem Senioren sowie pflegende Angehörige flexibel im Alltag.

Was tut man in der Pension, wenn man sein ganzes Berufsleben lang voller Freude soziale Jobs gemacht hat? Genau. Man engagiert sich auch im Ruhestand im sozialen Bereich. 

So passiert ist es der Göllersdorferin Shurga Schrammel (Bezirk Hollabrunn). "Ich bin in Pension gegangen und hab' mich gefragt: Wo kann ich meine sozialen Kompetenzen einbringen?", schildert die Therapeutin. "Zeitpolster ist mich angesprungen, da hab' ich gesagt: Ja, mach ich!"

Was ist Zeitpolster? "Heute helfe ich und morgen wird mir geholfen", fasst Schrammel zusammen. Im Durchschnitt sind die Helfenden zwei Stunden pro Woche im Einsatz, sie betreuen eine, maximal zwei Personen. Was genau zu tun ist? "Was immer es ist, man kann mit allem helfen." Mit der älteren Person einkaufen gehen oder zum Arzt fahren, gemeinsam Spazierengehen, kochen, garteln oder etwas Spielen. 

Vom Zeitpolster gepackt

Bei Schrammel sind es mehr als nur zwei Stunden pro Woche, denn sie wurde von dem Konzept gepackt, wollte nicht einfach nur helfen, sondern ausbauen. "Wenn ich etwas mache, dann ganz", sagt sie. So gründete sie eine Hollabrunner Gruppe, die im April 2023 aktiv geworden ist. "Es hat sich schnell entwickelt", ist die Göllersdorferin stolz. Aktuell sind es 35 Helfende in Hollabrunn, die 59 Menschen betreuen. "Wir sind derzeit durchschnittlich 150 Stunden im Monat regional aktiv."

Zeitpolster Bezirk Hollabrunn

Eva Ruff (l.) ist Teil der Hollabrunner Zeitpolster-Gruppe und ist mit Helga F. unterwegs.

Seit Kurzem gibt es eigene Gruppen im Schmidatal und im Retzer Land im Bezirk Hollabrunn sowie in Stockerau (Bezirk Korneuburg). Diese haben sich im Laufe des vergangenen Jahres aus der Hollabrunner Gruppe herausgelöst. Das Weinviertel ist Schrammel aber nicht genug, seit 1. Jänner gibt es eine Zeitpolster-Gruppe in Horn. Sie zog eine Leader-Förderung im Kamptal an Land und hat die Stadt Gföhl (Bezirk Krems-Land) so begeistert, dass diese eine Zeitpolster-Gemeinde werden will. 

Der Bürgermeister spielt für Zeitpolster Karten

"Ich kann ganz überzeugend sein", denkt sie an den Bürgermeister von Gföhl. In der Stadtgemeinde hat sie einen Vortrag - 2025 waren es übrigens 50 - gehalten. Der Stadtchef war so begeistert, dass er sich ebenfalls gemeldet für Zeitpolster gemeldet hat. Er will mit jemandem eine Stunde pro Woche Karten spielen.

Heuer will Schrammel weniger Vorträge halten und sich wieder mehr auf die Hollabrunner Gruppe konzentrieren. Denn da könnte noch mehr gehen, ist die Göllersdorferin überzeugt. 

Sinnvolles gegen die (eigene) Einsamkeit

Was genau hat Schrammel an Zeitpolster so gepackt? "Du machst unendlich Sinnvolles gegen die Einsamkeit - auch gegen die eigene." Das bestätigen ihr auch die Helfenden: "Viele sagen, dass sie vorher nicht damit gerechnet haben, wie bereichernd dieses Helfen sein wird." Denn ganz schnell baut man eine Bindung mit der Person, die man betreut auf, und mit der Familie.

Zeitpolster Hollabrunn

Willi Stahl führt Elfriede B. zum Spaziergang aus. 

Der Fokus von Zeitpolster liegt auf Senioren, in Notfällen wird aber auch Kinderbetreuung übernommen. Etwa bei einer Jungfamilie mit Zwillingen. Als eine Betreuungsperson ausfiel, ist Zeitpolster eingesprungen. Pflegende Angehörige werden durch das Zeitpolster-Konzept ebenfalls unterstützt: "Man kann in Ruhe einkaufen oder zum Frisör gehen und wir betreuen die Person, die Zuhause ist", sagt Schrammel. 

Nachbarschaftshilfe der Zukunft

Zeitpolster ist für sie ganz klar zukunftsträchtig. "Es hilft, die Nachbarschaftshilfe neu aufzustellen." Warum die "normale" Nachbarschaftshilfe nicht ausreicht? "Natürlich kann ich die Nachbarin fragen, ob sie mit mir einkaufen fährt, mir etwas mitnimmt oder mich zum Arzt bringt. Da hat man aber immer das Gefühl, etwas ausgleichen zu müssen, das man nicht mehr ausgleichen kann", erklärt Schrammel.

Shurga Schrammel

Shurga Schrammel lernte die Initiative "Zeitpolster" kennan und ihr war sofort klar: "Das mach ich!" Sie ist seit drei Jahren Teamleiterin der Hollabrunner Gruppe, aus der sich mittlerweile drei weitere losgelöst haben. 

Für die Zeitpolster-Stunden bezahlt man. Gleichzeitig sparen die Helfenden Stunden auf ihrem Zeitpolster-Konto an. "Wenn ich dann Hilfe brauche, kann ich die Stunden einlösen", beschreibt die Teamleiterin das Konzept. Die Stunden kann man auch verschenken. Zum Beispiel an Angehörige, die Hilfe benötigen. Oder an eine Person, die man betreut. 

Gemeinden könne Zeitpolster-Gutscheine kaufen

Gemeinden oder Firmen können Zeitpolster-Stunden als Gutscheine kaufen und an ihre Senioren und Mitarbeiter weitergeben. „Wir hatten sogar einmal eine Anfrage, ob wir L17-Fahrten machen“, erzählt Schrammel. Auch das hätte sie gemacht.

Eva Ruff war Kindergartenleiterin in Guntersdorf (Bezirk Hollabrunn) und suchte, wie Schrammel, eine Aufgabe in ihrer Pension. „Sie ist meine Vermittlerin. Sie hat so ein gutes Gespür für die Leute, wer zu wem passt und sie hat immer recht“, ist Schrammel dankbar für Ruffs Unterstützung in der Hollabrunner Gruppe.

Dem Betreuungsnotstand entgegenwirken

Schrammel ist überzeugt, dass es in der Pflege mehr Innovationen brauche, die sich selbst tragen. Das sei bei Zeitpolster sehr schnell der Fall. Eine Konkurrenz zu Einrichtungen wie Caritas oder Hilfswerk bestehe nicht, weil es einen Notstand im Betreuungsbereich gebe. "Das sind alles gute Dinge. Aber die Mitarbeiter können nicht mit den Menschen spielen oder lange plaudern, sie haben die Zeit einfach nicht."

Bei Zeitpolster ist das anders, Helfende und Betreute teilen sich die Stunden individuell ein. Das können fixe Tage sein oder ganz spontan. "Ich unterstütz das mit vollem Herzen", brennt Schrammel nach wie vor für Zeitpolster. Die Initiative ist übrigens am 16. Jänner bei der Ehrenamtsbörse im Korneuburger Rathaus (17 bis 20 Uhr) vertreten.

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