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Chronik Niederösterreich
01/21/2020

Vom Aussterben bedrohter Vogel könnte Schnellstraße S8 stoppen

Ein neues Naturschutz-Gutachten geht mit dem Projekt hart ins Gericht. Denn der Vogelschutz hat Vorrang.

von Kid Möchel, Kevin Kada, Dominik Schreiber

Die S8 Marchfeld-Schnellstraße ist eines der wichtigsten Straßenbauprojekte der Asfinag im Osten Niederösterreichs. Die S8 soll die lärmgeplagten Gemeinden im Marchfeld auf einer Länge von 14,4 Kilometer entlasten. Kosten: 310 Millionen Euro. Baubeginn soll 2021 sein.

Doch ein kleiner unscheinbarer Vogel namens Triel könnte dieses Millionenprojekt nun zu Fall bringen. Denn er ist vom Aussterben bedroht und geschützt. Und er ist ein willkommenes Argument für einzelne Anrainer und Tierschutzorganisationen gegen die geplante Schnellstraße. Sie haben beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde eingebracht, am 19. Februar ist die Verhandlung angesetzt.

Thematisiert werden insbesondere ein Lärm- und ein Naturschutz-Gutachten, welche vom Bundesverwaltungsgericht beauftragt wurden. Letzteres umfasst 105 Seiten und birgt ordentlich Sprengstoff.

"Gutachten nicht genehmigungsfähig"

"Das Gutachten sagt aus, dass das Projekt klar im Widerspruch zur Naturschutzwidmung Natura 2000 der EU steht und dass das Projekt nicht genehmigungsfähig ist!, sagt Anwalt Wolfgang List, der den Marchfelder Landwirt Leopold Haindl und die Bürgerinitiative für ein lebenswertes Marchfeld vertritt, zum KURIER. "Der Vogel Triel schießt dieses Projekt jetzt regelrecht ab."

Fakt ist, dass die Trasse der S8 das Marchfelder "Europaschutzgebiet Sandboden und Praterterrasse" durchquert und somit auch das Revier des braungefiederten Vogels Triels, der in dieses Naturschutzgebiet zugewandert ist. Der Triel muss laut dem Sachverständigen Georg Bieringer weiter geschützt werden.

"Der Erhalt dieses Brutpaares ist für das Erreichen der Erhaltungsziele des Europaschutzgebietes Sandboden und Praterterrasse unverzichtbar", heißt es im Gutachten. Es stehe "zweifelsfrei fest, dass das Vorhaben mit den Erhaltungszielen des Europaschutzgebietes nicht vereinbar ist."

Projektgegner Wolfgang Rehm

Anraineranwalt Wolfgang List

Gänserndorf Bürgermeister René Lobner (ÖVP)

Die S8 beschädige "eine Fortpflanzungsstätte des Triels". Aber auch eine zweite Tierart, das Ziesel, soll angeblich gestört werden. Das Straßenbauvorhaben enthalte keine Umsiedlung des Erdhörnchens, aber Vertreibungsmaßnahmen. "Die vorgeschlagene Maßnahme kann die Beschädigung von Fortpflanzungs- und Ruhestätten des Ziesels nicht verhindern", heißt es im Gutachten weiter.

Gegner und Befürworter

Einer der Gegner des Projekts, Wolfgang Rehm von der Naturschutzorganisation Virus, sieht seine Bedenken bestätigt: "Es ist das, was wir seit Jahren sagen. Die S8 ist nicht genehmigungsfähig."

Anders sieht das Projekt-Befürworter und Bürgermeister von Gänserndorf, René Lobner (ÖVP).

Besagtes Gutachten lag ihm zwar noch nicht vor, aber er hat eine klare Meinung dazu: "Das ist wieder ein Versuch, dieses Projekt zu Fall zu bringen. Fakt ist, dass wir weiter darum kämpfen, das Projekt durchzubekommen. Denn es fahren täglich 35.000 Fahrzeuge durch die betroffenen Ortschaften und da geht es um die Lebensqualität Tausender Menschen."

Für Projektgegner Rehm ist das Gutachten nur ein Etappensieg, denn "es ist keine Entscheidung. Aber es ist richtungsweisend."

Plan B in der Schublade

Für den Aktivisten bedeutet das, dass die Verantwortlichen des Projekts zurück zur Planungsphase und vor allem zu einem Plan B kommen sollten: "Vor Jahren wurden um mehr als eine Million Euro Umfahrungen an der Bundesstraße B8 geplant. Diese sind dann in den Schubladen verschwunden, nachdem die Idee da war, dass man doch lieber die Asfinag mit dem Bau einer Schnellstraße beauftragt. Diese Pläne sollten nun aus der Schublade geholt und aktualisiert werden." Bürgermeister Lobner hält davon nichts: "Das würde uns wieder Jahre zurückwerfen."

Die Asfinag hält sich noch bedeckt: "Es bedarf einer genauen Analyse des neuen Naturschutzgutachtens. Wir werden uns detailliert anschauen, wieso neue, bisher nicht mit dem Projekt befasste Gutachter zu abweichenden Schlüssen kommen. Denn der Asfinag ist wichtig, dass es bei Straßenbauprojekten keine naturschutzrechtlichen Bedenken gibt."