Spiridon II: Spuren des Tierschutzskandals führen nach NÖ
Zusammenfassung
- Hundert tote und verwesende Rinder auf altem Frachtschiff „Spiridon II“ im türkischen Hafen Bandirma, lebende Tiere unter katastrophalen Bedingungen.
- Massive Mängel am Schiff, widersprüchliche Dokumente und fehlende Nachweise führten zur Einfuhrverweigerung und wochenlangem Verbleib der Tiere an Bord.
- Österreichisches Unternehmen AgroBreeding GmbH in Kritik, Rechtsstreit mit türkischen Importeuren, Tierschutzorganisationen fordern Verbot von Lebendtiertransporten auf See.
Der Geruch von Verwesung hängt im Herbst 2025 über dem türkischen Hafenort Bandirma. Angedockt an den Hafen ist ein über 50 Jahre altes Frachtschiff, an Bord hunderte tote Rinder - teils verwesend. Die Lebenden hausen unter katastrophalen Bedingungen, teils in ihren eigenen Exkrementen.
Blick zurück
Über 3.000, teils trächtige Tiere wurden im am 20. September 2025 von Uruguay in die Türkei verschifft. Ursprünglich hätten die Rinder im fünften oder sechsten Schwangerschaftsmonat verschifft werden sollen, durch Verspätungen erfolgte die Reise aber rund zwei Monate später als geplant.
140 Kälber kamen so auf hoher See zur Welt, 90 der neugeborenen Tiere waren bei der Ankunft in der Türkei nicht mehr auffindbar, wie aus einem Gerichtsdokument hervorgeht. „Möglicherweise wurden sie während der Reise über Bord geworfen oder sind im Schiff inmitten von Mist und Einstreu ‘verloren gegangen’“, sagt Maria Boada-Saña, Veterinärin und Projektleiterin der Animal Welfare Foundation.
Massive Mängel
Am 22. Oktober 2025 wird die „Spiridon II“ gestoppt. Türkische Behörden entdecken massive Mängel: Hunderte Tiere ohne Ohrmarken, widersprüchliche Dokumente, fehlende Nachweise. Die Einfuhr wird verweigert. Was folgt, ist ein Stillstand mit fatalen Konsequenzen: Zwar darf das Schiff Anfang November Futter nachladen, doch die Tiere bleiben wochenlang an Bord, die Bedingungen verschlechtern sich weiter. Schließlich werden die noch lebenden Tiere in Libyen verkauft.
Die Tiere wurden auf dem Schiff unter widrigsten Bedingungen gehalten.
Doch nicht nur die Tiere waren in einem schlechten Zustand: Oft werden zum Transport von lebenden Tieren sehr alte Schiffe eingesetzt, kritisiert die Animal Welfare Foundation (AWF) in einem schriftlichen Statement: „Auch die „Spiridon II“ ist mit 53 Jahren sehr alt für ein Frachtschiff und es wurden in den letzten Jahren bei dem Schiff unzählige Mängel dokumentiert - 94 Mängel seit 2021.“
Dabei wurden die strukturelle Integrität, die Wasserdichtheit, der Brandschutz, die Rettungsausrüstung und die Sicherheitsmanagementsysteme, die Zertifizierung, die Dokumentation, die Antriebssysteme und das allgemeine Sicherheitsmanagement als mangelhaft eingestuft. Unterstrichen wird diese Einschätzung vom Pariser Memorandum of Understanding, die das Schiff auf die schwarze Liste setzt.
„Normalerweise braucht ein Schiff für die Strecke von Montevideo bis Bandirma etwa drei Wochen, abhängig von den Witterungsverhältnissen und dem Schiff. Dass die „Spiridon II“ vier Wochen gebraucht hat, ist alarmierend", so die AWF.
Österreichisches Unternehmen involviert
Recherchen der ZIB2 deuten darauf hin, dass ein österreichisches Unternehmen, die AgroBreeding GmbH, eine zentrale Rolle in der Causa gespielt haben könnte. Demnach könnte die Firma an der Organisation oder Durchführung des Transports beteiligt gewesen sein. Auch die türkischen Importeure belasten die Firma schwer. „Die Firma Klinger hätte diese Kühe nie verladen dürfen“, sagt Savas Dursun, einer der türkischen Importeure gegenüber der ZIB2.
Auf eine telefonische sowie schriftliche Anfrage des KURIER reagiert die Firma Klinger (AgroBreeding GmbH) mit Sitz in Jagenbach (Bezirk Zwettl) rund um Christian Klinger nicht. Auch die Webseite der Firma ist derzeit nicht erreichbar.
Firma weist Vorwürfe zurück
Gegenüber der ZIB2 weist die Firma die Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück: „Tatsächlich hat es aus Gründen, die nicht von uns zu vertreten sind, Verzögerungen gegeben. Alle verladenen Tiere waren aber in den offiziell ausgestellten Veterinärzertifikaten angeführt und entsprachen den Exportvoraussetzungen.“
Auch den Vorwurf, dass Dokumente fehlten, wodurch ein Ausladen in der Türkei nicht möglich war, bestreitet die Firma. Seitens der türkischen Importeure wurden rechtliche Schritte eingeleitet, es soll um zwei Millionen Dollar (1,72 Mio. Euro) gehen. Eine Zivilklage wurde in Österreich eingereicht. Die Agro Breeding GmbH bestätigt den Rechtsstreit mit den türkischen Importeuren, sieht die Sache aber gänzlich anders: in der schriftlichen Stellungnahme gegenüber der ZIB2 fordert Klingers Unternehmen Millionen von den türkischen Geschäftspartnern.
Transporte von trächtigen Kühen üblich
Dass trächtige Rinder in die Türkei exportiert werden, ist nicht unüblich. Wenige Wochen nach Ankunft gebären die Rinder und werden für die Milchwirtschaft verwendet, männliche Rinder werden geschlachtet. Dieses Vorgehen sei besonders lukrativ, da in der Türkei aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch verzehrt wird und der Rindfleischpreis in der Türkei dadurch deutlich höher liegt als in Österreich.
Die auf Tierschutzrecht spezialisierte Wiener Rechtsanwältin Christina Toth sagt, dass die Rechtslage in diesem Fall extrem kompliziert ist. Bei Tiertransporten innerhalb der EU gebe es rechtsverbindliche Tierschutzverordnungen, die greifen im gegenständlichen Fall allerdings nicht. Was möglich ist, ist eine zivilrechtliche Klage gegen die Firma Klinger wegen Fahrlässigkeit und das Einklagen von Schadenersatz. Internationale Standards besagen, dass Tiere etwa im letzten Drittel der Schwangerschaft nicht mehr transportfähig sind. Diese Frist wurde deutlich überschritten, „da kann sich der Organisator des Transports auch schwer herausreden. Zivilrechtlich geht es darum, welches Handeln den Schaden verursacht hat.“ Beim Auslaufen des Schiffes in Uruguay hätte der Organisator sagen müssen, dass es zu spät sei für einen Transport der trächtigen Kühe.
Auch der Verein Animal Welfare Foundation kritisiert das fehlende internationale Recht bei Lebendtiertransporten: „Zwar gibt es Richtlinien von der internationalen Tiergesundheitsorganisation WOAH, diese sind jedoch rechtlich nicht bindend. Hinzu kommt, dass Transporte auf hoher See praktisch nicht zu kontrollieren sind.“
Kein Einzelfall
Der Fall der „Spiridon II“ dürfte kein Einzelfall sein. Bei Recherchen der Tierschutzorganisation zeigten sich prekäre Umstände auf Tiertransportschiffen: unter anderem ungeeignete und veraltete Schiffe, „Tiere müssen in ihren eigenen Exkrementen liegen“.
In Videomaterial, das die ZIB2 von der Spiridon II veröffentlichte, lassen sich diese Vorwürfe bestätigen. Auch, dass tote Tiere und Gülle ins Meer entsorgt wurden, zeigten die Recherchen. Die Organisation fordert ein Verbot von Lebendtiertransporten auf dem Schiff.
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