Sonderschulen in NÖ: Nicht ob, sondern wie?
Rund 6.000 schulpflichtige Kinder und Jugendliche in Niederösterreich haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF). Sie benötigen aus unterschiedlichen Gründen individuelle Unterstützung und angepasste Rahmenbedingungen, um lernen zu können. Ob diese Schülerinnen und Schüler in Sonderschulen oder in Inklusionsklassen besser aufgehoben sind, wird seit Jahren diskutiert. Für Thomas Lederer ist die Debatte keine theoretische – sondern eine persönliche.
Die Tochter des Direktors der Polytechnischen Schule Horn erkrankte als Neugeborene an einer Hirnhautentzündung. Heute lebt das Mädchen mit einer Sehbehinderung, kognitiven Einschränkungen und Wahrnehmungsstörungen. Sie habe sich im Kindergarten und einer inklusiven Volksschule gut entwickelt, so Lederer. Als der Wechsel in den nächsthöheren Schultyp näher rückte, stand erneut die Frage nach der passenden Beschulung im Raum.
Die Zweifel an der Sonderschule waren groß: "Versumpft sie dort? Wird sie isoliert? Hat sie dann überhaupt noch Anschluss?" Tatsächlich sei das Gegenteil eingetreten. "Mein Kind hat sich ganz sicher dank der Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen in der Sonderschule so entwickelt, wie es sonst nicht möglich gewesen wäre", so Lederers Fazit.
Dem Stigma zum Trotz?
Aus diesem Grund hat er an diesem Vormittag im Sitzungssaal 4 des NÖ Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerbundes (NÖAAB) Platz genommen, um über seine Erfahrungen zu sprechen. Ihm gegenüber sitzt unter anderem Regina Holzer, Sonderpädagogin und Leiterin der Sonderschule in Krems.
Die Anwesenden im Gespräch darüber, was Sonderschule kann.
Aus ihrer Sicht könne es "eine Schule für alle" nicht geben. Viele Kinder wären in Integrationsklassen überfordert. Sie brauchen etwa klare Strukturen und gleichbleibende Bezugspersonen. Eine Sonderschule bedeute auch keine Sackgasse. Die Entwicklung des Kindes werde alle zwei Jahre überprüft, um Lehrplan und Schulform gegebenenfalls anzupassen.
Auch Claudia Andre, Vorsitzende der NÖ Landeslehrer, erlebt Sonderschulen nicht als Einbahnstraßen. Ihr sei wiederholt berichtet worden, dass etlichen Kindern nach einigen Jahren in der Sonderschule "der Knopf aufgeht" und sie an reguläre Schulen wechseln, Lehren abschließen und maturieren.
Gegen den Kurs von Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS), der sich mit Blick auf die UN-Behindertenkonvention gegen gesonderte Einrichtungen und für inklusive Klassen ausspricht, möchte die NÖ Landesregierung an Sonderschulen festhalten. So auch Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP), Landesobfrau des NÖAAB. Die Bildungslandesrätin plädiert für beide Beschulungsformen als gleichwertige Bildungswege. Wichtig sei die Wahlfreiheit.
Ich finde, Sonderschule ist ein möglicher Weg zu Inklusion.
Bildungslandesrätin
Ganz lässt sich der häufig negative Ruf der Sonderschule dennoch nicht wegargumentieren. Nicht umsonst treten viele Einrichtungen heute nach außen hin als "Kleingruppenschulen" auf. Hier brauche es laut Teschl-Hofmeister ein allgemeines Umdenken: "Das Stigma bekommt die Schule allein nicht weg. Für die Entstigmatisierung braucht es die Gesellschaft." Aufklärung und das Sichtbarmachen dessen, was in Sonderschulen heute möglich ist, seien zentrale Hebel.
Änderungen bei Finanzierung und Ausbildung gefordert
Auch die Verschränkung von Sonderschulen und regulären Schulen sieht Teschl-Hofmeister als entscheidend. In Krems sei das laut Holzer bereits Alltag: Die Schule teilt sich den Standort mit anderen Schultypen und kooperiert mit einem Gymnasium. Dabei würden Freundschaften entstehen – bei Kindern wie auch den Lehrkräften.
Bei der Finanzierung der Einrichtungen bedarf es ebenfalls Änderungen, so Teschl-Hofmeister. Die bundesweite Deckelung der sonderpädagogischen Förderung bei 2,7 Prozent bilde den tatsächlichen Bedarf von rund 5,1 Prozent nicht ab. Die Runde spricht sich zudem unisono für die Rückkehr einer eigenständigen Sonderpädagogik-Ausbildung aus, die 2015 abgeschafft wurde.
Für die Anwesenden ist die Frage nach den Sonderschulen kein ob, sondern ein wie. Wie können Schultypen zusammenarbeiten, wie ist Begegnung möglich – und wie erhalten Kinder die Unterstützung, die sie brauchen.
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