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Seegrotte Hinterbrühl: Von Gipsabbau bis zum NS-Geheimprojekt

Um die Seegrotte in der Hinterbrühl ranken sich viele Mythen. In einem neuen Buch wird die Geschichte des ehemaligen Bergwerks nun ans Licht geholt.
Eine dunkle Grotte mit grünlichem Wasser wird von Felswänden und schwachem Licht umgeben.

Vom Gipsabbau über Dreharbeiten mit einem Star der Stummfilmjahre sowie den Bau des ersten Düsenjägers durch Zwangsarbeiter bis zu einem tragischen Unfall mit fünf Toten und falschen Namen von KZ-Ermordeten auf einem Mahnmal. Um die Seegrotte in der Hinterbrühl (Bezirk Mödling) ranken sich Dutzende Geschichten. Manche sind Fakt. Manche aber gehören ins Reich der Legenden, wie nun in dem Buch „Seegrotte Hinterbrühl – Geschichte, Mythen, NS-Geheimprojekt“ zu lesen ist.

Zwei Männer stehen in einem beleuchteten Tunnel, einer trägt einen Helm und hält ein Buch mit dem Titel „Seegrotte Hinterbrühl“.

Bouchal und Sachslehner präsentieren ihr neues Buch

15 Jahre lang haben Johannes Sachslehner und Robert Bouchal dafür im In- und Ausland recherchiert und die Geschichte des Ex-Bergwerks in nie da gewesenem Detail anhand von historischen Unterlagen nachgezeichnet und offene Fragen beantwortet.

Gips und Wein

Begonnen, berichtet Sachslehner, habe alles im 19. Jahrhundert, als ein Landwirt auf der Suche nach Wasser bei einer Brunnenbohrung auf Gips stieß. 1848 wurde mit dem Abbau begonnen, das Geschäft florierte. Doch es gab mehr als nur Gips. Lange hielt sich die Geschichte, dass sich in der Seegrotte ein Weinkeller befand, in dem bis 1912 Verkostungen mit Musikbegleitungen stattfanden. Und diese stimmt, wie die Autoren nun in ihrem Buch schreiben.

Dass ein Wassereinbruch nach einer Sprengung 1912 den Betrieb unmöglich machte, soll hingegen eine Falschinformation sein. „Das Wasser trat kontinuierlich ein. Das dürfte schon 1890 begonnen haben“, korrigiert Sachslehner. Als der Gipsabbau nicht mehr einträglich war, wurde 1912 der Betrieb eingestellt und installierte Pumpen abgedreht. Damit stieg das Wasser zu dem heute bekannten 6200 m2 großen See an.

1918 wurde das Bergwerk von Friedrich Fischer erworben. Noch heute ist es im Besitz seiner Nachfahren. Doch was tun, mit einem stillgelegten Bergwerk, außer Champignons zu züchten? Auch hier haben Sachslehner und Bouchal neue Details ausgegraben. So hieß es 1922 – und damit 71 Jahre vor den Arbeiten zu den „Drei Musketieren“ – Film ab. Gedreht wurde der Streifen „Irrlichter der Tiefe“, bei dem Tänzerin und Stummfilm-Star Anita Berber auftrat.

Fährmann der Unterwelt

Schließlich entstand die Idee, ein Schaubergwerk zu eröffnen. 1932 fand unter der Ägide des Landesvereins für Höhlenkunde für Wien und Niederösterreich die Wiedereröffnung der Seegrotte statt – inklusive romantischer Bootsfahrt in einem ehemaligen Militärponton aus dem 1. Weltkrieg. Man fühle sich, wie Orpheus in der Unterwelt, berichtete die Presse damals.

Eine Gruppe von Menschen steht vor dem Eingang zum "Bergwerk Seegrotte".

 1939 erhofft man sich viele Besucher aus dem Reich.

Dann kam 1938 der Anschluss. „Für die Seegrotte war das grundsätzlich mal positiv, man hat auf neue Gäste gehofft“, so Historiker Sachslehner. Stattdessen wurde jedoch ab 1944 das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Seegrotte aufgeschlagen: Als unterirdischer Rüstungsbetrieb, in dem Zwangsarbeiter den Rumpf der Heinkel HE 162, dem laut Bouchal ersten Düsenjäger der Welt, bauen mussten.

Mehrere Personen arbeiten in einer unterirdischen Werkstatt an einem großen metallischen Flugzeugrumpf.

1944 bis 1945 arbeiteten Zwangsarbeiter unter Tage.

Diesem Teil der Geschichte widmen Sachslehner und Bouchal einen großen Part des Buches. Akribisch zeichnen sie hier das Projekt „Languste“ nach – von den ersten Ideen bis zur grausamen Umsetzung. „In den 15 Jahren haben wir alles zusammengesucht, was mit der HE 162 zu tun hat“, erzählt der Höhlenforscher. „Wir haben Urlaube aufgewendet, uns in Archiven einquartiert.“ Gezeigt werden bisher unbekannte Fotos aus der Zeit sowie Original-Dokumente und Fertigungspläne des geheimen Projekts. Dafür waren die Autoren nicht nur im Ausland unterwegs, sie sprachen auch mit Zeitzeugen und konnten Original-Teile der Flieger aufspüren.

Peinlicher Fehler

Zudem wollen sie mit dem Buch einen fatalen Irrtum bekannt machen. „Was wir auch endgültig zeigen konnten, ist, dass bei der KZ-Gedenkstätte falsche Namen stehen“, betont Sachslehner. Die Zwangsarbeiter der Flugzeugfertigung waren in einem Lager unweit der Seegrotte eingesperrt, bei Kriegsende wurden 51 von ihnen ermordet. Auf der Gedenktafel aber stünden die Namen der beim Todesmarsch geflohenen. „Im Buch haben wir nun erstmals die Namen der wirklich Ermordeten abgedruckt“, sagt Sachslehner. „Das ist mehr als peinlich und sollte eigentlich korrigiert werden.“ Nach dem Krieg, so wiesen die Autoren zudem nach, wurde das ehemalige KZ-Lager als Geheimgefängnis der Staatspolizei für ehemalige Nazis verwendet.

BOOTSUNFALL IN SEEGROTTE HINTERBRUEHL

 Als ein Boot kenterte, ertranken 2004 fünf Touristen.

1948 wurde die Seegrotte als Schaubergwerk wiedereröffnet. Schlagzeilen machte sie erneut, als 2004 eines der Boote kenterte und fünf Touristen ertranken.

2019 wurde die Seegrotte wegen Sicherheitsbedenken geschlossen und erst 2023 wieder eröffnet. Als neues Kapitel in der Geschichte.

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