"Schwieriges Erbe": Infotafeln für belastete Straßennamen

Drei Straßen mit problematischen Namensgebern haben Hinweisschilder erhalten. Ein Beitrag zur Erinnerungskultur.
Drei Personen und ein Hund stehen in der Adam-Müller-Guttenbrunn-Straße vor einem Straßenschild mit Informationstafel.

Die Adam-Müller-Gutenbrunn-Straße, die Pater-Abel-Straße und die Kernstockgasse haben mindestens drei Dinge gemeinsam: Sie finden sich in Klosterneuburg, sind nach Männern mit antisemitischen Verstrickungen benannt und werden seit kurzer Zeit von Zusatztafeln ergänzt. Mit Informationen über die Hintergründe der Namensgeber möchte die Stadtgemeinde kritisch über historische Zusammenhänge informieren und die Erinnerungskultur stärken.

Den Anstoß für das Projekt gab Kulturstadträtin Katharina Danninger (ÖVP). Vor rund zwei Jahren übernahm sie die Position und wurde seither auf die umstrittenen Straßennamen aufmerksam gemacht. Bewohnerinnen und Bewohner der betroffenen Gebiete hätten wiederholt die Umbenennung oder eine Klarstellung gefordert, so Danninger. "Es ist immer wieder eine Debatte und ich hab mir gedacht, wir gehen das jetzt an", so die Politikerin.

Umbennen, erklären, nichtstun

Eine Debatte, die Linda Erker begrüßt. Die Historikerin leitet die Abteilung Public History im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und beschäftigt sich unter anderem mit belasteten Straßennamen. Nach Personen benannte Straßen seien nicht nur geografische Wegweiser, sondern geben gleichzeitig auch Orientierung, an wen sich die Öffentlichkeit ehrend erinnern möchte. Damit finde automatisch eine Bewertung und Aufwertung jener Persönlichkeiten statt, die aus Erkers Sicht mitgedacht werden sollte. 

Aktuell gebe es grob drei Ansätze, mit umstrittenen Benennungen umzugehen. Das stärkste Zeichen sei eine Umbenennung, so die Historikerin. Ein weiteres Mittel sind Zusatztafel. Und eine dritte Option: das Nichtstun. Denn auch keine Stellung zu beziehen müsse man aus Sicht der Historikerin als Statement der Gemeinden werten. "Man kann sich eigentlich nie nicht verhalten", so Erker.

Neue Zusatztafel in der Pater-Abel-Straße.

Bürgermeister Kaufmann, Stiftskämmerer Elias Carr, Kulturstadträtin Danninger.  

Bei der Frage "Zusatztafel oder Umbenennung?" gibt es für Erker kein Patentrezept. "Ich finde es am wichtigsten, sich damit auseinanderzusetzen und ergebnisoffen darüber zu sprechen, wie man mit Geschichte umgehen will", so die Historikerin. 

Bewährt habe sich eine Kombination beim Umgang mit Straßennamen: Zunächst gelte es, qualifizierte Fachleute zu finden, die wissenschaftlich fundierte Expertise formulieren und Empfehlungen abgeben. Danach entscheide die Politik. Zudem sollte die Öffentlichkeit beziehungsweise Anrainerinnen und Anrainer in den Prozess eingebunden werden. Gespräche zwischen Fachleuten, Politik und Bevölkerung seien laut Erker besonders wertvoll: "Da passiert eine Aushandlung von Geschichte." Unterschiedliche Meinungen könnten so aufeinandertreffen. "Es ist etwas Produktives, wenn wir gemeinsam über unseren öffentlichen Raum diskutieren."

Neue Namen für die Straßen waren in Klosterneuburg rasch vom Tisch. Dieser Schritt hätte Mehrkosten und Mehraufwand für die Einheimischen bedeutet, erklärt Danninger. Ein weiterer Punkt sprach aus Sicht der Politikerin ebenfalls gegen eine Umbenennung: "Wer entscheidet dann, wie die neue Straße heißt?" Im Gemeinderat sei einstimmig entschieden worden, Texttafeln mit ergänzenden Informationen anzubringen. Die Straßen wurden zuvor von einer Expertenkommission geprüft.

Aus Sicht von Linda Erker sind derartige Informationstafeln eine legitime Form historischer Kontextualisierung und Wissensvermittlung. Sie sollten jedoch nicht das Ende der Debatte markieren, sondern diese erst anstoßen und zur Diskussion einladen. „In dem Moment, in dem eine Gemeinde eine Tafel aufstellt, passiert oft noch ganz viel“, so Erker. Als Abschluss versteht sie diesen Schritt daher nicht. 

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