Das kriminelle Millionengeschäft mit den "Schockanrufen"
Fahnder konnten auch mehrere "Abholer" verhaften.
Es war ein Tipp von slowakischen Ermittlern, der heimische Kripo-Beamte im September 2025 auf die richtige Fährte brachte.
Die Kollegen aus dem Ausland hatten den Fahndern des Landeskriminalamtes Niederösterreich berichtet, dass von Wien aus Personen mit Schockanrufen abgezockt werden.
Die sogenannte „Keilerzelle“ wurde in der Bundeshauptstadt vermutet, doch es sollte einige Wochen dauern, bis das Versteck des mutmaßlichen Täters, eines 25-jährigen Slowaken, ausgeforscht werden konnte. Der Grund: Der Mann hatte alle paar Tage die Wohnung gewechselt – wohl im Wissen, dass sein Standort mit elektronischen Hilfsmitteln herauszufinden ist.
Handy unter Couch versteckt
Die Beamten ließen nicht locker: Am 7. Oktober 2025 konnte der Verdächtige in einem Appartement im 22. Wiener Gemeindebezirk verhaftet werden. In der Wohnung befanden sich laut Kripo auch Frauen und ein Kleinkind. Die Polizei konnte zudem Mobiltelefone sicherstellen, eines davon war unter einer Couch versteckt.
Fahnder konnten Handys sicherstellen.
Bei den weiteren Erhebungen stellte sich heraus, dass die Tätergruppierung von Wien aus Anrufe in die Slowakei durchführte – der Schaden soll bei etwa 120.000 Euro liegen.
Emotionaler Druck
Bei den sogenannten „Schockanrufen“ geben sich Täter telefonisch als Polizisten, Richter, Staatsanwälte, Ärzte oder andere Autoritätspersonen aus. Unter massivem emotionalem Druck behaupten sie etwa, ein Angehöriger sei verhaftet worden oder benötige dringend medizinische Hilfe. Anschließend verlangen sie Bargeld, Schmuck oder andere Wertgegenstände, die von Komplizen abgeholt werden.
Die Täter kalkulieren dabei gezielt mit dem Schockzustand der Opfer, der möglichst bis zur Übergabe der Wertsachen anhalten soll.
Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) bezeichnete diese Betrugsform als besonders perfide, da das Vertrauen in Polizei, Justiz, Ärzte oder Banken gezielt missbraucht werde. Auch Niederösterreichs Polizeidirektor Franz Popp betonte die Bedeutung von Aufklärung und Wachsamkeit in der Bevölkerung.
53 Millionen Euro Schaden
Diese Art des Betrugs ist längst zu einem Millionengeschäft geworden. Die Zahlen, die am Montag in St. Pölten präsentiert wurden, machen fassungslos. Von 2022 bis 2025 richteten Tätergruppen allein in Österreich einen Schaden von 53 Millionen Euro an. Andreas Holzer, Direktor des Bundeskriminalamts, berichtet von einem Fall in Kärnten, in dem ein Opfer den Tätern rund zwei Millionen Euro übergab.
Täterstrukturen werden geschwächt
Doch die Exekutive kann in Zusammenarbeit mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) auch immer mehr Erfolge verzeichnen: Die bundesweite Ermittlungsgruppe „Falsche Polizisten“, die seit Herbst 2022 tätig ist, führte bereits 187 Festnahmen durch.
Dadurch seien die Täterstrukturen deutlich geschwächt worden. Parallel sei auch die Schadenssumme gesunken – von knapp 20 Millionen Euro im Jahr 2023 auf rund zehn Millionen im vergangenen Jahr.
Banden machen fette Beute
Dennoch warnen Ermittler, dass organisierter Telefonbetrug zunehmend professionalisiert werde und teilweise bereits unternehmensähnliche Strukturen aufweise. Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz stelle die Behörden vor neue Herausforderungen, so Wolfgang Handler, stellvertretender Leiter der WKStA.
Verurteilungen
Parallel zu dem Fall in Wien wurde eine weitere Gruppierung im tschechischen Brno identifiziert. Ein 27-jähriger tschechischer Staatsbürger soll für zahlreiche Betrugsanrufe in Österreich, Polen und der Slowakei verantwortlich gewesen sein. In Österreich werden ihm vier vollendete Taten mit fast einer halben Million Euro Schaden zugerechnet.
Der Mann wurde aufgrund eines europäischen Haftbefehls festgenommen und später zu sechs Jahren Haft verurteilt. Eine Komplizin, die als Geldabholerin fungierte, erhielt in Wien dreieinhalb Jahre Gefängnis.
Auch ein weiterer mutmaßlicher Logistiker aus Ostrava wurde rechtskräftig zu sechs Jahren Haft verurteilt, nachdem ihm ein Schaden von mehr als einer halben Million Euro nachgewiesen werden konnte.
Zahlreiche weitere Festnahmen und Haftstrafen
Neben den mutmaßlichen Organisatoren wurden auch zahlreiche sogenannte Abholer festgenommen. Ein polnischer Staatsbürger etwa soll mehrere Geldübergaben organisiert haben und wurde zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.
Minister Karner (Mitte) präsentierte den Ermittlungserfolg.
Weitere Täter wurden in mehreren österreichischen Städten festgenommen. Ein serbischer Verdächtiger soll in Deutschland Goldschmuck im Wert von rund 400.000 Euro erlangt haben. Ein bosnischer Staatsbürger wiederum wurde für Betrugstaten in mehreren Bundesländern zu vier Jahren Haft verurteilt.
Insgesamt konnten niederösterreichische Ermittler 23 Beschuldigte ausforschen, die einen Schaden von rund 4,8 Millionen Euro angerichtet haben sollen.
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