Ein letzter Gipfelsieg im alten Jahr
Auf rund 1.000 Metern Seehöhe bietet der Peilstein einen umfassenden Blick über die Landschaft.
Während der letzte Tag des Jahres langsam heraufdämmert, steht Ignaz Schaumüller bereits in voller Wandermontur vor dem Gasthaus „Weineck“ im Yspertal. Den Rucksack geschultert, die Schuhe geschnürt, wartet der 68-Jährige bei Minusgraden auf jene, die sich seinem Marsch auf den Peilstein anschließen.
Es bleibt eine überschaubare Runde. Lediglich zwei weitere Männer nehmen an der von den Naturfreunden Yspertal geführten Wanderung teil. Man kennt sich. Hände werden geschüttelt, Höflichkeiten ausgetauscht, erste Scherze gemacht.
Rund acht Kilometer trennt die Gruppe zu diesem Zeitpunkt von der höchsten Erhebung im südlichen Waldviertel. „Wenn’s gut geht, sind wir in zwei Stunden oben“, sagt Schaumüller. Den Weg zum Gipfel wird das Herrentrio jedoch nicht alleine zurücklegen.
Premiere 1976
Denn zu Silvester versammeln sich Jahr für Jahr zahlreiche Wanderbegeisterte und Feierwütige auf der felsigen Spitze des Ostrong-Höhenzugs. Es wird geredet, geprostet, getrunken und sich bei Schnaps, Tee und Kesselwurst auf das abendliche Programm eingestimmt.
Das Gipfelkreuz ist das Ziel der Wanderung.
Häufig stehen auf über 1.000 Meter Höhe alte Bekannte zusammen, die sich sonst kaum zu Gesicht bekommen. Das macht für Alexander Kamleithner, Vorsitzenden der Naturfreunde Yspertal, den „besonderen Flair“ der Veranstaltung aus: „Leute treffen sich teilweise genau einmal im Jahr – und das auf dem Peilstein.“ Grund dafür ist unter anderem ein Mann, der dem begeisterten Wanderer sehr nahe steht: sein Vater.
Franz Kamleithner hat den Peilstein heuer bereits am 30. Dezember erklommen und die Nacht auf der Schutzhütte verbracht. Zusammen mit weiteren Naturfreunden ist er seit den frühen Morgenstunden damit beschäftigt, die ersten Gipfelstürmer mit Essen und Trinken zu versorgen. Es ist längst nicht Kamleithners erster Silvestertag am Berg: Der 79-Jährige gehörte zu jener siebenköpfigen Männertruppe, die den Silvestermarsch bereits vor etlichen Jahren ins Leben rief.
Die geführte Gruppe mit Schaumüller (2. v. re.) und Kamleithner (re.).
Zuvor hatte sich im Yspertal die Ortsgruppe der Naturfreunde gegründet. An Silvester standen die noch recht frischgebackenen Vereinsmitglieder vor der Frage, wie die Zeit bis Mitternacht verbracht werden sollte. „Da war mein Vorschlag: Gehen wir auf den Peilstein“, erinnert sich Kamleithner zurück.
Ein Idee, die zunächst für Gelächter sorgte. Wer würde sich am Altjahrestag schon einer geführten Wanderung auf den Peilstein anschließen? Dennoch machte sich eine kleine Gruppe am 31. Dezember 1976 mit etwas Brot und Wurst im Gepäck auf den Weg zum verschneiten Gipfel.
Am Vormittag füllt sich die Lichtung am Fuße des Gipfelkreuzes – die ersten Wanderer finden sich bereits gegen 6.30 ein.
In rund 50 Jahren ist die Anzahl der Teilnehmenden rasant gestiegen – insbesondere während der Corona-Jahre. Heute finden sich bis zu 1.200 Menschen zu Silvester am Peilstein ein. Alleine bei der Labstelle der Naturfreunde wandern rund 800 Flaschen Bier, 20 Liter Schnaps inklusive Tee und etliche Fläschchen Jägermeister über den hölzernen Tresen. Jugendlich trinken sich für den Abend warm, Erwachsene treffen einander wieder, ohne sich vorher verabreden zu müssen. Ein wenig fühlt es sich so an wie früher im Wirtshaus.
Schutzhütte als Ziel
Dass wirklich alle Wanderer wissen, warum sie zu Silvester ausgerechnet auf dem Peilstein stehen, darf bezweifelt werden. Etwa von Alexander Kamleithner: „Die Gipfelstürmer aus Yspertal ja, die restlichen Leute eher nicht.“ Die Errichtung der Schutzhütte durch die Naturfreunde in den Jahren 2017 und 2018 habe jedoch die „Sichtbarkeit“ am Berg erhöht. Zusätzlich erinnert eine Tafel an den Start der Tradition und ihrer „Väter“.
Neben dem Namen von Franz Kamleithner findet sich auch jener von Ignaz Schaumüller darauf. Sie sind die letzten verbliebenen aktiven Mitglieder aus der damaligen Gruppe. Schaumüller bricht auch an diesem Silvestermorgen pünktlich um 7.30 Uhr mit der kleinen Wandertruppe von Altenmarkt aus auf – und hält damit die Tradition ein weiteres Jahr aufrecht.
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