Notruf Niederösterreich: Zwischen Klingelton und Rettungswagen
In der Zentrale geht es ruhig zu - die Fragen und der Ablauf sind standardisiert. Trotzdem ist jeder Notruf anders.
Von Anna Mayr
Es ist ruhig im 3. Stock in der Zentrale des Notruf Niederösterreich in St. Pölten. Das gleichmäßige Tippen auf Tastaturen und das Murmeln von Stimmen füllt den Raum. Rund 20 Menschen sitzen in der Leitstelle, den Blick auf die Monitore vor ihnen gerichtet. Darauf Karten, Zahlen, blinkende Felder. Und doch wirkt nichts hektisch.
Das Telefon läutet. Ein junger Mann greift zu seinem Headset und spricht: „Notruf Niederösterreich, wo genau ist der Notfallort?“ Auf seinem Bildschirm öffnet sich eine Maske – ein internationales und wissenschaftlich belegtes Protokoll, das alle Fragen genau vorgibt und je nach Antwort automatisch eine andere Verzweigung einschlägt.
„Das Protokoll ist nach Strich und Komma einzuhalten und folgt immer dem gleichen Schema“, erklärt Matthias Maiwald von Notruf NÖ.
Hilfe ist unterwegs
„Was ist passiert?“, fragt der EMD (Emergency Medical Dispatcher), der die Schnittstelle zwischen dem Menschen in Not und dem Rettungssystem bildet. Die Frau am Telefon ist kaum hörbar. Eine stark blutende Wunde, wahrscheinlich eine aufgerissene Vene.
Auf einem der Bildschirme wechselt eine Anzeige von „bereit“ auf „unterwegs“. „Hilfe ist unterwegs“, sagt der EMD und erklärt der Frau am anderen Ende der Leitung noch, dass sie ihr betroffenes Bein am besten hochlagert und ab jetzt weder isst noch trinkt.
2 Mio. Anrufe pro Jahr
Während das Gespräch noch läuft, wird der Rettungswagen bereits disponiert und ist schon unterwegs. Ein kurzer Klick bestätigt den Einsatz. Der Standort des Einsatzfahrzeugs erscheint auf der Karte. Ein grüner Punkt, der sich langsam in Bewegung setzt. Der Disponent überwacht, ob die Einsatzfahrzeuge wirklich am Einsatzort ankommen.
Maximal 3 Minuten dauert der Anruf bei Notruf NÖ.
50 Personen, die die Anrufe entgegennehmen, sind pro Tag ungefähr im Dienst.
2 Mio. Anrufe gehen jährlich bei Notruf Niederösterreich ein. Davon benötigen rund 300.000 Anrufende ein Rettungsmittel.
Im Hintergrund geht bereits der nächste Anruf ein - einer von zwei Millionen pro Jahr. Ein weiterer Signalton, kaum hörbar zwischen den Stimmen im Raum. Eine Kollegin nimmt ab. Wieder dieselbe erste Frage. In etwa 300.000 Fällen werden Rettungskräfte alarmiert. Die Zahlen zeigen: Nicht jeder Anruf endet mit einem Einsatz. Manche Gespräche dauern nur wenige Sekunden. Eine falsche Nummer, ein Missverständnis.
Matthias Maiwald (li.) vom Notruf NÖ.
Andere brauchen Zeit: Menschen, die unsicher sind, ob es ein Notfall ist, die Schmerzen haben, aber noch zögern, die jemanden brauchen, der ihnen sagt, was jetzt richtig ist. Auch diese Anrufe landen hier und werden oft an die Gesundheitsberatung 1450 weitergeleitet.
Dort sitzen diplomierte Pflegekräfte, die Symptome einschätzen, Empfehlungen geben und bei Bedarf an Ärztinnen und Ärzte oder den Bereitschaftsdienst verweisen. So wird aus einem Notruf kein Einsatz, sondern eine gezielte Beratung. „Da sind wir in Niederösterreich Spitzenreiter“, fügt Maiwald hinzu. Und auch technisch sieht er das Bundesland vorne.
Notruf NÖ App
Geht ein Notruf über die Notruf-NÖ-App ein, erscheint der Standort nicht erst nach Rückfrage, sondern direkt im System als Punkt auf der Karte, der mit „Notfallort“ markiert ist – noch bevor die erste Frage gestellt wird. Diese Notruf-App ist seit 2017 im Einsatz, aber sie wird vergleichsweise wenig genutzt. Die meisten Menschen greifen in einem Notfall zum Telefon. Dabei könnte die App mehr als nur den Standort übermitteln: In einigen Fällen lassen sich darüber auch zusätzliche Informationen bereitstellen, etwa Hinweise zu Vorerkrankungen oder Allergien – wenn der App-User das will. In der Praxis wird dieses Potenzial aber selten genutzt. Die größte Herausforderung bleibt damit oft die erste Minute eines Anrufs: den Ort richtig zu erfassen, die Situation zu verstehen, Entscheidungen zu treffen, während auf der anderen Seite bereits Hilfe unterwegs ist.
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