Naturschutz im Waldviertel: Nationalpark ja, aber wo?
Im Mittleren Kamptal finden sich Areale, die Urwäldern ähneln.
Die Gummistiefel hat Matthias Schickhofer ständig im Kofferraum. Prophylaktisch sozusagen. Als Umweltschützer mit einer ausgeprägten Faszination für Wälder und Naturfotografie will er vorbereitet sein. So auch an diesem Freitagnachmittag, als Schickhofer das Schuhwerk wechselt, um mit dem KURIER einen Spaziergang durch das Dobratal zu unternehmen.
Auf einer Fläche von etwa 280 Hektar soll hier das Kerngebiet eines zukünftigen Nationalparks Kampwald entstehen. Das Areal gehört der Windhag-Stipendienstiftung, die vom Land Niederösterreich verwaltet wird. Ende 2025 wurde das Gebiet außer Nutzung gestellt – die Stiftung erhielt dafür rund 6,5 Millionen Euro aus dem Biodiversitätsfonds. Seitens des Landes wurde das Dobratal damals unter anderem als "Juwel" und "Schatz unserer Heimat" beschrieben. Schickhofer sieht das differenzierter.
Wilde Wälder
Im vorgesehenen Kerngebiet finden sich vereinzelt schutzwürdige Altholzbestände. Entlang des Baches verweist Schickhofer etwa auf Ufergehölze, an den Steilhängen ragen einzelne ältere Buchen in den grauen Himmel. "Kleinräumig gibt es da schon schöne Platzerl." Doch der Großteil sei stark durch intensive Bewirtschaftung, etwa durch den Anbau weitläufiger Fichtenplantagen, degradiert. "Da spielt sich biodiversitätsmäßig nicht sehr viel ab", so der Naturschützer.
Schickhofer und Silvia Moser (Grüne) beim Lokalaugenschein im Dobratal.
Anders sehe die Lage im Mittleren Kamptal aus. Was im Dobratal kleinflächig vorhanden ist, finde sich dort auf Hunderten Hektar, so Schickhofer. Insbesondere die Steilhänge zwischen Wegscheid und Rosenburg würden urwaldartige Ökosysteme beheimaten, die heute nahezu verschwunden sind. Sie würden sich daher als "Naturzonen" eignen: Ein Nationalpark muss zu 75 Prozent aus diesen nicht wirtschaftlich genutzten Flächen bestehen. Bisher würden die "ökologisch weitaus bedeutenderen" wilden Wälder im Nationalpark-Konzept des Landes jedoch nicht berücksichtigt.
Neue Studie präsentiert
Seit dem Besuch sind ein paar Wochen vergangen. Zeit, die Schickhofer und weitere Umweltfachleute genutzt haben, um ein Naturschutz-Bündnis zu gründen. Ihr Ziel: Die Landesregierung bei der Nationalpark-Entwicklung mit Expertise zu unterstützen, um "diese einmalige Landschaft dauerhaft unter Schutz zu bringen". Dafür hat die Allianz, an der sich BirdLife, Global 2000, Lanius, der Naturschutzbund, WWF und Fachleute aus der Region beteiligen, eine Studie beim Kärntner Institut für Ökologie (ECO) in Auftrag gegeben.
Die Untersuchung sollte geeignete Kernbereiche für ein Großschutzgebiet ermitteln, wie ECO-Geschäftsführer Hanns Kirchmeir im Pressegespräch ausführt. Anhand verfügbarer ökologischer Daten zur Region wurden drei relevante Cluster identifiziert.
Da wäre zunächst das Gebiet rund um die Dobra Stauseen, das bereits im Planungsprozess des Landes Niederösterreich umfasst sei. 70 Prozent seien als Naturzone möglich. Ein weiteres Cluster liegt im Mittleren Kamptal. Hier finde sich die höchste Konzentration an naturnahen Waldbeständen – über 90 Prozent könnten als Naturzone genutzt werden. Der dritte geeignete Bereich ist rund um das Kremstal identifiziert worden. Zusammen umfassen die drei Cluster etwas mehr als 5.000 Hektar, so Kirchmeir.
Regionalentwicklung
Die ökologisch wertvollen Gebiete verteilen sich auf ein "Mosaik aus Grundbesitzenden". Dass die Wälder in dieser Form erhalten geblieben sind, sei ihnen zu verdanken, so Dominik Linhard von Global 2000. Gleichzeitig führe wirtschaftlicher Druck dazu, dass immer wieder Flächen verschwinden. Der Nationalpark sei eine Chance, die Wälder zu schützen und gleichzeitig die Grundbesitzer fair zu entschädigen.
In diesem Areal ist der Nationalpark geplant.
Matthias Schickhofer, der als Koordinator der frisch gegründeten Plattform Nationalpark Kamptal fungiert, merkt abschließend an, dass das Naturschutzgebiet auch regionale Wertschöpfung bedeuten würde. Es wäre ein "neues Narrativ" für das Waldviertel und eine Imageaufwertung für die Region, so der Fotograf.
Für den seitens des Landes geplanten Nationalpark "Kampwald" sollen großflächige Areale im Dobratal renaturiert werden. Teile der Flächen wurden intensiv bewirtschaftet und sind etwa durch Borkenkäferschäden geprägt.
Um das Gebiet in einen naturnahen Zustand zurückzuversetzen, gibt es mehrere Ansätze. So schlägt die AG Wildtiere im Rahmen der Nationalpark-Initiative Kamptal vor, "Rewilding" einzusetzen. Hierbei wird versucht, Ökosysteme durch Reduzierung menschlicher Eingriffe zu regenerieren. Unter anderem ist die Ansiedlung von Schlüsselarten vorgesehen.
Laut Bernhard Kohler, Biologe und Vertreter von AG Wildtiere, wären im Dobratal etwa Wildrinder und Wildpferde denkbar. "Die großen Weidetiere könnten ein dynamisches Wechselspiel aus Wald und offenen Flächen schaffen, wie es einst prägend für die Waldviertler Landschaft war", so Kohler. Seitens des Landes heißt es, dass konkrete Maßnahmen erst geplant werden.
Grundsätzlich begrüßt das Land die Bemühungen der Naturschutzorganisationen. Es wird darauf hingewiesen, dass bereits Gespräche mit Umweltschützenden stattgefunden haben. In der Planung gelte es zudem, die Freiwilligkeit der Grundeigentümer zu berücksichtigen. Eine "gemeinschaftliche Anstrengung" sei notwendig, um das Projekt "auf die Welt zu bringen".
Aus Sicht des für den Nationalpark zuständigen Landeshauptfrau-Stellvertreters Stephan Pernkopf (ÖVP) sei "jede Unterstützung und jede zusätzliche Idee für unseren Nationalpark Kampwald gut". Er spricht davon, das Naturschutzgebiet "mit der Region und für die Region" umsetzen zu wollen.
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