„Ethisch nicht vertretbar“: Missstandsvorwürfe gegen Pflegeheim

Die Pflegerin Lisa F. meldete Pflegemissstände. Was folgt, ist die Kündigung. Nun zieht sie vor Gericht.
Lisa F. bei ihrem stillen Protest vor dem Pflegeheim.

Zusammenfassung

  • Pflegerin Lisa F. meldet Missstände im Pflegeheim Korneuburg, darunter Überlastung und mangelhafte Versorgung der Bewohner.
  • Nach ihrer Meldung wird Lisa F. fristlos gekündigt, die Landesgesundheitsagentur bestreitet die Vorwürfe und verweist auf interne Prüfungen.
  • Der Fall zieht politische Aufmerksamkeit auf sich, eine gerichtliche Klärung steht bevor und Lisa F. fordert bessere Arbeitsbedingungen.

„Ich sitze heute hier und spreche, weil ich etwas verändern möchte“, spricht Lisa F. Sie greift zum Wasserglas vor ihr, ihre Hände zittern unkontrolliert: „Entschuldigung, ich bin nervös.“

Dann beginnt sie von den Missständen der Station Melissa im Pflege- und Betreuungszentrum Korneuburg zu erzählen. Von Bewohnerinnen und Bewohnern, die stundenlang allein gelassen worden waren, obwohl sie dement und sturzgefährdet seien, von Menschen, die stundenlang in ihren eigenen Ausscheidungen liegen mussten. „Das ist aber nicht aus Böswilligkeit entstanden, das sind Fehler im System“, gibt Lisa F. zu Bedenken. 

Änderung des Personalschlüssels

Die 30-Jährige arbeitet seit zehn Jahren in der Pflege, zwei Jahre ist sie in Korneuburg beschäftigt. Eigentlich arbeitet sie gerne in der Pflege. Mit 15 Jahren habe sie eine Konditorlehre begonnen, begann dann ihre Großmutter zu pflegen. Nach ihrem Tod hatte sie ihre Bestimmung gefunden. „Es war und ist mir eine Herzensangelegenheit, Menschen zu pflegen“, sagt sie. 

Doch der Arbeitsdruck nimmt zu, mit dem Jahreswechsel 2025/26 wird der Personalschlüssel verändert. Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin ist nun für 12 statt neun zu Betreuende zuständig. Besonders im Jänner und Februar sei es so zu Überlastungen und Missständen gekommen. Am 4. Februar meldete Lisa F. die Zustände der Abteilung und schrieb ein ausführliches Gedankenprotokoll, das dem KURIER vorliegt. Darin beschreibt sie einen 12-Stunden-Dienst im Pflegeheim. „Der Text ist lang, man braucht fast 45 Minuten zum Lesen“, räumt sie ein. 

Konsequenz: Rückenschmerzen

Lisa F. beschreibt in ihrem Protokoll die zunehmende Arbeitsbelastung. Ihr Tag beginnt um 7 Uhr mit der Dienstübergabe des Nachtdiensts. Dann folgt die erste „Medikamentenrunde“. Als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin teilt sie für die 12 zu betreuenden Personen die Medikamente aus und erkundigt sich nach ihrem Gesundheitszustand. Aufgaben, bei denen die Zeit drängt, beispielsweise das Wechseln einer Inkontinenzeinlage, erledigt sie sofort. 

Immer wieder berichtet sie dabei auch von der Notwendigkeit von Gesprächen - meist zwei bis fünf Minuten lang. Zeit, die sie eigentlich nicht hat, betont sie immer wieder. Manche Bewohner müssen gelagert werden, da sie nicht mehr selbstständig mobil sind, andere müssen regelmäßig zum Rauchen hinausgebracht werden, wieder andere brauchen aufgrund ihrer Demenz einen sensiblen Umgang und mehr Zeit. Ein Spagat, der schwierig ist. Bis alle 12 Bewohnerinnen und Bewohner versorgt sind, ist es 11 Uhr. Bereits jetzt spürt Lisa F. laut ihrem Gedankenprotokoll körperliche Konsequenzen: Rückenschmerzen. 

Multitasking

Zur pflegerischen Arbeit gehört auch die Dokumentation, die sehr zeitaufwendig ist. Am Nachmittag läuten dann „oft vier bis fünf Glocken gleichzeitig“. Lisa F. beschreibt, wie sie gehetzt von Zimmer zu Zimmer eilt und versucht, die Bedürfnisse der Bewohnenden zu decken. Lagern, auf die Toilette begleiten, Bewohnerinnen und Bewohner für ihre Mittagsruhe ins Bett bringen. Gleichzeitig hat Lisa F. immer die Dokumentation ihrer Tätigkeiten im Kopf - ihre „einzige rechtliche Absicherung“. 

Ihr Gedankenprotokoll, das sie nicht nur an die Leitung des Pflegeheims Korneuburg, sondern auch an die LGA und die Patientenanwaltschaft schickt, endet mit einem Appell.

Ich fordere Sie daher auf, Ihre Strategie zu überdenken. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, unseren Beruf gesund und professionell auszuüben, anstatt uns in die Arbeitsunfähigkeit zu treiben.

von Lisa F.

Auszug aus ihrem Gedankenprotokoll

Vorwürfe bestritten

Es folgten interne Gespräche, am 24. Februar auch mit Katja Steininger, Geschäftsführerin der Gesundheit Weinviertel GmbH der NÖ Landesgesundheitsagentur (LGA). Am 25. Februar folgte dann die fristlose Entlassung per E-Mail.

Auf KURIER-Anfrage an die LGA, die Pflege- und Betreuungszentren betreibt, heißt es: „Die Vorwürfe der ehemaligen Mitarbeiterin sind unwahr und für uns nicht nachvollziehbar. Wir sind den behaupteten Missständen bereits vor Wochen nachgegangen und konnten in internen Audits, Mitarbeiterbefragungen bzw. Gesprächen keine Bestätigung dafür finden.“

Auch die Patientenanwaltschaft NÖ prüfte die Vorwürfe unabhängig und unangekündigt. Die Eindrücke von Lisa F. konnten sie nicht bestätigen, eine Überlastung der Pflegekräfte im betreffenden Pflegezentrum allerdings schon.

Kündigung wegen Aufdecken der Missstände?

Lisa F. sieht die Kündigung in direktem Zusammenhang mit dem Aufdecken der Missstände. „Ich habe mich gleich bei der Arbeiterkammer gemeldet und die Kündigung auch angefochten“, erzählt sie. Die LGA sieht das anders. In einer schriftlichen Stellungnahme schreibt sie: „Die Entlassung der Mitarbeiterin erfolgte aufgrund gravierender Dienstpflichtverletzungen und begründet sich nicht mit der Weitergabe von Informationen.“

Durch einen Artikel im Standard entstand der Kontakt zu Landesrat Sven Hergovich (SPÖ), der die junge Pflegerin unterstützt: „Diese Vorgehensweise sorgt für ein Klima der Angst“, ist er überzeugt und sieht auch eine Verletzung der EU-Whistleblower-Richtlinie. „Insgesamt zeigt dieser Bericht ein alarmierendes Gesamtbild“, resümiert er. Hergovich plädiert für eine lückenlose Aufklärung, eine parlamentarische Anfrage wurde bereits in die Wege geleitet. 

Lisa F. lässt sich nicht einschüchtern, am Karfreitag demonstrierte sie vor dem Pflegeheim Korneuburg mit selbst geschriebenen Plakaten und Schuhen von Kolleginnen und Kollegen, die sich aus Angst vor Konsequenzen nicht selbst zeigen wollten. Der Fall wird nun am 9. Juni vor dem Arbeitsgericht verhandelt. Lisa F. hofft, dass ihr Engagement den Bewohnern und Kollegen zugutekommt: „Ich möchte, dass die Bedingungen für Pflegekräfte endlich verbessert werden - auch zu Gunsten der Bewohnerinnen und Bewohner.“

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