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Chronik | Niederösterreich
06/22/2019

Keine muslimischen Zuzügler: Wenn ein Dorf "ein Dorf bleiben" will

Der kleine Weinviertler Ort Dörfles wehrt sich gegen den Zuzug einer Familie aus Palästina. Warum? Eine Spurensuche.

Nur die hintersten Reihen in der Kirche bleiben zu Fronleichnam leer.

Das freut den Pfarrer.

Denn die Fronleichnamsprozession ist eine Glaubensdemonstration. „Wir bekennen uns zu unserem Glauben, gerade in Zeiten wie diesen“, predigt Pfarrer Christoph Pelczar.

Auch wenn er es vielleicht nicht so gemeint hat: Seine Worte beschreiben die Situation, in der sich seine Gemeinde befindet, perfekt.

Denn Weikendorf – vor allem dessen Katastralgemeinde Dörfles – beherrscht seit Wochen die Schlagzeilen: Weil sich die Gemeinde dagegen ausspricht, dass die Familie Abu El Hosna aus Palästina in Dörfles ein Haus kauft:

„Die unterschiedlichen Kulturkreise der islamischen sowie der westlichen Welt“ würden „in ihren Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuchen weit auseinander liegen.“

Das sorgte, nachdem der KURIER berichtet hatte, für breite mediale Aufmerksamkeit – und viel Kritik.

Die Geschichte über den kleinen Ort ist vielschichtig. Es ist die Geschichte von purer Ablehnung.

Es ist auch die Geschichte einer Gemeinde, die formal nichts falsch gemacht, den Zuzug einer Familie aber mit zweifelhaften Argumenten zu verhindern versuchte.

Und es ist die Geschichte einer Familie, gegen die nun Vorwürfe laut werden.

Der KURIER begab sich auf Spurensuche nach Dörfles, dem hübschen 265-Seelen-Ort mit Kapelle und Feuerwehrhaus.

„Ausländerfeinde“

In Dörfles liegt kein Papierl auf dem Gehsteig. Der Rasen in den Vorgärten ist gemäht, vor den Eingangstüren blühen die Rosenstöcke. Jeder Grashalm ist dort, wo er sein soll. Und wenn nicht, ist auf die Zäune dieser Gärten ein „Natur-im-Garten“-Schild montiert.

Nach dem Kirchgang ist man bemüht, das zuletzt entstandene Bild zurechtzurücken. „Wir sind keine Ausländerfeinde“, sagen zwei Frauen, die sich Zeit nehmen für ein Gespräch.

Mehrere ausländische Familien würden in der Gemeinde leben – Türken, Rumänen, Serben, Bosnier, Tschechen, Slowaken. Es gebe ein gutes Einvernehmen. Vor drei Jahren sei eine syrische Flüchtlingsfamilie zugezogen – alles kein Problem.

2.029 Einwohner hat die Gemeinde Weikendorf (per 1.1.2019). 1.835 davon sind Österreicher; 194 – 9,6 Prozent – haben eine andere Staatsangehörigkeit.

Gut ein Viertel der Volksschulkinder hat nicht Deutsch als Muttersprache. Von den 20 Kindern, die ab Herbst den Kindergarten besuchen, sind es 14. Aus Rücksicht gibt es dort schon jetzt kein Schweinefleisch.

Und wenn doch, wird für die muslimischen Kinder Putenfleisch zubereitet. Dafür gehen am Nikolaustag alle Kinder zum Pfarrer in die Kirche, auch die muslimischen.

Wenn also alle gut miteinander auskommen, warum erzürnt Familie Abu El Hosna mit ihren neun Kindern so sehr, dass künftige Nachbarn sogar eine Unterschriftenliste gegen sie starten?

„Wir müssen langsam schauen, dass es nicht zu viele werden“, sagt eine Frau. Und eine andere: „Ein Dorf muss ein Dorf bleiben.“

„Wenn du die einmal da hast, kriegst die nie wieder raus“, sagt ein Mann. Und ein anderer: „Wir verbünden uns mit Israel und dann holen wir die Palästinenser rein?“

Im Gasthaus Nina in Weikendorf droht die Stimmung zu kippen. „Sag’ denen nix“, mischt sich ein Feuerwehrmann in Uniform ein, als der KURIER das Gespräch mit der Wirtin sucht. Die Sonnenbrille nimmt er nicht ab.

Auch nicht, als er sich kurz darauf noch einmal ungefragt zu Wort meldet: „Das Beste ist, Sie gehen jetzt“, sagt er.

Dabei will die Wirtin nur erzählen, dass der Bürgermeister ein Guter ist und sie die Kritik an ihm unfair findet.

„Hilfeschrei“

100 Personen haben gegen den Zuzug der Familie unterschrieben – etwa 80 Haushalte gibt es in Dörfles. Einige Ortsbewohner erzählen, dass sie die Liste unterstützen, aber nicht unterzeichnet haben – aus Angst, der Arbeitgeber könnte davon erfahren.

Pfarrer Pelczar will die Unterschriftenliste nicht überbewerten. „Für mich ist es eine Art Hilfeschrei.“ Der Theologe kennt sich aus mit Emotion – er arbeitet auch als Mentaltrainer bei Rapid Wien. Der Ort habe aus den Medien von dem Fall erfahren.

Was man jetzt brauche, seien Ruhe – und Klarheit.

Die wird erst die Entscheidung der Grundverkehrskommission des Landes Niederösterreich bringen. Sie wird von Amts wegen aktiv, wenn „ausländische Personen“ einen „Rechtserwerb“ tätigen – also etwa ein Haus kaufen wollen. Dann wird überprüft, ob alle gesetzlichen Voraussetzungen eingehalten werden.

Unter anderem, ob der potenzielle Käufer zu Haftstrafen wegen vorsätzlich begangener Straftaten oder Finanzvergehen verurteilt wurde. Außerdem muss der Kauf dem (volks)wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Interesse des Landes oder der Gemeinde entsprechen oder der Käufer seit mindestens zehn Jahren in Österreich einen Hauptwohnsitz haben.

Familie Abu El Hosna lebt erst seit 9 Jahren in Österreich – und Interesse an ihrem Zuzug hat die Gemeinde nicht. „Alles drum herum“ tue sein übrigens, meint Vizebürgermeister Robert Jobst (ÖVP).

Vor dem beabsichtigten Umzug soll die Familie sechs Monate lang nicht für ihre drei Wohnungen in Wien gezahlt haben. Die Hausbesitzerin bestätigt das. Der Fall sei vor Gericht gelandet, dann seien 500 Euro nachgezahlt worden. Der Anwalt der Familie wollte keine Stellungnahme abgeben.

„Warum also sollten wir ein Interesse haben, dass die zu uns ziehen?“, fragt der Vizebürgermeister. Die Stellungnahme an das Land sei „unglücklich formuliert“ und mittlerweile hat man eine neue eingebracht, aber: „Irgendwas haben wir ja schreiben müssen.“