Kein Entrinnen vor der Flut: Was NÖ für den Hochwasserschutz tut
Extremwettereignisse häufen sich auch in Österreich
Es sind Bilder, die sich in die Köpfe der Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher eingebrannt haben: Häuser, die bis zum Erdgeschoß unter Wasser stehen. Autos, die von den Fluten fortgetragen werden. Einsatzkräfte in Booten, die von Haus zu Haus fahren, um die Bewohner zu evakuieren. Oder auch Luftaufnahmen, die Felder und Orte inmitten der Wassermassen zeigen.
Im September 2024 kam es zu massiven Regenfällen, die erstmals in der Geschichte des Landes ganz Niederösterreich in ein Katastrophengebiet verwandelten. Von 14. bis 20. September wurden täglich bis zu 10.000 Einsatzkräfte aufgeboten, insgesamt sollten es 131.000 Helfer aus allen Bundesländern werden. Über 27.000 Einsätze wurden in diesen Tagen geleistet. Im Nachhinein wurden die Schäden mit 1,07 Milliarden Euro beziffert. Leider kam es auch zu fünf Todesfällen.
Verzweiflung und Wut
Das verheerende Hochwasser brachte Verzweiflung – und später auch Wut. Besonders betroffen war das Tullnerfeld. Der Perschlingdamm war unter den Wassermassen an mehreren Stellen gebrochen, Hunderte Häuser waren diesen damit schutzlos ausgeliefert. Auch die Bahninfrastruktur wurde auf Dauer lahmgelegt. Stimmen wurden laut, warum denn nicht schon früher an einem besseren Hochwasserschutz gearbeitet worden ist. Parallel dazu versprach das Land weitere Maßnahmen und zog dafür auch Experten hinzu.
Etwas mehr als ein Jahr nach den Unwetterereignissen greift der KURIER das Thema daher wieder auf: Im Zuge der großen Regionalumfrage, die mit dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut OGM durchgeführt wurde, wollte der KURIER von den Leserinnen und Lesern im Bezirk Tulln wissen, ob seitens der Politik genug in Sachen Flutschutz unternommen wird. Das Ergebnis hätte kaum knapper ausfallen können: 35 Prozent der Teilnehmenden antworteten mit „Ja“, für 40 Prozent werden nicht genügend Schutzmaßnahmen gegen künftige Hochwasser-Ereignisse umgesetzt.
Flutwelle
Bis zu 500 Liter Regen pro Quadratmeter prasselte im September 2024 auf die Hochwassergebiete ein. Besonders betroffen waren entsprechend der Schadensummen das Tullnerfeld, die Region St. Pölten und Melk.
1 Milliarde
Euro sollen bis 2040 investiert werden. Nach den Überflutungen 2002 wurden 1,6 Milliarden in die Hand genommen. Die damals erbauten Schutzmaßnahmen konnten bei den jüngsten Ereignissen noch höhere Schäden verhindern.
Laut dem Land NÖ wurden 2025 rund 80 Millionen Euro in die Schutzmaßnahmen investiert. Auch die Arbeiten entlang der Perschling, die mit 15 Millionen Euro veranschlagt werden, laufen. Bis 2040 soll nun noch eine weitere Milliarde in den Ausbau gesteckt werden. Dabei orientiert sich das Land an einem Expertenbericht, der im Juli präsentiert wurde. Dieser beschränkt sich nicht auf „klassische“ Maßnahmen, wie die Errichtung von Rückhaltebecken. Vielmehr geht es um ein umfassendes Paket, das an allen Schrauben drehen will.
Maßnahmen des Landes
Dazu gehört, dass den Flüssen mehr Raum – Stichwort Retentionsflächen – gegeben werden soll. Auch die Gewässerpflege ist ein entscheidender Punkt; 2024 verschärften zugewachsene Bach- und Flussläufe das Problem, auch in Nebengewässern. Außerdem soll im Rahmen der Raum- und Bauordnung eine weitere Bebauung in Hochwassergebieten verhindert werden. Sollte es wieder zu einem Hochwasser kommen, braucht es einen besseren Schutz der kritischen Infrastruktur und auch der Kommunikationswege.
Die Versorgungssicherheit mit Trinkwasser muss erhöht werden, ebenso setzt man auf den Ausbau von Mess- und Prognosesystemen – 36 weitere Pegel-Messstationen wurden 2025 geschaffen. Sonderkatastrophenschutzpläne sollen bei weiteren Hochwasser-Ereignissen für eine bessere Koordinierung in den Gemeinden sorgen. Aber auch das Risikobewusstsein und die Eigenverantwortung der Bewohner muss geschärft werden; so sollte laut Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) jeder Haushalt eine Pumpe haben, wie er gegenüber dem ORF sagte.
Dennoch betonte er im August einmal mehr: „Solche Regenmassen in so kurzer Zeit, noch dazu flächendeckend, können nicht schadlos vorübergehen. Hundertprozentigen Schutz kann und wird es nie geben.“
Kommentare