Museumsdorf Niedersulz: Gestickte Klischees zum Saisonauftakt
Die Sprüche, die um 1900 Spruchdeckerl zierten, bringen heute noch die wissenschaftliche Leiterin des Museumsdorfs Niedersulz, Veronika Plöckinger-Walenta, den Geschäftsführer Christoph Mayer sowie Marianne Wanderer, Obmann-Stellvertreterin des Freundesvereins des Museumsdorfs zum Schmunzeln.
"Eine Küche ohne Frau ist eine Blume ohne Thau." "Such das Glück nicht allzu weit. Es liegt ja in der Häuslichkeit." Sprüche wie diese lassen einen heutzutage die Nase rümpfen. Vor allem als Frau. Doch vor über 100 Jahren zierten Sprüche wie diese Wandschoner, besser bekannt als "Spruchdeckerl" oder andere Heimtextilien. Genau diesen widmet sich eine Sonderausstellung im Weinviertler Museumsdorf Niedersulz (Bezirk Gänserndorf), mit der das größte Freilichtmuseum Österreichs in die neue Saison startet.
Die Ausstellung nennt sich "Am häuslichen Herd sei Glück dir beschert" - gestickte Klischees um 1900. Diese "Zierdeckerln" in einer eigenen Ausstellung zu präsentieren, sei schon länger geplant gewesen, berichtet die wissenschaftliche Leiterin, Veronika Plöckinger-Walenta, in einem Mediengespräch. "Die meisten Sprüche - nicht alle - beschäftigen sich mit der Rolle der Frau", erklärt sie. Die Spruchdeckerl zeichnen das Bild einer Hausfrau, die nur daheim am Herd steht und die Familie umsorgt. "Das war damals das bürgerliche Idealbild", weiß die wissenschaftliche Leiterin.
Das Klischee der Frauen und die Realität
Was sie außerdem weiß: Dieses Bild hat nichts mit der Realität zu tun. "Die Frauen haben genauso im Weingarten, am Feld und in der Werkstatt gearbeitet. Oder sie haben das Geld eingetrieben", erklärt Plöckinger-Walenta.
In der Sonderausstellung, die bis November im Pfarrhof am Dorfplatz des Museumsdorfs zu sehen sein wird, wird das Klischee der Realität in einem Weinviertler Dorf um 1900 gegenübergestellt. "Ich hab bei den Sprüchen oft geschmunzelt und festgestellt, ich bin keine richtige Hausfrau", scherzt die wissenschaftliche Leiterin.
Spruchdeckerl Museumsdorf Niedersulz
Die vielschichtigen Spruchdeckerl
Zusätzlich beschäftigt sich die Ausstellung mit der Herstellung, der Verbreitung und der Verwendung dieser Spruchtextilien. Einige Fragen bleiben dennoch offen. Ein Spruch dreht sich zum Beispiel darum, dass die Ehefrau ihrem Mann seine Lieblingsspeise kochen müsse. "Gab es um 1900 überhaupt eine Lieblingsspeise? War man nicht einfach froh, dass man etwas zu essen hatte?" Das sind Fragen, die Plöckinger-Walenta beschäftigen und zeigen, wie vielschichtig die Ausstellung ist.
Darum wird es auch einen eigenen Ausstellungskatalog zu den Spruchdeckerln geben. Und auch einige Fanartikel, wie Magnete, damit die weisen Sprüche auch Zuhause präsent sein können.
- Von 11. April bis 14. Oktober hat das Weinviertler Museumsdorf Niedersulz täglich von 9.30 Uhr bis 18 Uhr; ab 15. Oktober bis 1. November bis 17 Uhr.
- 11. April, 14 Uhr: Eröffnet wird die Saison mit der Sonderschau "Am häuslichen Herd sei Glück dir beschert" - gestickte Klischees um 1900.
- 25. April, 10 bis 16 Uhr: Beim Pflanzenmarkt kann eine Vielzahl biologisch gezogener Raritäten aus dem Museumsdorf und der Region für den eigenen Anbau erworben werden.
- 9. Mai, 14 bis 19 Uhr: Beim Kellergassenfest präsentieren Winzer ihre Köstlichkeiten; Führungen durch die Kellergasse werden angeboten. Das Highlight an diesem Tag: Das Fest startet mit der feierlichen Eröffnung des frisch renovierten Presshauses mit Kellerröhre aus Ottenthal.
- 31. Mai, 13 bis 17 Uhr: An diesem Tag wird gezeigt, wie vielfältig die Tätigkeit der Frauen anno dazumal war.
- 30. Juni, 19.30 Uhr bis 22 Uhr: "Gartensommer Vollmondnacht" heißt die Gartenführung, die bei Dämmerung und Mondlicht stattfindet und das Augenmerk auf nachtblühende Pflanzen, Geräusche und Gerüche legt. Die Veranstaltung findet ebenso am 29. Juli und am 28. August statt.
- 26. September, 10 bis 17 Uhr: Die Rolle des Pferdes in der ländlichen Arbeitswelt wird unter dem Titel "Pferdekraft" in den Fokus gerückt. Erstmals werden ausgewählte Wägen und Schlitten, die aufwändig renoviert wurden, präsentiert.
- 11. Oktober, 10 bis 17 Uhr: Erstmals wird zum Dorfherbst geladen. Bei diesem Fest stehen Tradition und Genuss im Vordergrund und beschäftigt sich bewusst damit, was mit den Produkten nach der Ernte passiert.
- Alle Veranstaltungen sind auf der Homepage des Museumsdorfs www.museumsdorf.at zu finden.
"Wir haben heuer viele Neuigkeiten", berichtet Geschäftsführer Christoph Mayer, dass die Mitarbeiter im Museumsdorf "im Winter sehr fleißig" waren. "Wir haben endlich ein Presshaus mit einer Kellerröhre", verrät Plöckinger-Walenta. Das Presshaus stammt aus der Mistelbacher Gemeinde Ottenthal und wurde komplett saniert. "Es ist ein wunderschöner Lehmbau", schwärmt die wissenschaftliche Leiterin.
Museumsdorf hat endlich ein Presshaus mit Kellerröhre
Zu sehen ist dort allerdings keine Baumpresse, sondern eine Nabingerpresse, die zur Originalausstattung des Presshauses gehört. "Diese Presse ist typisch für das nördliche Weinviertel und für den südmährischen Raum", erklärt sie. Beim Kellergassenfest am 9. Mai werden Presshaus und Kellerröhre, die die traditionelle Arbeitsweise der Weinbereitung veranschaulichen, feierlich eröffnet.
Im Herbst wird "Pferdekraft" präsentiert, das meint Transportfahrzeuge von anno dazumal. Dabei gibt es nur ein Fahrzeug, mit dem "ausschließlich Menschen transportiert wurden, der Leichenwagen", berichtet Plöckinger-Walenta. Einen solchen hat das Museumsdorf Niedersulz aus Gaweinstal (Bezirk Mistelbach), das früher Gaunersdorf hieß, erhalten.
Dass das Museumsdorf auf Nachhaltigkeit setzt, erklärt sich eigentlich von selbst. "Vieles machen wir automatisch", bestätigt der Geschäftsführer. So wurde das Weinviertler Museumsdorf im Vorjahr mit dem österreichischen Umweltzeichen "Green Events" ausgezeichnet. Zusätzlich zur 100-Kilowattpeak-PV-Anlage auf dem Bauhof werden nun Carports errichtet, auf die Photovoltaik-Anlagen mit mehr als 500 kWp Leistung kommen. "Diese Energie werden wir selbst verbrauchen", schildert Mayer. Was das Museumsdorf nicht benötigt, wird mit anderen Kulturbetrieben geteilt.
Zusätzliche Ladestationen für E-Autos
Durch die Carports werde keine zusätzliche Fläche versiegelt, gleichzeitig werden Parkplätze beschattet. Außerdem sollen noch zehn bis 15 Ladepunkte für E-Autos errichtet werden. "Das ist einzigartig für einen Kulturbetrieb in Niederösterreich", sagt Mayer mit Stolz. Bisher gab es übrigens nur eine Ladestation.
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