Der Opernball im zweiten Jahr nach Richard Lugner
Sophia Loren - im Bild mit Richard Lugner
So absurd es auch klingen mag, der eigentliche Star des Opernballs war weder Sophia Loren noch Jane Fonda, weder Roger Moore noch Goldie Hawn. Der eigentliche Star hieß Richard Lugner. Auch wenn man ihn belächelte und als neureichen Baumeister abkanzelte, kann niemand bestreiten, dass er den Ball der Bälle drei Jahrzehnte lang beherrscht hat.
Ja, die Kameras waren auf Claudia Cardinale, Paris Hilton oder Faye Dunaway gerichtet, aber letztlich drehte sich doch alles um die Befindlichkeiten des Publicity-besessenen Ingenieurs, der seinen Zylinder schwenkend die Feststiege hinauf schritt, um dann die ihm eigene Form der Selbstdarstellung von der Steuerlast seines Einkaufszentrums abschreiben zu können.
Von Belafonte bis Presley
Die Lugnerei am Opernball begann 1992 mit Hollywoodlegende Harry Belafonte und endete in Baumeisters Todesjahr 2024 mit „Elvis-Witwe“ Priscilla Presley. Dazwischen heuerte „Mörtel“ die vermutlich etwas günstigeren Mietdamen Nadja Abd el Farrag, Elisabetta Canalis und „Ruby“ Rubacuori an. Aber auch tatsächliche Stars wie Gina Lollobrigida, Raquel Welch und Ornella Muti.
Die Zeit der Royals
Mit Beginn des Lugner’schen Prominentenhandels endete freilich die Ära, in der royale Gäste freiwillig und ohne jegliche Bezahlung antanzten. In den 1960er- bis 80er-Jahren waren das König Juan Carlos von Spanien, Beatrix der Niederlande und Prinz Philip von Großbritannien. Als die mehr oder weniger gekrönten Häupter in der Waldheim-Zeit dann ausblieben, schlug die Stunde des Baumeisters, der schon in seinen frühen Opernballjahren mit Namen wie Joan Collins, Ivana Trump und Grace Jones auftrumpfte.
Der erste Opernball
Ein Blick zurück zum ersten Opernball der Zweiten Republik, am 9. Februar 1956: Die im Krieg fast völlig zerstörte Staatsoper war drei Monate davor glanzvoll wiedereröffnet worden, jetzt galt es, dem Haus neben seiner kulturellen auch eine gesellschaftliche Bedeutung zu verleihen.
Und das gelang, wie man den Tageszeitungen des Jahres 1956 entnimmt. Natürlich saßen Bundespräsident Theodor Körner, Kanzler Julius Raab und die komplette Regierung staatstragend in der „Kaiserloge“, doch es kamen auch jede Menge Künstler mit klingenden Namen. Darunter das Glamour-Paar Paula Wessely–Attila Hörbiger, weiters Johanna Matz, Susi Nicoletti und Wiens Modekönig Fred Adlmüller. Abgesehen vom damals noch Lugner-freien Who’s Who erfuhr man, dass die Opernballnacht 1956 die kälteste Nacht seit Menschengedenken gewesen sei: „Die Temperatur sank auf minus 26 Grad“, erinnerte sich die erste Opernballorganisatorin Christl Schönfeldt, „die Autos der Gäste, die morgens nach Hause fahren wollten, sprangen nicht an. So mussten sie frierend auf Taxis warten.“
Nach diesem gelungenen Start wurde der Opernball im Jahr darauf zu einem Fiasko, das zu der ernsthaften Überlegung führte, „nie wieder“ einen Ball in der Oper zu veranstalten. Der Grund: Das Haus am Ring war halbleer – auch wenn die Opernballlady beschwichtigend von „halbvoll“ sprach. Österreich bekam die ungarische Revolution zu spüren, im Zuge derer mehr als 200.000 Menschen ihre Heimat verlassen hatten, von denen 70.000 in Österreich blieben. Um ein ähnliches Fiasko als Folge des Golfkrieges zu vermeiden, wurde der Opernball 1991 abgesagt.
Opernstars in den Logen
Im dritten Jahr wurde der Opernball endlich das, was er eigentlich sein sollte: ein Society-Event, bei dem diejenigen die Hauptrollen spielten, die im Haus am Ring zu Hause waren: Am Tanzparkett und in den Gängen sah man an diesem 13. Februar 1958 die Opernlieblinge Lisa della Casa, Oskar Czerwenka, Rita Streich, Erich Kunz und Giuseppe di Stefano.
In den Kreisky-Jahren reichten sich in der Kanzler-Loge Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß, Shirley MacLaine und Leonard Bernstein die Hände. Zur weiteren (unbezahlten) Prominenz zählten Luciano Pavarotti, Charles Aznavour, Curd Jürgens und Richard Burton, der augenscheinlich stark alkoholisiert durch die Staatsoper wankte.
Streit der Opernballladys
Fast so prominent wie die Gäste waren in diesen Jahren die Opernballorganisatorinnen. Als 1981 Christl Schönfeldt von der Schauspielerin Lotte Tobisch abgelöst wurde, krachte es gehörig hinter den Kulissen des Opernhauses. „Frau Schönfeldt hat ihre Ablöse nicht verkraftet“, verriet Lotte Tobisch Jahre später. „Anfangs wurde gegen mich von allen Seiten intrigiert. Frau Schönfeldt hatte den Opernball in den 1950er-Jahren glänzend organisiert, aber sie hat nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass die Zeiten nach einem Vierteljahrhundert andere geworden sind.“ Die beiden Damen haben bis zu Christl Schönfeldts Tod im Jahr 2013 kein Wort mehr miteinander gewechselt.
Hollywoodikone
Am kommenden Donnerstag findet also der Opernball des Jahres 2 nach Richard Lugner statt. Doch auch wenn seine Nachahmer die tatsächliche Hollywoodikone Sharon Stone (angeblich gegen Entlohnung von 60.000 Euro) und einige weit weniger illustre Persönlichkeiten anschleppen – es wird nie wieder so sein wie zu Baumeisters Zeiten.
Das können Sie jetzt interpretieren, wie Sie es für richtig halten.
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