Der weltweit älteste Arzt ist gestorben

Dr. István Körmendi ging fast bis ans Ende seines 102 Jahre langen Lebens jeden Tag in seine Ordination, um seine Patienten zu betreuen.
Ein lächelnder älterer Arzt mit Stethoskop und weißem Kittel steht in einem Büro.

Vielleicht erinnern Sie sich noch, es ist etwas mehr als ein Jahr her, da besuchte ich den ältesten praktizierenden Arzt Europas. István Körmendi war damals 101 Jahre alt und saß nach wie vor täglich in seiner Praxis, um seine Patienten zu betreuen. Jetzt ist er 102-jährig in seiner Ordinationswohnung im Zentrum von Budapest ruhig entschlafen.

Mein Interview mit ihm hatte den Titel „Europas ältester Arzt“, inzwischen war er wohl der älteste praktizierende Mediziner der Welt. Denn am 22. Dezember 2025 ist in Cleveland/Ohio der amerikanische Neurologe Dr. Howard Tucker verstorben, der laut Guinness-Buch der Rekorde mit 103 Jahren der älteste praktizierende Arzt der Welt war. Da István Körmendi zu diesem Zeitpunkt immer noch ordinierte, können wir davon ausgehen, dass er zuletzt der älteste aktive Arzt der Welt war.

Kein Honorar verlangt

Dr. Körmendi hatte keine festen Ordinationszeiten, aber es verging kein Tag, an dem keine Patienten anriefen, andere schickten Mails, in der Hoffnung, vom reichen Erfahrungsschatz des Allgemeinmediziners profitieren zu können. Wieder andere kamen in seine Ordination in der Budapester Mészáros-Straße.

Es waren 30 bis 35 Menschen, die sich ihm immer noch anvertrauten. Der ebenso sympathische wie humorvolle Dr. Körmendi beantwortete alle Fragen seiner Patienten, soweit es in seiner Macht stand. Körmendis Vorzug war es, sich im Gegensatz zu jüngeren Ärzten, deren Wartezimmer voll sind, Zeit für jeden einzelnen Fall nehmen zu können. Er verlangte kein Honorar, obwohl er seinen Krankenkassenvertrag mit 100 Jahren aufgekündigt hatte. Hausbesuche machte er nicht mehr, seit er mit 99 Jahren den Führerschein zurückgelegt hatte.

„Bis alle gesund sind!“

Natürlich kannte Dr. Körmendi seine Grenzen. Er „behandelte“ nicht, sondern beriet und schickte seine Fälle zu den zuständigen Kollegen. Auf die Frage, wie lange er noch tätig sein wollte, sagte er lächelnd: „Bis alle gesund sind!“ Vor wenigen Wochen betreute er seinen letzten Fall.

István Körmendi wurde am 27. Juni 1923 als Stephan Klein in Budapest geboren. Er sprach perfekt Deutsch, „da mein Kindermädchen aus Graz kam“. Dennoch wechselte seine Familie ihren Namen von Klein auf Körmendi, benannt nach der nahe der österreichischen Grenze gelegenen Stadt Körmend, aus der seine Vorfahren stammen. Der Grund für die Namensänderung: „Nach der Besatzung Ungarns durch die Nationalsozialisten hatte die deutsche Sprache hier keinen besonders guten Klang.“

„Der Doktor“, wie man ihn überall nannte, war in Budapest eine bekannte Persönlichkeit, nicht nur infolge seines Alters, sondern auch als Autor medizinischer Fachbücher. Kurz vor seinem Tod wurde ihm noch mitgeteilt, dass die deutschsprachige Übersetzung seiner in Ungarn bereits erschienenen Lebenserinnerungen fertiggestellt wurde.

Von der Abwahl Viktor Orbáns hat Dr. Körmendi nicht mehr erfahren. Er hätte sich wohl darüber gefreut, zumal ihm die Regierung aus Anlass seines 100. Geburtstags eine hohe Auszeichnung verleihen wollte, die er jedoch ablehnte. „Ich konnte sie nicht annehmen, wenn ich gleichzeitig den Ministerpräsidenten und seine Politik öffentlich kritisiere.“

Körmendi war bis zuletzt mobil und lebte seit dem Tod seiner Frau vor acht Jahren alleine in seiner Ordinationswohnung, für deren Haushalt er selbst sorgte. Seine Tochter Edith Szanto und sein Schwiegersohn Erwin sind in Wien als Internistin bzw. Orthopäde tätig. Als Dr. Körmendi starb, waren sie an seiner Seite.

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