Passionskrippe in Jois: Wiederauferstehung einer Tradition

In der Friedhofskapelle steht eine in Ostösterreich einzigartige Passionskrippe. Was ein 90-jähriger Priester damit zu tun hat.
Mehrere Figuren stellen die Kreuzigung Jesu und Szenen seines Leidenswegs auf einem steinernen Podest mit Kreuzen und römischen Soldaten dar.

Im Wikipedia-Eintrag mit dem Titel „Fastenkrippe“ findet sich folgender Satz: „Heutzutage findet man kaum noch Osterkrippen, weder in Kirchen noch in privatem Gebrauch, nur noch vereinzelt in Museen.“

Der Beitrag im Internetlexikon sollte aktualisiert werden. Denn in Jois kann eine Osterkrippe bestaunt werden, vor zwei Jahren wurde sie fertiggestellt. Und sie steht nicht in einem Museum, sondern in der örtlichen Friedhofskapelle. Ein Brauchtum aus dem Mittelalter wurde hier wiederbelebt.

Analog zur Weihnachtskrippe, die Jesu Geburt zeigt, dreht sich die Passionskrippe um seinen Tod. 41 rund 20 Zentimeter große Holzfiguren, handgeschnitzt von einem Südtiroler Künstler, zeigen in mehreren Szenen die Ereignisse der Karwoche und Stationen des Kreuzwegs.

Die Steine für das Szenenbild stammen aus der Region. Auf Reliefs links und rechts der Krippe sieht man den Einzug Jesu Christi in Jerusalem und das letzte Abendmahl. Über der Szenerie thront eine einen Meter hohe Figur des Auferstandenen.

Südtiroler Vorbild

Diese öffentlich zugängliche Osterkrippe ist einzigartig im Burgenland. Dass es sie gibt, ist dem 90-jährigen Joiser Geistlichen Franz Hillinger zu verdanken.

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Monsignore Franz Hillinger

Als im Jahr 2020 im Gemeinderat der Beschluss fiel, die Friedhofskapelle zu renovieren, setzte sich der Monsignore für die Anschaffung einer Passionskrippe ein: „Ich war in Südtirol in einem Museum, dort habe ich mir alte Krippen aus der Barockzeit angeschaut. Das war die Vorgabe. Als die Kapelle renoviert worden ist und man aus einer Abstellkammer wieder einen sakralen Raum machen wollte, habe ich den Vorschlag gemacht, dass man eine dauerhafte Passionskrippe hereinstellt“, erzählt Pfarrer Hillinger dem KURIER in der kleinen Kapelle.

Frage der Finanzierung

Zur Freude des Priesters in „Unruhestand“ (er leitet nach wie vor Gottesdienste in Weiden am See und Neusiedl am See) stimmte der Gemeinderat zu.

Blieb noch die Finanzierung zu klären: Rund ein halbes Jahr arbeitete der Künstler an der Passionskrippe, sie kostete rund 40.000 Euro. Franz Hillinger startete eine Spendenaktion, der Pfarrer freute sich über zahlreiche Unterstützer. Einen Teil der Kosten für sein Passionsprojekt übernahm der 90-Jährige selbst.

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Passionskrippe in der Friedhofskapelle Jois

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Friedhofskapelle Jois

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Passionskrippe in der Friedhofskapelle Jois

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Passionskrippe in der Friedhofskapelle Jois

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Passionskrippe in der Friedhofskapelle Jois

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Passionskrippe in der Friedhofskapelle Jois

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Passionskrippe in der Friedhofskapelle Jois

Mehrere Figuren stellen die Kreuzigung Jesu und Szenen seines Leidenswegs auf einem steinernen Podest mit Kreuzen und römischen Soldaten dar.

Die Krippe besucht er seit der Fertigstellung regelmäßig und zeigt sie Interessierten. „Sie ist ja – wie soll ich sagen – zumindest im Burgenland einmalig. Und sie ist dauerhaft. Viele Leute kommen auch immer wieder vorbei, und auch Schulklassen können sie anschauen.“

Genauso einmalig wie die Passionskrippe ist die Geschichte der Kapelle, in der sie steht. Sie wurde im Jahr 1679 vom Erbauer Johann Frombelt als Familien-Grabkapelle angelegt – damit ist sie sogar älter als die wenige Schritte entfernte barocke Pfarrkirche, die im Jahr 1770 fertiggestellt wurde.

In der Zeit des Kirchenbaus soll die Kapelle der Joiser Bevölkerung als Ersatzkirche gedient haben. Doch im Laufe der Jahre geriet die sakrale Bedeutung des Gebäudes in Vergessenheit.

Kapelle als Abstellkammerl

Zuletzt hatte die Gemeinde Jois die Friedhofskapelle als Lagerraum für Pflegebetten verwendet. Doch nachdem 2020 der Beschluss zu Renovierung in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt gefallen war, wurde vieles wieder hergestellt – unter anderem verloren geglaubte Deckenfresken.

Franz Hillinger stand dabei gerne mit Rat und Tat zur Seite. Und auch in Zukunft darf man sich noch das eine oder andere bemerkenswerte Projekt vom Joiser Monsignore erwarten: „Kirchenhistorisch war ich immer interessiert, aber als Pfarrer hast du keine Zeit. Ich habe warten müssen, bis ich in Pension bin.“

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