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Arzt mit 72: „Werde narrisch, wenn ich nichts zu tun habe“

Mit 72 nur ein bisserl in Pension. Warum Johann Gschwandtner Ordination und Patienten braucht, wie andere die Luft zum Atmen.
Ein älterer Mann im weißen Arztkittel mit Stethoskop sitzt neben einem Ultraschallgerät in einem hellen Untersuchungsraum.

Von Vanessa Halla

Wenn der Herr Doktor über sein Leben spricht, klingt das wie eine Mischung aus Landkrimi, Ärzteserie und burgenländischer Dorfgeschichte. Da gibt es einen Citroën DS mit defektem Gaspedal, nächtliche Blaulicht-Einsätze und eine Jugendfreundin mit einem Hautarzt als Chef – und mittendrin immer jener Mann, den im Südburgenland viele einfach „den Gschwandtner“ nennen.

72 Jahre jung, wie er selbst sagt. Und wer ihn erlebt, glaubt ihm das sofort. Pension? Für Johann Gschwandtner eher ein theoretisches Konzept.

Ankunft mit dem Bus

Geboren in Bad Ischl, aufgewachsen in Bad Goisern, beschließt er schon im Gymnasium, Arzt zu werden. Vor 46 Jahren schließt er sein Medizinstudium ab. Eigentlich wollte er Hautarzt werden, auch weil seine damalige Freundin bei einem Hautarzt arbeitete. Doch das Leben hatte andere Pläne. „Ich wollte endlich meine Ausbildung anfangen“, erzählt er. So landet der Gschwandtner aus dem Ausseerland am 1. Juli 1980 im alten Spital in Oberwart – und damit im Burgenland. „Mit dem Autobus“, sagt er lachend.

Auch sein Einstieg als Allgemeinmediziner beginnt mit einem Zufall. Er soll einen erkrankten Kollegen in Oberwart vertreten. Mit seinem alten Citroën DS fährt er los – fast ohne anzukommen. „Mein Auto war die meiste Zeit mehr kaputt als fahrtauglich“, erinnert er sich schmunzelnd.

Ein Arzt für alles

Was danach folgt, passt kaum in einen Lebenslauf: Notarzt, Amtsarzt, Hausarzt, Kurarzt in Bad Tatzmannsdorf, Kontrollarzt bei der Krankenkasse, Ärztekammerfunktionär, Sportärztereferent und Teamarzt im ÖSV. Nebenbei bewirtschaftete er auch noch eine Landwirtschaft. „Wenn ich daheim war, habe ich am Acker oder im Wald gearbeitet“, erzählt der dreifache Vater. Gleichzeitig betont er: „Ohne eine Frau zu Hause, die sich um das wirklich Wichtige kümmert – die Familie – wäre das nie machbar gewesen.“

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Arzt Johann Gschwandtner

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Arzt Johann Gschwandtner

40 Jahre arbeitete Johann Gschwandtner für die Krankenkasse, 15 Jahre auf der Bezirkshauptmannschaft, 36 Jahre als Kurarzt und seit mehr als 20 Jahren im ÖSV-Team.

Noch heute übernimmt er Vertretungen und Wochenenddienste. „Wenn ich einen Tag nichts zu tun habe, werde ich narrisch.“

Landarzt als Teil des Dorfs

Arbeit sei für ihn nie Belastung gewesen, sondern Motor. Als er am 1. Jänner 2020 offiziell in Pension geht, hält er genau drei Tage durch. Dann steht er wieder in einer Ordination. „Wenn man das, was man kann, noch zum Wohle anderer einsetzen kann, sollte man das auch tun.“ Wer ihm zuhört, merkt schnell: Für ihn war der Hausarzt nie bloß Mediziner, sondern Teil des Dorflebens. Früher sei der Arzt in die Gemeinde eingebunden gewesen – bei der Feuerwehr, bei Veranstaltungen, im Wirtshaus. „Viele Patienten hab ich im Gasthaus lukriert“, sagt er lachend. Seine Telefonnummer hätten „Gott und die Welt“. Gestört habe ihn das nie. „Wenn mich jemand braucht, dann hat das schon seine Berechtigung.“

„Die größte Herausforderung in der Medizin ist der Wohlstand, der macht uns am meisten krank.“ 

von Arzt Johann Gschwandtner

Mit Sorge beobachtet Gschwandtner die moderne Medizin. Die Diagnosemöglichkeiten seien heute zwar besser, gleichzeitig gehe aber etwas verloren: Zeit, Nähe und Hausverstand. „Wenn du den Patienten nicht begreifst, begreifst du ihn nicht.“ Ein Arzt müsse untersuchen, berühren und zuhören.

Stattdessen kämen viele Patienten bereits mit Google-Diagnosen und dem Wunsch nach MRT oder Spezialambulanz. „Man kann Krankheiten nicht einfach beim Arzt abgeben, sondern muss selbst etwas für seine Gesundheit tun. Die Rolle des klassischen Hausarztes wird dabei heutzutage unterschätzt, obwohl er die Basis ist und mehr gefördert werden sollte. Viele Spitalsbesuche könnten so verhindert werden“, ist der Rettenbacher überzeugt.

„Man kann Krankheiten nicht beim Arzt abgeben, sondern muss selbst etwas für seine Gesundheit tun.“ 

von Johann Gschwandtner

Trotz aller Veränderungen ist eines geblieben: sein Zugang zu Menschen. Viele Patienten kommen seit Jahrzehnten zu ihm – inzwischen oft mit Kindern und Enkelkindern. Natürlich gab es auch schwere Momente: tote Jugendliche nach Disco-Unfällen, schwerkranke Patienten oder Familien, denen schlechte Nachrichten überbracht werden mussten. „Die Wahrheit ist zumutbar“, sagt der 72-Jährige ruhig.

Besonders beschäftigt ihn heute, wie schwer Menschen das Sterben gemacht werde. „Dass Hochbetagte oft noch mit allen Mitteln notfallmedizinisch behandelt werden, obwohl sie eigentlich in Ruhe gehen dürften, macht mich oft wütend.“ Hinter dem humorvollen Landarzt steckt eben auch ein Mann, der jahrzehntelang Leid, Hoffnung und Abschied erlebt hat.

Schönster Beruf der Welt

Und trotzdem sagt Gschwandtner: „Hausarzt ist für mich der schönste Beruf.“ Heute macht der Mann, der Zeit seines Lebens immer Sport betrieben hat, vorwiegend Krafttraining, damit er fit bleibt und arbeiten kann. Schließlich würde er narrisch werden, hätte er nix zu tun.

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