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Aha-Effekt: Was bei einem Geistesblitz im Gehirn passiert

Die einen freuen sich einfach darüber, die anderen halten es für ein Geschenk des Himmels: den Geistesblitz, wenn also plötzlich und wie aus dem Nichts die Antwort auf ein Problem auftaucht und man auch noch sicher sein kann: Sie stimmt. „Aha-Effekt“ oder -erlebnis nennt die Wissenschaft einen solchen Geistesblitz, nach dem sprichwörtlichen „Aha!“, das dabei oft reflexartig ausgerufen wird. Der Volksmund kennt dafür auch die Redewendung „der Groschen ist gefallen“, und das passiert ziemlich oft, handelt es sich doch um ein Massenphänomen. Wie man es erkennt, erklärt Christian Windischberger, der an der Medizinischen Universität Wien ein internationales Forscherteam zu diesem Thema leitet, so: „Ein Aha-Effekt entsteht immer dann, wenn wir plötzlich, also wie aus heiterem Himmel, die Lösung eines Problems sehen, über das wir lange gegrübelt haben. Auf der kognitiven Ebene hat dies mit einer Kombination von verschiedenen Gedächtnisinhalten zu tun, die der betreffenden Person zum ersten Mal einfällt.“

Namensgebendes Paradebeispiel

Die Mutter aller Aha-Effekte ist wohl die Entdeckung des spezifischen Gewichts durch Archimedes – und der Grund, warum man auch von einem „Eureka-Effekt“ spricht. „Eureka“, griechisch für „Ich habe es gefunden“, rief der große Gelehrte der Antike, Archimedes, aus, als er plötzlich die Lösung zu einer besonders kniffligen Frage vor Augen hatte. Er sollte im Auftrag des Königs nachprüfen, ob die bestellte Krone auch wirklich aus reinem Gold bestünde, ohne sie zu zerlegen. Wie, fiel ihm ein, als er zum Baden in einen Bottich stieg und das Wasser überschwappte. Er verglich daraufhin, wie viel Wasser die Krone im Vergleich zu einem gleich schweren Goldbarren verdrängte und stellte fest: Man hatte den König betrogen, die Krone war nicht aus reinem Gold. Der deutsche, von den Nazis vertriebene Mediziner und Psychologe Karl Bühler beschrieb den Aha-Effekt erstmals 1907.

72 Jahre später fanden US-amerikanische Psychologen in empirischen Untersuchungen ein weiteres Spezifikum heraus: Geistesblitze hinterlassen einen bleibenden Eindruck im Gedächtnis, haben also einen starken Lerneffekt.

 

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Zentraler Botenstoff

Nun konnte ein internationales Forscherteam unter der Leitung des Zentrums für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik der Medizinischen Universität Wien schwarz auf weiß darlegen, dass das charakteristische Gefühl des Glücks, der Leichtigkeit und der Gewissheit, das beim Auftauchen des Aha-Effekts entsteht, auf das Konto von Dopamin geht.

Dopamin wird auch als Glückshormon bezeichnet. Genau gesagt handelt es sich um einen Botenstoff im Gehirn, der auch beim Sex, beim Essen oder beim Glücksspiel ausgeschüttet wird. Gröbere Probleme im Dopamin-Haushalt sind Auslöser der gefürchteten Parkinson-Krankheit, spielen aber auch beim Aufmerksamkeitsdefizit bzw. Hyperaktivitätssyndrom, bei Suchtkrankheiten oder Schizophrenie eine Rolle.

„Wir konnten zeigen, dass Dopamin nicht nur als Botenstoff im Zuge von Belohnungsprozessen dient. Vielmehr ist es auch für zielgerichtetes, motiviertes Herangehen an anspruchsvolle Problemstellungen notwendig, was sich in Form von Neugier und Lernwille äußert“, sagt Studienleiter Christian Windischberger. „Unsere Ergebnisse weisen auf eine enge Beziehung zwischen Dopamin, freudiger Erregung und Kreativität hin. Außerdem zeigen sie uns Abläufe im Gehirn, die uns erklären, warum ein Aha-Effekt einprägsamer ist als eine Lösung durch rein analytisches Denken und wie hierbei die Speicherung im Langzeitgedächtnis erleichtert und verstärkt wird.“ Wie findet man so etwas heraus? Für die Fragestellung wurden 29 gesunde, freiwillige Versuchspersonen gebeten, 48 anspruchsvolle Worträtsel zu lösen. Zum Beispiel dieses: „Finde ein Wort, das sich mit den Begriffen Haus, Rinde und Apfel gleichermaßen kombinieren lässt.“ Die richtige Antwort lautet Baum. Um beobachten zu können, was sich während der 20 Sekunden, die die Probanden pro Rätsel zum Nachdenken hatten, im Hirn abspielte, schob man diese in die „Röhre“ zur Magnetresonanztomografie.

Auf den daraus resultierenden Schnittbildern sahen die Forscher in Farbe, welche noch so kleinen Areale im Hirn dabei wie stark aktiviert wurden. Für den Aha-Effekt galt: „Herausragend war der Nucleus Accumbens, eine Kernstruktur im unteren Vorderhirn“, so Windischberger.

 

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Hirnstimulation

Wäre da noch die Frage, was man mit solchen Erkenntnissen macht? Studien-Erstautor Martin Tik: „Kreative Lösungen für schwierige Probleme zu finden ist ein fundamentaler Aspekt der menschlichen Kultur und eine sehr gefragte Fähigkeit.“ Abgesehen davon will man in künftigen Studien untersuchen, wie Menschen mit schweren psychiatrischen Erkrankungen über Hirnstimulationsverfahren geholfen werden kann, wieder Aha-Momente zu erleben.

Die dazugehörige Methode nennt sich Transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei werden kleine Gebiete in der Gehirnrinde von außen durch mehr oder weniger starke Magnetfelder stimuliert. TMS steckt noch in den Kinderschuhen, wird aber bei schweren, medikamentös und psychotherapeutisch nicht behandelbaren Depressionen bereits erfolgreich eingesetzt. „Vor allem Menschen mit Depressionen lassen diese spontanen Momente der Begeisterung und Freude über einen Einfall vermissen. Bei der TMS wird daher jene Stelle im Frontalhirn stimuliert, die mit dem Aha-Erlebnis im Zusammenhang steht und damit auch Teil des Dopamin-Netzwerkes ist. Über einen längeren Zeitraum hinweg angewendet, führt das Verfahren zu einer Verringerung der Symptome.

Auch Menschen mit Parkinson, Bulimie oder Anorexie könnten eines Tages auf ähnliche Art behandelt werden. Wobei Windischberger betont: „Das Kompensationsvermögen des Gehirns ist enorm. Erst wenn das nicht mehr funktioniert, quasi der Motor zu stottern beginnt, könnte TMS nachhelfen, damit diese Mechanismen möglichst schnell wieder anspringen.“ Die neuen Erkenntnisse zum Aha-Effekt sind ein weiterer Puzzlestein auf dem derzeit boomenden Gebiet neurowissenschaftlicher Fragestellungen. „Es ist ein alter Traum der Menschheit, das Gehirn zu verstehen. Die heute zur Verfügung stehenden Methoden, vor allem im Bereich der Bildgebung erlauben uns, das Gehirn in einer nie gekannten Genauigkeit zu studieren. Und je besser wir das Gehirn verstehen, umso besser werden wir auch in der Lage sein, Störungen bzw. Krankheiten des Gehirns zu behandeln.“

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