Kolumnen

Paaradox: Still vergnügt

SIE

Es war sicher nur ein Zufall, dass ich unlängst an ein Zitat von Marlene Dietrich denken musste: Selten ist ein Mann so gut in Stimmung wie dann, wenn er von sich selbst erzählt. Ein Schelm, wer denkt, das hätte was mit dem Plauderwastel gegenüber zu tun. Obwohl? Wenn er einmal anfängt, sich wiederholt in seinen Erzählungen aus 1001 Erinnerungen zu verlieren, gibt’s kein Morgen mehr. So habe ich die Geschichte von ihm als Bub, wie er gegen sich selbst im Wohnzimmer Slalom fuhr, und immer gewann, blablabla, in den vergangenen 24 Jahren an die 15 Male gehört.  Ebenso die Story vom ersten Kuss im zarten Michi-Alter. Die ist mir   so vertraut, als wäre ich die Glückliche gewesen – doch als er neun war, war ich 19. Hm.

Stiller Sonntag im Wald

Paartherapeuten sagen gerne: Reden Sie mehr miteinander! Darüber können wir nur  lächeln. Weil wir oft viel zu viel kommunizieren und uns im Wortreich ver(w)irren. Um dabei –  so wie er es formuliert – jeden Stein umzudrehen.  Keine Ahnung, von wem er diese Weisheit hat, von mir  nicht. Trotzdem beschlossen wir unlängst, mehr nix zu sagen. Sonntags wanderten wir durchs Frühlingsgrün, mit Hund Gustav an der Leine, um ruhig und nur gedanklich miteinander verbunden zu sein. Sie dürfen raten, wie lange das hielt. Beim ungefähr 425. Schritt begann er erst über Bärlauch zu parlieren, um schließlich die alte und leider sehr ausführliche Geschichte vom verhassten Schwammerlsuchen und Heidelbeerpflücken aus fernen Kindheitstagen vorzutragen. Ich unterbrach: „Michi, langer Bart, die kenne ich schon. Wollten wir nicht nix reden?“. Dann fügte ich  noch ein paar kluge Sachen hinzu und endete damit: Si tacuisses, philosophus mansisses. Übersetzt: Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben.  Da wurde es endlich wieder still um Hufnaglicus. Nicht ohne seinen Sokrates-Blick, mit dem er mir wortlos zu verstehen gab, dass ich eine  mühsame Klugscheißerin sei – aber eh eine  liebe. Fröhliche Ostern!  

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ER

Ich habe ja das Gefühl, dass meine Frau viel mehr spricht als ich, mindestens doppelt so viel. Und dass ich einen hohen Prozentsatz meiner Meldungen  allein mit folgender Frage verbrauche: „Ja, ja, ja, darf ich jetzt bitte auch einmal etwas sagen?“ Von dieser Wahrnehmung lasse ich mich auch nicht durch eine groß angelegte Studie, die einst in Deutschland durchgeführt wurde, abbringen. Die kam nämlich zu dem Schluss, dass Frauen und Männer den etwa gleichen Redeanteil einnehmen. Der beträgt jeweils rund 16.000 Wörter pro Tag. Durchschnittlich wohlgemerkt, also ohne den empirisch schwer zu berücksichtigenden Gnäkuhn-Faktor des gnadenlosen Ausflugs auf die Metaebene der Metaebene (Da muss ich jetzt  ausholen, damit du das große Ganze begreifst). Was bedeutet, dass sie im Laufe unseres gemeinsamen Lebens (abgerundet)  140 Millionen Wörter über ihre Lippen perlen ließ. Ich habe nicht alle davon mit eigenen Ohren gehört, aber selbst, wenn es nur 100 Millionen waren, ist es eine Meisterleistung meiner Dozentin, eine Anekdote niemals ein zweites Mal vorgetragen zu haben. Oder gar ein drittes, viertes, fünftes Mal. 

Schicksalssaga

Jede ihrer Erzählungen war also ein singuläres Ereignis.  Erstaunlich, dass ich mir trotzdem ganz genau gemerkt habe, an welcher Ecke damals in Ottakring der Greißler war, wo Klein-Gaby den bestellten Wurstaufschnitt abgeholt hat. Wie der Typ hieß, mit dem Teenie-Gaby im Gänsehäufel geschmust hat. Und welcher Brei-Philosophie Mami-Gaby-vertraute, während ich noch an der Schulmilch nuckelte. Daher ist es nur konsequent, wenn sie einen Waldspaziergang als Schweigemarsch interpretieren will. Um nicht versehentlich die Schicksalssaga, wie sie einst im Zuge einer Karwendel-Wanderung in ein monumentales Gewitter geriet, ein zwöl …, pardon, zweites Mal zu offenbaren. In dieser Kolumne wurden bis dato übrigens jeweils rund 160.000 Wörter geschrieben.  Und wir lächeln immer noch …  .

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