Teppiche: Je kaputter, desto teurer

Teppiche im "Used Look" sind unter Einrichtungsfetischisten der letzte Schrei. Wir zeigen, warum das abgewetzte Bodentextil so gefragt ist.

Sie sehen aus, als sei in der Reinigung etwas schief gegangen: Teppich im "Used Look". Dabei sind die kahlen Stellen, Flecken und Verfärbungen keineswegs zufällig - ganz im Gegenteil: Der Teppich soll aussehen, als hätte er schon viele Jahre auf dem Buckel. Klicken Sie ins Bild um fortzufahren!

Im Bild: Union Jack als Teppich - Entwurf von Vivienne Westwood für The Rug Company, www.therugcompany.info Hersteller reagieren auf diesen Trend und beschleunigen den Altersprozess. Sie liefern das Bodentextil mit Patina - ohne Zeitverzögerung. Der chinesische Hersteller Tai Ping verzichtet dabei beinahe zur Gänze auf Muster und Farbe - nur noch schemenhaft sind die Konturen des Perser-Musters erkennbar. 

Im Bild: "Arman" von Tai Ping, www.taipingcarpets.com Sieht billig aus, ist es aber nicht: Denn für den Verschleiß-Look werden feinste Materialen verwendet.  Der Teppichdesigner Jan Kath verwendet für seine Exemplare ausschließlich reine Naturprodukte: Wolle aus dem tibetischen Hochland, natürliche Farbstoffe, reine Seide und zum Faden versponnene Brennnesseln. Diese werden dann in der Schweiz weiterverarbeitet. 

Im Bild: Teppich von Jan Kath, www.jan-kath.de Über die korrekte Auswahl der Materialen hinaus, beweist sich Jan Kath obendrein als Meister im Muster-Mix: Morgenland und Abendland werden in seinen Teppichen zusammengespannt - so zu sehen in seinem Entwurf "Vintage Roma" (im Bild), das Motive aus italienischen Wandbespannungen und indischen Saris vereint. Wie wegradiert und mit Säure übergossen scheinen die Entwürfe (im Bild: von Jan Kath) und definieren so eine ganz neue Typologie. Wie weit der Verfall fortgeschritten ist sowie Farbe, Materialen, Größe, Knotendichte und Designs - das alles kann der Kunde selbst festlegen. 

Im Bild: Den Rohstoff bei der Tokyo-Serie von Jan Kath stellen computerbearbeitete Fotos des Künstlers Stefan Emmelmann dar, die in Wolle und Seide umgesetzt werden. Kinnasand führt eine Kelim Kollektion, die sich "Vintage by Kinnasand" nennt. Die Perser werden in neuen Farbkompositionen mit Abrasch-Charakter handgewebt. Die kleinen Verfärbungen kommen aber nicht wie ursprünglich durch das Anknüpfen eines neuen Knäuels, sondern werden bewusst eingearbeitet. Kinnasand-Teppiche sind allesamt handgefertigte Unikate, die aus gefärbtem und speziell gewaschenem Garn aus reiner Neuseeland Schurwolle geknüpft werden. 

www.kinnasand.com  Kymo geht einen anderen Weg: Er flickt für sein Modell "The Mashup" alte Orientteppiche mit breiten Zick-Zack-Nähten zusammen (im Bild). Das Modell ist in acht Standardfarben und verschiedenen Designs erhältlich. Auch eigene Kreationen sind möglich.

www.kymo.de Makalu Design entwirft klassisch-abstrahierte Designs und veredelt diese mit einer schonenden Antik Wäsche. So entsteht ein Vintage Look mit fleckigen Stellen. Auch hier sind Sonderwünsche kein Problem - Kunden können sich ihren Wunschteppich nach Maß anfertigen lassen. 

www.makalu.de Während die einen feinste Seide verwenden, knüpfen die Weberinnen Marokkos schrille Entwürfe aus Abfallstoffen wie Alttextilien, Nylon und Lurex - sogenannte Boucherouite-Teppiche, bei denen die Berberfrauen frei von allen Regeln über traditionelle Designs hinweggehen, aber dennoch ihre eigene Lebensansicht übermitteln. 

Boucherouite-Teppiche sind - neben Modellen von Rug Star und der Tokyo-Serie von Jan Kath - von 14. Mai bis 18. Juni 2011 in der Galerie von Gebhart Blazek in Graz zu sehen (Leonhardstraße 12). Der Mailänder Hersteller "Carpet Reloaded" experimentiert mit Farbe: Die Teppiche werden gebleicht und hinterher monochromatisch neu eingefärbt. Was bleibt sind die Musterungen, von den ursprünglichen Farbgebungen ist aber nichts mehr übrig. Der Vintage-Look kostet aber auch: Mit ca. 900 Euro muss man für einen Quadratmeter Teppich von Carpet Reloaded rechnen - und das ist vergleichsweise noch günstig. So schäbig die Teppiche aussehen - die Preise haben sich gewaschen. Getreu dem Motto "Je kaputter desto teurer" kann es schon passieren, dass man über einen Quadratmeterpreis von 3000 € stolpert. 

www.carpetreloaded.com Eines muss man der Haute Couture zum Drauftreten aber lassen: Edel ist sie, und wirkt keineswegs als wenn sie von tausenden Füßen über Jahre hinweg abgetreten worden wäre. Auf jeden Fall ist es ein gelungener Versuch, das Image des verstaubten, etwas langweiligen Teppichs wieder aufzumöbeln.
(KURIER.at) Erstellt am
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