Salonfähig: Das neue Headquarter von Freitag

Rohe, ehrliche Ästhetik - wie die Taschen, so das Gebäude: Das Kult-Label FREITAG setzt in der neuen Fabrik den alten Recycling-Gedanken fort.

18 Jahre ist es her, dass Markus und Daniel Freitag aus einer gebrauchten Lkw-Plane ihre erste Tasche genäht haben. Anfangs in der Studenten-Wohnung, wurden die Kultstücke bald in einer alten Industriehalle in Zürich hergestellt. 

Im Bild: Im Lager werden die Taschen verpackt und an Händler verschickt. Vor Kurzem ist das Unternehmen in einen Neubau im Züricher Stadtteil Oerlikon gezogen. Das Gebäude nennt sich Nœrd und wurde von den Brüdern mitgestaltet. IMMO hat Daniel Freitag zum Interview getroffen und gefragt, wie die FREITAG-Werte im Neubau verankert sind.

Im Bild: Seit 18 Jahren Kult – Die FREITAG-Tasche. Als Initiatoren haben Sie das Projekt von Anfang an begleitet. Was waren die Anforderungen an die neue Produktionsstätte?

Wir wollten uns an einem Ort wiederfinden, hinter dem wir stehen und unsere Ideen umsetzen können – wie etwa die "Green Laundry". Das Gebäude, das wir mit anderen Mietern teilen, wurde für unsere Bedürfnisse konzipiert. 

Im Bild: Offenes Büro mit verglastem Sitzungszimmer. Logistik und Lieferwege nehmen einen dominanten Part ein. Außerdem war uns wichtig, die gesamte Crew unter einem Dach zu haben, um eine gemeinsame Kultur zu schaffen. 

Im Bild: Am Zerlegeplatz werden die Planen von Gurten und Ösen befreit und auf acht Meter hohen Regalen gelagert. Von den umlaufenden Balkonen etwa können Büroangestellte auf den Zerlegeplatz sehen und einen Bezug zu dem aufbauen, was täglich produziert und verkauft wird. Das stärkt die Gemeinschaft und das Wir-Gefühl. Wie funktioniert die "Green Laundry"? Gibt es außerdem Elemente, die sich aus Umweltsicht lohnen?

Um die Planen zu waschen, sammeln wir Regenwasser vom Dach in einem unterirdischen Tank. Das Spülwasser verwenden wir zwei Mal und ziehen die Wärme daraus. So schaffen wir es, 95 Prozent der Energie im Kreis zu halten.

Im Bild: Mülltrennung am Bio-Point: Hier nimmt der Kompost seinen Weg. Der gesamte Bau ist ein Lowtech-Gebäude aus Recycling-Beton. Leitungen und Infrastruktur sind aufputzverlegt und können ohne große Bauarbeiten flexibel umgenutzt werden. Die Balkone außen sorgen im Sommer für Beschattung. Es gibt keine Klimaanlage – man soll lüften, Fenster öffnen und an die frische Luft gehen können. An den Bio-Points soll Leitungswasser statt Mineralwasser getrunken und Abfall getrennt werden. Wir wollen ein Zeichen setzen, wenn auch nur ein kulturelles. Aber so werden unsere Mitarbeiter täglich daran erinnert, sich entsprechend zu verhalten. Beton, Stahl und Maschendrahtzaun dominieren den Bau. Welche gestalterische Idee steckt dahinter?

Rohe, ehrliche Ästhetik, die auch der Marke FREITAG entspricht. Man wollte nichts verschönern, sondern die Schönheit des Rohen bestehen lassen. Es wurde nichts verkleidet, Stahl und Beton sind im Rohzustand belassen. Uns gefällt dieser Industrie-Look, dieses Down-to-Earth und das Schweizerisch-Trockene. Als Gestalter verfolge ich einen ganzheitlichen Anspruch. Es soll nicht nur reine Formgebung oder Verzierung sein. Design ist immer dann gut, wenn die Funktion im Zentrum steht. Und das ist hier entstanden. Welche besonderen Funktionen unterscheiden diesen Bau von anderen?

Auf der Dachterrasse begegnen einander die Leute und in der Kantine trifft man sich zum Mittagstisch. Der informelle Austausch, der in diesen Zonen stattfindet, lebt von solchen Momenten. Die einzelnen Räume haben wir mit unterschiedlichen Wandqualitäten – vom Maschendrahtzaun über Glas bis hin zur Brandschutzwand – unterteilt. Sichtbezüge sollen das Team-Work fördern. Wir bringen alle Produktions-, Büro-, und Verkaufsflächen unter ein Dach. Auf dem Dach liegt jene Grünfläche, die beim Bau abgetragen wurde. 

Im Bild: Die Kantine mit Kamin und Sofa ist Herzstück des Gebäudes. Einen Großteil der Möbel wurde von Ihnen selbst gestaltet. Wie kam es dazu?

Man kann nicht sagen, dass es keine Möbel gibt, die passen würden. Umgekehrt haben wir immer in der Ästhetik alter Industriehallen gelebt. Ein passendes Möbelprogramm nach unserer funktionellen und gestalterischen Vorstellung haben wir nicht gefunden. Viele Ausstattungen sind eher für Büroetagen gestaltet. Wir haben uns vom Industriebedarf inspirieren lassen, haben Dinge umgenutzt und in einen anderen Kontext gestellt. Die Tischbeine etwa, sind nicht dafür konzipiert, dass sie hübsch aussehen, sondern dass sie stabil sind und lange halten. Wir haben eine Ästhetik, die nicht klassischerweise als Design-Ästhetik wahrgenommen wird, ... ... für uns eingesetzt und ich denke, das passt sehr gut zu uns. Es soll sich auch im Büro so anfühlen, dass man bei Freitag arbeitet und nicht auf einer Bank oder bei einer Versicherung. FREITAG: Die Taschenmanufaktur

Bis heute produzieren Daniel und Markus Freitag im Wesentlichen das Gleiche, wie vor 18 Jahren: Produkte aus Lkw-Planen. 130 Mitarbeiter zählen zum Team. 115 davon arbeiten im neuen, 7500 großen Gebäude Nœrd. FREITAG wäscht, schneidert, lagert, verpackt und versendet rund 300.000 Produkte pro Jahr. Detail am Rande: Weitere 18 Jahre wird es dauern, bis sich die Baukosten amortisiert haben.

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