Solidarität in der Krise: Warum wir uns weniger helfen
Klimakrise, Teuerung, geopolitische Spannungen – mehrere Krisen wirken gleichzeitig und fordern den gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus. Doch Solidarität, so die Forscherin Sarah Ware von der Central European University (CEU), ist heute mehr als ein moralisches Ideal. „Solidarität muss bedeuten, für, mit und an der Seite jener zu handeln, die von Ausgrenzung, Diskriminierung oder den Folgen der Klimakrise besonders betroffen sind“, sagt sie.
Zeit und Raum
Damit rückt ein zentraler Punkt in den Fokus: Solidarität ist ungleich verteilt. Wer Zeit hat, sich zu engagieren, über Ressourcen verfügt oder politisch mitbestimmen kann, hat strukturell bessere Voraussetzungen. „Solidarität ist ein Akt der Fürsorge, der Zeit und Raum braucht“, so Ware. Doch genau diese Ressourcen geraten unter Druck – in einer Ökonomie, in der „Zeit Geld“ und „Raum Immobilie“ ist.
Handeln
Gleichzeitig hat sich Solidarität verändert. Klassisch bedeutete sie, Seite an Seite in kollektiven Kämpfen zu stehen, etwa in Arbeiter- oder Bürgerrechtsbewegungen. Heute sind globale Dimensionen hinzugekommen: ein wachsendes Bewusstsein für Ungleichheiten, für die Folgen von Kolonialismus oder geopolitischen Konflikten.
Doch diese neue Sichtbarkeit birgt auch Risiken. „Solidarität erfordert Handeln, nicht nur Likes und Shares“, sagt Ware – und warnt vor einer Distanzierung durch digitale Aufmerksamkeit ohne Konsequenz. Besonders sichtbar wird die Belastungsprobe dort, wo Verantwortung individualisiert wird. Die Erwartung, Krisen allein bewältigen zu müssen, untergrabe kollektive Lösungen. „Wir können vieles nicht allein lösen“, so Ware. Solidarität braucht gemeinsames Handeln und entsprechende Strukturen.
Solidarität erfordert Handeln, nicht nur Likes und Shares in den sozialen Medien.“
Stadtplanung
Eine Schlüsselrolle spielen dabei Städte. Sie können Räume schaffen, in denen Menschen einander begegnen, sich organisieren und Konflikte austragen. Oder sie fördern Segregation und Ausschluss. „Stadtplanung darf nicht über die Köpfe der Menschen hinweg passieren“, betont Ware. Entscheidend sei, Beteiligung zu ermöglichen und Lebensräume gemeinsam zu gestalten.
Im Zentrum aktueller Forschung steht dabei der Begriff „Care“. Fürsorge sei keine Privatsache, sondern politisch. „Unbezahlte Care-Arbeit ist zentral für das Funktionieren unserer Gesellschaft“, sagt Ware. Ansätze wie „care-full commoning“ verbinden diese Perspektive mit Fragen von Zeit, Raum und gemeinschaftlicher Nutzung. Gemeint ist damit, dass Menschen Ressourcen gemeinsam organisieren und dabei Fürsorge für sich selbst, für andere und die Umwelt in den Mittelpunkt stellen.
Was es braucht, sind strukturelle Veränderungen: neue Modelle von Arbeit und Zeit, die Raum für Engagement und Fürsorge schaffen. Denn eines ist klar: „Das ist für Einzelne nicht zu bewältigen.“ Solidarität entsteht nicht von selbst – sie muss ermöglicht werden.
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