"Bluthochdruck wird verharmlost"

Ein Arzt misst den Blutdruck eines Patienten mit einem Blutdruckmessgerät.
Jeder dritte Österreicher hat zu hohe Werte. Ein großer Teil hat davon aber keine Ahnung.

In Einkaufszentren Blutdruck messen: Viele Wiener nützten im Herbst beim Wiener Herz-Kreislauf-Event dieses Angebot. „Ein gutes Drittel hatte nach einer einmaligen Messung einen erhöhten Blutdruck“, erzählt Internist Prof. Dieter Magometschnigg vom Institut für Hypertoniker. Laut einer neuen Studie ist Bluthochdruck die weltweit größte Gesundheitsgefahr – der KURIER berichtete. Auch österreichische Ärzte schlagen Alarm:

„Bei rund jedem dritten Österreicher ist der Blutdruck zu hoch“, sagt Univ.-Prof. Bruno Watschinger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (Fachgebiet, das sich mit dem Bluthochdruck beschäftigt). Laut Weltgesundheitsorganisation sind es sogar 38 Prozent.

Jeder zweite bis jeder dritte Betroffene weiß nichts von seinem hohen Blutdruck. Bei rund 800.000 Österreichern wird der Bluthochdruck behandelt: „Aber bei nur 20 Prozent ist die Behandlung ausreichend, wird ein normaler Blutdruck erreicht“, so Magometschnigg.

Risikofaktor

Bluthochdruck tut nicht weh und wird deshalb verharmlost“, kritisiert Watschinger: „Dabei ist er der wichtigste und gefährlichste Risikofaktor für Gefäßerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall und auch Gefäßerkrankungen der Nieren. Doch das Bewusstsein dafür fehlt – obwohl an den Folgen von Bluthochdruck mehr Menschen sterben als an Krebserkrankungen.“

„Die Österreicher unterschätzen ihr persönliches Risiko“, sagt auch Univ.-Prof. Anita Rieder, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin der MedUni Wien. Für eine Studie des Instituts zum Thema Blutdruckbewusstsein wurden 1005 Menschen befragt. „Alarmierend ist vor allem, dass 61 Prozent glauben, Bluthochdruck sofort oder nach einiger Zeit selbst bemerken zu können“, sagt Hauptautorin Doz. Sabine Steiner von der Abteilung für Angiologie (Lehre der Gefäßerkrankungen) der MedUni Wien. Dabei geht Bluthochdruck häufig lange ohne Symptome einher: „Er ist ein ,silent killer‘.“ Rieder: „Es ist ähnlich wie beim Typ-2-Diabetes, der bei vielen Betroffenen bis zu sieben Jahre unbemerkt bleibt.“

15 Prozent gaben in dieser Umfrage an, erhöhten Blutdruck zu haben: Bei einer vor zehn Jahren durchgeführten Untersuchung waren es nur 12 Prozent – möglicherweise ist die Steigerung eine Folge der wachsenden Zahl übergewichtiger und ältere Menschen.

Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel, Alkohol und hoher Salzkonsum sind einige Auslöser von Bluthochdruck – ebenso ein zunehmendes Alter (zwei Drittel der über 60-Jährigen sind betroffen). „Aber auch genetische Faktoren können eine Ursache sein“, betont Sozialmedizinerin Rieder. „Deshalb sollten auch Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auf Bluthochdruck hin untersucht werden – besonders dann, wenn auch ihre Eltern davon betroffen sind.“

Zusammenhang

„In Ostösterreich ist Bluthochdruck wesentlich häufiger als im Westen“, betont Rieder. Und bei Frauen hängen Bluthochdruck und Bildungsniveau viel stärker zusammen als bei Männern. Künftig werde es wichtig sein, die Bevölkerung über Bluthochdruck so zu informieren, dass sich jeder einzelne angesprochen fühlt.

Dass nur wenige der behandelten Patienten gut eingestellt sind, liegt laut Magometschnigg auch daran, dass der Zeitaufwand den Ärzten nicht honoriert wird. – „Neben der Zeit des Arztes fehlt oft aber auch der Wille der Patienten“, sagt Watschinger: „Denn sie fühlen sich ja nicht krank und sehen nicht ein, warum sie die Medikamente nehmen sollen. Später bereuen sie das dann oft.“

„Es gibt rund 600 verschiedene Blutdruckmessgeräte“, sagt Prof. Magometschnigg vom Institut für Hypertoniker. Die Messgenauigkeit sei im Großen und Ganzen nicht das Problem: „Das Hauptproblem ist, dass nicht oder falsch gemessen wird.“ Häufigster Fehler bei Oberarmgeräten sei das zu lockere Anlegen der Manschette, bei Handgelenksgeräten eine falsche Handhaltung.

„Ob Handgelenks- oder Oberarmgerät bleibt dem Anwender überlassen“, heißt es beim Verein für Konsumenteninformation (VKI): „Bei beiden Systemen gibt es gute Geräte.“ In einem Test des Magazins Konsument (12/2010) schnitten alle geprüften Oberarmgeräte „gut“ ab. Bei den fünf getesteten Handgelenksgeräten erhielten drei ein „gut“ (Testsieger Panasonic EW-BW 10, Omron RX Classic II, Uebe Visomat handy).

Eine Liste von Geräten, die nach einem internationalen Verfahren geeicht wurden, gibt es auf der Internet-Seite www.hochdruckliga.at („Validierte Geräte“). Für Aufsehen sorgt eine Innovation des Austrian Institute of Technology (AIT): Mit dem Klinikum Wels-Grieskirchen, OÖ, entwickelte es das erste mobile Gerät, das neben dem zentralen Blutdruck am Herz auch die Steifigkeit der Arterien messen kann. Doz. Thomas Weber, Leiter der Hypertonie-Ambulanz: „Früher war man der Ansicht, dass hoher Blutdruck zu steifen Gefäßen führt. Es ist aber offenbar umgekehrt.“ Mit dem Gerät – Ärzte sollen es Patienten für eine 24-Stunden-Messung nach Hause mitgeben – können beginnende Schäden an Herz, Gehirn und Niere frühzeitig erkannt werden. Bisher waren solche Geräte selten außerhalb von Spitälern im Einsatz.

Kommentare