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Zusammenziehen macht glücklich – aber nicht für alle gleich lang

Frisch verliebt, zusammengezogen, rundum glücklich – so fühlt es sich oft an. Eine Studie belegt den Effekt, warnt aber vor Stolpersteinen. Sinnforscherin Tatjana Schnell verrät, wie aus Liebe eine nachhaltige Sinnquelle wird.
Ein lachendes Paar sitzt in Pyjamas auf dem Sofa, schaut fern und isst gemeinsam Popcorn.

Wer frisch verliebt ist und den Schritt wagt, mit dem Partner oder der Partnerin zusammenzuziehen, erlebt oft eine Phase des Glücks, die sich spürbar im Alltag niederschlägt. Dass dieser Effekt nicht nur gefühlt, sondern auch messbar ist, belegt eine neue Studie mit dem Titel „Mapping Life Satisfaction Over the First Years of Cohabitation Among Former Singles Living Alone in UK and Germany“. Die Forschenden haben 27.459 Erwachsene, die angegeben hatten, zumindest einmal allein ohne Partnerschaft gelebt zu haben, über Jahrzehnte hinweg begleitet, konkret von 1984 bis 2019. Die Analyse konzentrierte sich anschließend auf eine Untergruppe von 1.103 Personen, die später eine Partnerschaft eingingen und mit ihrem Partner zusammenzogen.Das Ergebnis: Im Jahr des Einzugs erreicht die Lebenszufriedenheit einen Höhepunkt von rund 0,48 Standardabweichungen über dem Ausgangsniveau. Dieser Zugewinn hält mindestens zwei Jahre an. Die Lebenszufriedenheit stieg kurz- bis mittelfristig nach dem Zusammenziehen in den meisten Bevölkerungsgruppen. Der Anstieg war im Jahr des Einzugs am höchsten. Dieser höhere Wert blieb in den zwei darauffolgenden untersuchten Jahren über dem Niveau vor dem Zusammenziehen. Personen, die bereits ein Jahr zuvor eine Partnerschaft begonnen hatten, waren schon deutlich zufriedener, und das Zusammenziehen brachte ihnen keinen zusätzlichen Effekt mehr. Eine Ehe brachte in den frühen 1990er-Jahren noch einen kurzfristigen zusätzlichen Anstieg der Zufriedenheit. Menschen mit niedrigerem Einkommen erlebten nach dem Höhepunkt einen stärkeren Rückgang der Zufriedenheit als Menschen mit höherem Einkommen. Vorfreude und Beziehungsbeginn zählen mehr als die Ehe.

Soziale Unterschiede im Glückseffekt

Interessanterweise steigt die Lebenszufriedenheit oft schon vor dem eigentlichen Umzug – besonders bei Menschen, die bereits ein Jahr vorher liiert waren. Die Studie deutet darauf hin, dass die Aufnahme einer Beziehung selbst einen großen Teil des Glücksschubs erklärt. Das Zusammenziehen wirkt als Verstärker, während die Ehe heute kaum noch einen zusätzlichen, langfristigen Einfluss hat. „Die Heirat bringt nur einen kleinen, kurzlebigen Zusatzschub – und das vor allem in den frühen 1990er-Jahren“, heißt es in der Analyse. 
Nicht alle profitieren gleichermaßen. Bei Menschen mit niedrigerem Einkommen flacht die erhöhte Lebenszufriedenheit schneller wieder ab. Das könnte daran liegen, dass finanzielle Belastungen oder weniger stabile Rahmenbedingungen den positiven Effekt abschwächen. Die Psychologin Tatjana Schnell sieht in den Ergebnissen eine Bestätigung dafür, dass enge Beziehungen weit mehr sind als romantische Gefühle: „Partnerschaften können eine kraftvolle Quelle von Lebenssinn sein. Nicht, weil sie ein Defizit ausgleichen, sondern weil sie eine besondere Erfahrung der Nähe ermöglichen. Wer liebt, lässt sich berühren von einem anderen Menschen, übernimmt Verantwortung und wächst über sich hinaus.“ Doch Schnell warnt auch vor einer einseitigen Abhängigkeit: „Gefährlich wird es, wo die Beziehung als Sinnquelle instrumentalisiert wird und ich meinen Lebenssinn davon abhängig mache, von einer bestimmten Person geliebt zu werden.“ Für sie ist klar: Damit Partnerschaften langfristig tragen, braucht es bewusste gegenseitige Wertschätzung und Respekt – nicht nur das Gefühl des Verliebtseins.

Fazit 

Das Zusammenziehen ist für viele Paare ein messbarer Glücksmoment – und bleibt oft für einige Jahre spürbar. Doch der größte Effekt entsteht bereits beim Beginn einer Beziehung und in der Vorfreude auf das gemeinsame Leben. Langfristig entscheidet weniger die Form der Partnerschaft – ob unverheiratet oder verheiratet – als vielmehr die Qualität der Beziehung und die Fähigkeit, sie als gegenseitigen, respektvollen Sinnraum zu gestalten.

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