Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Mel Gibson & Joe Rogan: Hype um Entwurmungsmittel bei Krebs

Eine neue JAMA-Analyse zeigt, wie stark prominente Aussagen das Gesundheitsverhalten von Menschen beeinflussen können.
Mel Gibson lächelt in einem dunkelblauen Anzug.

Zusammenfassung

  • Prominente Aussagen im Podcast führten zu einem starken Anstieg der Verschreibungen von Ivermectin und Fenbendazol als angebliche Krebsbehandlung.
  • Eine JAMA-Analyse zeigt, dass sich die Verschreibungsrate dieser Mittel nach der prominenten Empfehlung bei Krebspatienten mehr als verdoppelte.
  • Die Studie warnt vor Risiken durch medizinische Außenseiterversprechen und betont den Einfluss von Prominenten auf das Gesundheitsverhalten.

Es beginnt mit einer Erzählung in einem der reichweitenstärksten Podcasts der Welt. Anfang des Jahres 2025 war Schauspieler Mel Gibson zu Gast in der „Joe Rogan Experience“. Dort sprach er über Ivermectin und Fenbendazol – Mittel, die eigentlich gegen Parasiten (Würmer) eingesetzt werden – als angebliche Krebsbehandlung. Die Erzählung verbreitete sich rasch über mehrere Plattformen. 

Dieses Phänomen hat nun ein Forschungsteam in einem Research Letter in JAMA Network Open beleuchtet. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob sich nach einer prominenten Empfehlung ein messbarer Anstieg von Verschreibungen beobachten lässt. Die Antwort lautet: ja.

Analyse von Verschreibungsdaten

Die Podcastfolge mit Joe Rogan und Mel Gibson erschien am 9. Jänner 2025. Laut den Studienautoren wurde sie über verschiedene Plattformen hinweg mehr als 60 Millionen Mal gesehen oder gehört. 

Danach verglichen die Forschenden Verschreibungsdaten aus den ersten sieben Monaten 2025 mit denselben Monaten des Jahres 2024.  Verwendet wurden anonymisierte elektronische Gesundheitsdaten aus einem großen US-Forschungsnetzwerk mit mehr als 68 Millionen Patientinnen und Patienten. 

Gezählt wurde, wie oft Ivermectin gemeinsam mit einem Benzimidazol, also Entwurmungsmittel, am selben Tag verschrieben wurde. Das ist wichtig, weil exakt diese Kombination nach der prominenten Empfehlung Aufmerksamkeit bekam.  

Das Ergebnis: Insgesamt verdoppelte sich die Verschreibungsrate nahezu. Bei Menschen mit einer Krebsdiagnose lag sie sogar mehr als zweieinhalb Mal so hoch wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Gefährliche Hoffnungen

Die Untersuchung ist zwar kein Beweis dafür, dass der Podcast allein diese Entwicklung verursacht hat, aber sie zeigt einen engen zeitlichen Zusammenhang: Vor der prominenten Empfehlung waren solche Kombinationsverschreibungen deutlich seltener, danach nahmen sie rasch zu.

Das ist insofern brisant, als sich Menschen mit Krebs oft in einer extrem verletzlichen Lage befinden. Wer Angst hat, wo es womöglich keine Heilung gibt oder wer sich vor Nebenwirkungen fürchtet, sucht nach Hoffnung. Medizinische Außenseiterversprechen setzen genau dort an: Sie klingen einfach, verfügbar, billig und werden oft mit persönlichen Erfolgsgeschichten aufgeladen.

Warum gerade ein Entwurmungsmittel?

Ivermectin wird seit Jahrzehnten gegen bestimmte Parasiten eingesetzt, deshalb wirkt es auf viele nicht wie ein dubioses Wundermittel, sondern wie ein bekanntes, zweckentfremdetes Arzneimittel, Stichwort: „Off-Label-Use“.  Das macht solche Erzählungen anschlussfähig: Ein vorhandenes Medikament, eine angebliche neue Anwendung, ein emotionaler Einzelfall – fertig ist die Hoffnungsgeschichte.

Bei Fenbendazol kommt hinzu, dass es als Entwurmungsmittel aus der Tiermedizin bekannt ist und in alternativen Krebsforen seit Jahren kursiert. Dort wird oft mit Laborbefunden, Zellstudien oder einzelnen Fallberichten argumentiert. 

Das Problem: Was in Zellen oder Tiermodellen interessant aussieht, ist noch lange keine wirksame und sichere Krebstherapie beim Menschen. Ivermectin hatte übrigens schon während der Covid-Pandemie eine zweifelhafte Karriere als angebliches Heilmittel.

Der Promi-Effekt in der Medizin

Die Analyse zeigt: Prominente können das Gesundheitsverhalten stark beeinflussen. Manchmal ist das auch positiv: Als die US-Moderatorin Katie Couric im Fernsehen eine Darmspiegelung zeigte, stiegen danach die Vorsorgeuntersuchungen.  Sie können aber auch gefährlich werden. Die JAMA-Autoren sehen darin ein Problem - weil sich medizinische Entscheidungen zunehmend in einem Informationsraum abspielen, in dem Reichweite oft mehr zählt als Belegbarkeit.

Das Risiko ist dann nicht nur, dass jemand ein unwirksames Mittel nimmt, sondern, dass womöglich wirksame Behandlungen verzögert, abgebrochen oder gar nicht erst begonnen werden. Doch gerade bei Krebs kann Zeit entscheidend sein. Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

Kommentare