Autismus: Diese 7 Film- und Serienfiguren prägten unser Bild

Vom genialen Sonderling bis zum kühlen Logiker: Popkultur hat Autismus sichtbar gemacht – und verzerrt. Ein neues Buch über bekannte Figuren und ihre Wirkung.
Rain Man Tom Cruise Dustin Hoffman Copyright TBM UnitedArchives0329229

Zusammenfassung

  • Popkultur-Figuren wie Rain Man, Sherlock Holmes und Spock haben das öffentliche Bild von Autismus maßgeblich geprägt und verbreitet.
  • Das Klischee des genialen, sozial fremden Autisten mit Inselbegabung ist durch diese Figuren weit verbreitet, entspricht aber selten der Realität.
  • Trotz Verzerrungen haben diese Charaktere vielen Menschen geholfen, Autismus zu erkennen und Sichtbarkeit geschaffen.

Am heutigen Welt-Autismus-Tag wird erneut deutlich, wie viele Missverständnisse und Klischees zu diesem Thema kursieren. Und das wird auch durch Figuren aus der Popkultur gestützt. 

Kaum jemand kannte das Wort Autismus, bis Ende 1988 ein Film in die Kinos kam, der alles veränderte. Dustin Hoffman spielte in Rain Man einen Mann, der ein Telefonbuch auswendig lernt, im Casino Karten zählt und mit einem Blick die Anzahl an Zahnstochern erfasst. 

Für den Autor und Sprachforscher Ulrich Merkl ist genau das der entscheidende Wendepunkt: Autismus wurde plötzlich sichtbar. Er ist übrigens selbst Autist.

In Folge setzte sich ein Bild fest, das bis heute nachwirkt – jenes des autistischen Genies mit übermenschlichen Fähigkeiten. In seinem Buch Total Strangers. Autismus in der Popkultur: Medien, Mythen, Menschen beschreibt Merkl, wie sehr unser Bild von Autismus nicht aus der Fachliteratur stammt, sondern von Figuren, die in Romanen, Serien und Filmen vorkommen. Angesiedelt irgendwo zwischen Mythen und Klischees - einige prominente Beispiele: 

1. Rain Man
Er gilt als Urknall der popkulturellen Autismuswahrnehmung. Merkl zeigt, dass Rain Man Autismus schlagartig bekannt machte, zugleich aber ein besonders zähes Missverständnis in die Welt setzte: das des außergewöhnlich begabten Sonderlings mit fotografischem Gedächtnis und Mathematikwunder. Später wurde genau dieses Muster immer wieder kopiert.

2. Sherlock Holmes
Für den Autor gehört Holmes zu jenen Figuren, die heute stark autistisch lesbar wirken, obwohl sie lange vor dem allgemeinen Autismuswissen entstanden sind. Interessant: Schon bevor die breite Öffentlichkeit überhaupt ein Konzept von Autismus hatte, tauchten in Literatur und Film Persönlichkeiten auf, die rückblickend erstaunlich vertraut wirken – hochfokussiert, exzentrisch, sozial eigensinnig, brillant in einem Spezialgebiet.

 3. Mister Spock
Spock ist eine weitere Schlüsselfigur. Logik, Direktheit, emotionale Distanziertheit, soziale Fremdheit: Das Buch zeigt, warum diese Figur bis heute so stark mit Autismus assoziiert wird. Gerade Spock macht sichtbar, wie sehr das Bild des „kühlen Denkers“ unsere Vorstellung von Autismus geprägt hat. 

4. Monk
Adrian Monk steht für eine TV-Phase, in der neurodivergente Züge endgültig massentauglich wurden. Merkl zählt ihn zu den bekanntesten populären Figuren dieser Art. An Monk lässt sich gut beobachten, wie Serien soziale Unbeholfenheit, Rituale, Spezialwissen und Exzentrik zu einer Figur bündeln, die gleichzeitig komisch, anstrengend und faszinierend wirkt. 

Ella Schön - Land unter

Schweigsam, steif, präzise: Die Dramedy-Hauptfigur Ella Schön ist Autistin. 

5. Sheldon Cooper
Sheldon ist einer der wirkmächtigsten Vertreter der jüngeren Popkultur. Laut Merkl wurde The Big Bang Theory sogar an Universitäten verwendet, um Medizinstudierenden typische Autismus-Symptome zu veranschaulichen. Das ist fast absurd und zugleich hochaufschlussreich: Eine Sitcom-Figur wird zur Unterrichtshilfe. 

6. Ella Schön
Für den deutschsprachigen Raum ist die erfolgreiche Dramedy-Serie Ella Schön (gespielt von Annette Frier) besonders wichtig. Die Figur (eine Asperger-Autistin) gilt als schweigsam, steif, präzise, routinenliebend und ironieresistent beschrieben – als jemand, der mit seiner Art überall aneckt und doch allmählich Beziehungen aufbaut.  

7. Leander Lost aus „Lost in Fuseta“
Auch Leander Lost, die die Hauptfigur der „Lost in Fuseta“-Krimireihe von Holger Karsten Schmidt (Pseudonym: Gil Ribeiro), ist ein starkes Beispiel. Der deutsche Kriminalkommissar ist ebenfalls Asperger-Autist. Der Autor Gil Ribeiro sagt im Buch, Leander sei sein „Mr. Spock an der Algarve“: jemand, der keine Ironie versteht, nicht lügen kann und gerade deshalb die Widersprüche der anderen schärfer sichtbar macht. 

Was Merkl betont: Sichtbarkeit ist wertvoll, aber sie hat oft einen Preis. Besonders hartnäckig ist das Klischee der Inselbegabung

Laut Buch zeigt etwa die Hälfte aller autistischen Film- und Serienfiguren eine solche außergewöhnliche Fähigkeit. Dadurch seien „Autismus“ und „Inselbegabung“ in der öffentlichen Wahrnehmung fast zu Synonymen geworden. 

Das verzerrt die Realität massiv, weil die meisten autistischen Menschen nicht dem Rain-Man-Muster entsprechen. Trotzdem ist Merkls Bilanz nicht pessimistisch. Er zeigt auch, dass genau diese Figuren vielen Menschen halfen, sich selbst oder Angehörige überhaupt erst zu erkennen. 

Rain Man, Sherlock oder literarische Figuren wie Christopher Boone wurden für manche zum Auslöser, endlich nach einer Erklärung für das eigene Anderssein zu suchen. Popkultur kann also beides: vereinfachen und sichtbar machen.

BUCHTIPP

Total Strangers Buch

"Total Strangers. Autismus in der Popkultur", Ulrich Merkl, Verlag Patmos

„Total Strangers. Autismus in der Popkultur“; Ulrich Merkl, Patmos Verlag, € 25,-

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