Partnerin vertraut auf eine Kartenlegerin. Was kann ich tun?

Wenn die Zukunft durch eine Wahrsagerin bestimmt wird gibt es Konfliktpotential. Psychotherapeut Christian Beer gibt Rat.
Eine Hand hält eine Glaskugel, in der eine Landschaft mit Sonnenuntergang auf dem Kopf gespiegelt wird.

Leser Philipp R. (29) fragt: 

Meine Freundin geht immer wieder zu einer Kartenlegerin und richtet Entscheidungen oft nach deren Aussagen aus – auch bei gemeinsamen Plänen oder unserer Beziehung. Ich halte nichts davon, wir streiten oft darüber. Obwohl sie sagt, sie nehme das nicht ernst, habe ich den Eindruck, dass sie in eine Abhängigkeit gerät. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll,  möchte sie aber nicht verlieren.

Antwort:

Ihre Irritation ist sehr gut nachvollziehbar. Wenn Entscheidungen, die eine Beziehung betreffen, plötzlich von außen – etwa durch Kartenlegerinnen oder ähnliche Angebote – beeinflusst werden, kann das Ärger und Angst auslösen. Zumal dann, wenn Sie selbst mit diesen Vorstellungen nichts anfangen können. 

Zunächst einordnend: Tatsächlich zeigen Erhebungen im deutschsprachigen Raum, dass Frauen deutlich häufiger als Männer esoterische Angebote wie Astrologie, Kartenlegen oder spirituelle Beratung nutzen und dafür auch Geld ausgeben. Je nach Studie liegt der Frauenanteil bei 65–75 Prozent. Das allein ist noch kein Zeichen von „Unvernunft“ oder gar Krankheit. Häufig handelt es sich um einen Versuch, mit Unsicherheit, inneren Konflikten oder Entscheidungsdruck umzugehen – vor allem dann, wenn klassische rationale Wege (Nachdenken, Gespräche, Abwägen) subjektiv keine Klarheit bringen. Zwischen „rational“ und „esoterisch“ gibt es allerdings noch eine dritte Ebene, die oft missverstanden wird: Spiritualität. Sie kann – in gesunder Form – eine persönliche Sinnsuche oder Werteorientierung sein. Problematisch wird es dort, wo Entscheidungsverantwortung ausgelagert wird, und externe Instanzen beginnen, reale Lebens- oder Beziehungsschritte zu steuern. Genau hier ist Ihre klare Positionierung entscheidend. Sie dürfen Ihrer Partnerin sehr wohl signalisieren, dass Sie grundsätzlich bereit sind, über alles zu sprechen, dass es keine Tabuthemen geben muss und Sie verstehen wollen, was sie beschäftigt. Gleichzeitig ist es wichtig, klar zu sagen: Gemeinsame Zukunfts-, Beziehungs- oder wirtschaftliche Entscheidungen sollen nicht von fremden Personen bestimmt werden, es sei denn, sie sind Experten im gefragten Gebiet. 

Diese Grenze ist kein Angriff auf Ihre Partnerin, sondern schützt Ihre Autonomie und Wertehaltung in Ihrer Beziehung. Hilfreich ist dabei auch ein Blick auf unterschiedliche Kommunikationsstile. Viele Frauen kommunizieren eher implizit und gefühlsorientiert – nach dem Prinzip „feel, not deal“. Es geht Ihrer Partnerin vielleicht zunächst darum, ihre Gefühle auszudrücken, verstanden und emotional gespiegelt zu werden. Männer hingegen reagieren oft lösungsorientiert – „deal, not feel“ – und suchen rasch nach Klarheit, Entscheidungen oder Handlungsplänen. Wenn diese beiden Stile aufeinandertreffen, reden Paare häufig aneinander vorbei, obwohl beide eigentlich Nähe und Sicherheit suchen. 

Ein wichtiger Punkt: Zuhören bedeutet nicht Zustimmen. Es kann für Ihre Partnerin bereits sehr entlastend sein, wenn Sie ihr Gefühl ernst nehmen („Ich merke, dass dich das sehr verunsichert“), ohne sofort Lösungen zu präsentieren oder Konsequenzen zu ziehen. Gefühle müssen nicht „richtig“ oder „logisch“ sein, um gültig zu sein. Gleichzeitig gilt aber auch: Gefühle sind kein automatischer Handlungsauftrag. Niemand – auch Ihre Partnerin nicht – kann etwas dafür, ob, was oder wie sie etwas fühlt. Diese Gefühle sollten Sie daher jederzeit validieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sie impliziten oder expliziten Forderungen nachgeben müssen, die aus diesen Gefühlen entstehen – etwa Entscheidungen, die Sie nicht mittragen sollten, weil sie wichtigen Werten Eurer Beziehung diametral entgegenstehen würden. Genau hier liegt die Balance zwischen Empathie und klarer Haltung.

Sollte Ihre Partnerin ansonsten in der Lage sein, ihr Leben verantwortungsvoll zu führen, rational zu denken, zu arbeiten und Beziehungen zu reflektieren, spricht vieles dafür, zunächst das Gespräch zwischen Ihnen beiden zu vertiefen. Wenn das nicht ausreicht oder sich Muster verfestigen, kann auch eine Beratung oder Paartherapie sinnvoll sein – nicht, um jemanden zu „überzeugen“, sondern damit Ihr beide die Dynamik zwischen Euch verstehen könnt.
Sie müssen weder alles hinnehmen, noch sofort alles beenden. Entscheidend ist, dass Sie klar, ruhig und konsequent vertreten, wofür Sie in einer Partnerschaft stehen – und dafür von Ihrer Freundin respektiert werden wollen – und was nicht von außen bestimmt werden soll.

Ihr Verdacht, dass hier auch Projektion im Spiel sein könnte, ist plausibel. Manche Menschen regulieren eigenes Unbehagen, indem sie es beim anderen platzieren: Wenn er selbst mit Alter, Fitness, Sexualität oder Selbstwert ringt, kann der Druck nach außen wandern. Dann wird aus seinem inneren Thema eine Aufgabe für Sie. Das wirkt kindlich und ungerecht, vor allem wenn er dabei nicht bemerkt, wie verletzend der Ton ist.
Trotzdem kann ein echter Wunsch nach Veränderung dahinterstehen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Form: Ein gemeinsamer Gesundheits- oder Aktivitätswunsch wäre partnerschaftlich, einseitige Forderungen sind abwertend. Wer liebt, kann Dinge wünschen – aber er muss sie so ausdrücken, dass Beziehung und Würde intakt bleiben.
Ein weiterer Faktor ist die heutige Reizüberflutung. Viele Männer sind permanent mit hochstilisierten Körperbildern konfrontiert – durch Social Media, Filterästhetik und Pornostandards. Das verschiebt unmerklich das, was als „normal attraktiv“ erlebt wird, und erhöht Erwartungen an den eigenen Alltagspartner. Das erklärt, warum manche plötzlich „Upgrades“ verlangen, ohne den Realitätsverlust dahinter zu sehen.

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