Vogelgrippe: Wie gefährlich ist das Virus?
Die Vogelgrippe wurde 1878 erstmals in Italien beobachtet, heißt es von der AGES der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit. Und wieder ist es unser Nachbarland, das den ersten Fall von einer Übertragung auf den Menschen in Europa vermeldet. Bei dem Betroffenen handelt es sich um einen in der Lombardei lebenden Mann aus Afrika, der sich dort mit dem Virusstamm H9N2 angesteckt hat. „H9N2 ist ein Vogelgrippestamm, der weltweit vorkommt und 1966 das erste Mal identifiziert wurde“, erklärt Florian Krammer, Direktor des interuniversitären Ignaz Semmelweis Instituts sowie des Ludwig Boltzmann Instituts für Wissenschaftsvermittlung und Pandemievorsorge. Er ist auch Professor für Impfstoffkunde an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York City.
Gering krankmachend
„Das Virus H9N2 kann – muss aber nicht – in Vögeln und Geflügel Symptome verursachen. Diese sind aber weit weniger drastisch, als wir das bei H5N1 sehen“, so Krammer und gibt Entwarnung. „Derzeit besteht kein Grund zur Sorge vor einer Welle.“H5N1 schließlich ist der deutlich aggressivere Erreger und mit einer hohen Sterblichkeit bei Wild- und Hausgeflügel verbunden.
Das besagte H9N2-Virus ist ein Subtyp des Influenzavirus A, der ebenfalls bei Geflügel vorkommt, aber zur Gruppe der niedrigpathogenen aviären Influenzaviren (LPAIV) gehört.
Niedrigpathogen heißt wiederum, dass ein Erreger – zum Beispiel ein Virus oder ein Bakterium – nur eine geringe krankmachende Wirkung hat. Entwarnung ist somit auch deshalb gegeben, insofern als alle Personen, die Kontakt mit dem aktuell Erkrankten hatten, negativ getestet wurden. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung sei grundsätzlich nicht dokumentiert, sagt Krammer und auch aus Italien gibt es Bestätigung. Alarmlage gebe es keine, versichert der italienische Epidemiologe Gianni Rezza laut Medienangaben. Eine Überwachung durch das Gesundheitsministerium sei dennoch aktiv.
18 Fälle in China
Historisch betrachtet wurden seit dem ersten Fall einer menschlichen Infektion im Jahr 1998 etwa 200 Fälle einer Übertragung des Virus dokumentiert. Die Infektion verursacht in Menschen meist nur leichte Symptome und nur sehr selten kann es auch zu schweren Infektionen und Todesfällen in Menschen mit Vorerkrankungen kommen. 2025 wurden insgesamt 18 menschliche Infektionsfälle mit H9N2 in China gemeldet, vorwiegend bei Kindern und Jugendlichen.
Allein im Juni 2025 berichtete die WHO von insgesamt drei Fällen: bei zwei Personen gab es einen schweren Verlauf. Betroffen waren eine 52-jährige Frau in Henan und eine 72-jährige Frau sowie ein 6-jähriger Bub in Sichuan mit einer milden Variante. Alle drei hatten davor Kontakt mit Geflügel, eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung wurde nicht dokumentiert.
Probe für den Ernstfall
Aber wie würde es aussehen, wenn sich die Vogelgrippe tatsächlich von Vögeln auf Menschen überträgt – und dann von Mensch zu Mensch weitergeht? Ein indisches Forschungsteam mit internationalen Partnern hat genau das durchgespielt. Mit einem speziellen Computermodell namens „BharatSim“ simulierten die Wissenschafter einen möglichen Ausbruch in Süd- oder Südostasien, wo Geflügelmärkte und enge Kontakte zwischen Mensch und Tier die Gefahr für einen sogenannten „Spillover“ erhöhen. In der Simulation startete alles mit einer einzelnen Infektion: Ein Mensch steckt sich bei einem kranken Vogel an. Von dort aus breitet sich das Virus innerhalb des Haushalts aus und gelangt schließlich in die Gemeinschaft – über Arbeit, Schule, Märkte und andere soziale Kontakte.
Das Spannende: Selbst wenn zu Beginn nur wenige Daten und ungenaue Zahlen vorliegen – wie es in der Realität am Anfang eines Ausbruchs oft der Fall ist –, lassen sich wichtige Kennzahlen wie die sogenannte Basisreproduktionszahl (R₀) ableiten. Sie zeigt, wie viele Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt, und ist entscheidend für die Wahl der Gegenmaßnahmen.
Die Studie testete darüber hinaus verschiedene Strategien zur Eindämmung:
- Schnelles Töten infizierter Vögel (Culling), um die Quelle zu beseitigen.
- Quarantäne für Betroffene und ihre Kontakte.
- Impfungen, um die Ausbreitung zu verlangsamen.
Je früher und konsequenter diese Maßnahmen greifen – am besten kombiniert –, desto größer ist die Chance, den Ausbruch zu stoppen, bevor er zur Pandemie wird.
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