Problem überschlafen? Warum das tatsächlich helfen kann

Was, wenn Träumen wichtiger ist als gedacht? Eine Studie legt nahe, dass lebhafte Träume den Schlaf tiefer erscheinen lassen. Traumexpertin Brigitte Holzinger erklärt warum.
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Zusammenfassung

  • Eine italienische Studie zeigt, dass lebhafte Träume den Schlaf subjektiv tiefer erscheinen lassen, auch wenn die Gehirnaktivität wachähnlich ist.
  • Besonders intensive, emotionale oder bizarre Träume sind mit einem tieferen Schlaferleben verbunden, während abstrakte oder reflektierende Träume eher ein flacheres Schlafgefühl hervorrufen.
  • Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht nur langsame Hirnwellen, sondern auch das innere Erleben von Träumen entscheidend für das Gefühl von Erholung im Schlaf sind.

Ein Problem überschlafen: Die Redewendung klingt harmlos, fast altmodisch. Doch vielleicht steckt in ihr mehr Wahrheit, als lange klar war. Denn Schlaf ist offenbar nicht nur die Zeit, in der wir abschalten. Er ist auch die Zeit, in der im Inneren weitergearbeitet wird. 

Eine neue Studie aus Italien legt nun nahe, dass nicht nur der klassische Tiefschlaf darüber entscheidet, wie erholt wir uns fühlen. Auch das Träumen spielt dabei offenbar eine größere Rolle als lange angenommen.

Forschende um Giulio Bernardi von der IMT School for Advanced Studies Lucca haben 44 Erwachsene über vier Nächte im Schlaflabor untersucht. 

Die Teilnehmenden wurden wiederholt im Non-REM-Schlaf geweckt, während ihre Hirnaktivität per EEG gemessen wurde. Danach mussten sie angeben, ob sie geträumt hatten und wie tief sich ihr Schlaf angefühlt hatte.

Lebendige, bizarre Träume mit erstaunlichem Effekt

Das Ergebnis ist bemerkenswert. Zwar bestätigte sich, dass langsamere Gehirnwellen mit tiefer empfundenem Schlaf zusammenhängen. 

Doch dieser Zusammenhang wurde schwächer, sobald die Teilnehmenden berichteten, geträumt zu haben. Dann wurde der Schlaf subjektiv als tiefer erlebt, obwohl das Gehirn in diesem Zustand eher wachähnliche Aktivität zeigte.

Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei Träumen, die als lebendig, bizarr oder emotional intensiv beschrieben wurden. Gedankenartige, abstrakte oder stärker reflektierende Träume gingen dagegen eher mit einem flacheren Schlafgefühl einher. 

Die Autorinnen und Autoren widersprechen damit der lange verbreiteten Annahme, dass sich das Gefühl von tiefem Schlaf allein aus langsamen Gehirnwellen und einem hohen Maß an Unbewusstheit erklärt. Stattdessen, so ihr Fazit, könnte gerade ein intensives Eintauchen in die Traumwelt dazu beitragen, dass wir uns gut erholt fühlen.

Die Forschenden formulieren das selbst so: Träume könnten dazu beitragen, wie wir Schlaf erleben, „indem sie uns in eine innere Welt eintauchen lassen, die uns von der äußeren Umgebung abschirmt“.

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Schlaf- und Traumexpertin Brigitte Holzinger

 „Es gibt natürlich auch Menschen, die aufgrund ihrer Träume nicht gut schlafen."

von Dr. Brigitte Holzinger, Institut für Bewusstsein und Traumforschung

Nicht jeder Traum ist erholsam

Ein besseres Verständnis dafür, wie Träume das Gefühl von Schlaftiefe beeinflussen, eröffne „neue Perspektiven auf Schlafgesundheit und psychisches Wohlbefinden“. 

Veränderungen im Träumen, etwa eine geringere Reichhaltigkeit oder Häufigkeit, könnten demnach beeinflussen, wie Menschen die Tiefe oder Dauer ihres Schlafs wahrnehmen und warum sie trotz genügend Stunden im Bett mit ihrer Schlafqualität unzufrieden sind.

Für die Wiener Traumforscherin Brigitte Holzinger ist das ein interessanter Befund. „Es ist eine sehr spannende Studie und ich freue mich sehr, dass sie publiziert worden ist“, sagt sie. 

Aus ihrer Sicht greift die Arbeit eine grundlegende Frage auf, die in der Schlafforschung bislang schwer zu fassen war. Dass hier ein Zusammenhang zwischen Traumerleben und empfundener Schlaftiefe sichtbar wird, passe  aber „sehr gut“ zu ihren Beobachtungen und Thesen.

Holzinger betont allerdings auch, dass das Thema komplex bleibt. Nicht jeder Traum ist erholsam. „Es gibt natürlich auch Menschen, die aufgrund ihrer Träume nicht gut schlafen“, sagt sie. 

Good dreams make your day better

Sich zu entscheiden, ein Problem zu überschlafen, ist sinnvoll. Weil sich im Traum manches löst oder verarbeitet wird.

Albträume oder belastende Inhalte können den gegenteiligen Effekt haben. Die Studie zeigt also nicht, dass Träume automatisch guttun. Sie zeigt, dass bestimmte Formen des Traumerlebens mit tiefer empfundenem Schlaf verbunden sind.

Auch eine verbreitete Vorstellung relativiert Holzinger. Viele Menschen sagen von sich, sie würden nie träumen. „Wir träumen immer“, sagt sie. Die entscheidende Frage sei nicht, ob wir träumen, sondern ob wir uns daran erinnern. In ihrer Praxis beobachtet sie dazu einen klaren Zusammenhang. „Viele Menschen sagen: ,Ich fühle mich am ausgeruhtesten, wenn ich aufwache und mich noch an einen Traum erinnere.'“ Diese Erfahrung teilen viele ihrer Klientinnen und Klienten, auch wenn es sich dabei nicht um systematische Studiendaten handelt.

Traum als nächtliche "Psychotherapie"

Ob ein Traum im Gedächtnis bleibt, hängt unter anderem davon ab, in welcher Schlafphase man aufwacht, wie aufmerksam man in Bezug auf Träume ist und wie gut die Erinnerung greift.

Hier liegt auch die Anschlussstelle zur Studie. Dort reichte schon die Angabe, geträumt zu haben, um den Zusammenhang zwischen langsamen Hirnwellen und empfundener Schlaftiefe zu verändern, selbst wenn sich die Teilnehmenden an den Inhalt gar nicht erinnern konnten. 

Entscheidend war also nicht nur, was im Gehirn messbar war, sondern auch, wie der Schlaf innerlich erlebt wurde.

Holzinger beschreibt Träume als eine Form der Verarbeitung. Sie spricht von einer „sinnlichen Verarbeitung von Erlebtem“, von „Durcharbeitung“ und „Neujustierung“. 

Zugespitzt nennt sie den Traum „eine kleine Psychotherapie, die wir jede Nacht mit uns machen“. Das könnte also damit gemeint sein,  wenn wir sagen, wir sollten ein Problem erst einmal überschlafen. Nicht, weil der Schlaf alles löst. Sondern weil er etwas in Bewegung bringt, das am Tag festgefahren war, zum Beispiel: ein Problem.

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