Frühe Kindheit: Wie die ersten 1.000 Tage das Leben prägen
Zusammenfassung
- Die ersten 1.000 Tage – von der Schwangerschaft bis zur frühen Kindheit – prägen das Leben eines Menschen nachhaltig, wie aktuelle epigenetische Forschung zeigt.
- Frühe Erfahrungen und Umwelteinflüsse beeinflussen biologisch, welche Gene aktiviert werden und wie sich das Gehirn entwickelt.
- Sigmund Freuds Theorie vom Über-Ich erhält durch moderne Erkenntnisse zur frühen Prägung neue Aktualität und wissenschaftliche Bestätigung.
Was prägt einen Menschen: Gene, Erziehung, Erfahrung? Schon Sigmund Freud hatte die Vermutung, dass das frühe Leben ein Kind nachhaltig formt. Rund um seinen 170. Geburtstag bekommt dieser Gedanke neue Aktualität.
Freud beschrieb die Psyche als Zusammenspiel von Es, Ich und Über-Ich. Das Es steht für Triebe und unmittelbare Bedürfnisse, das Über-Ich für Gewissen, Regeln und verinnerlichte Maßstäbe. Dazwischen vermittelt das Ich. Er konnte dieses Modell nur theoretisch entwerfen. Die naturwissenschaftlichen Mittel, es zu belegen, gab es zu seiner Zeit nicht.
Für den Gynäkologen Johannes Huber, der zu diesem Thema einen eigenen Vortrag hält, ist die Zeit der ersten 1.000 Tage von großer Bedeutung. Also von der Schwangerschaft bis weit in die frühe Kindheit hinein. In dieser Phase, sagt er, gehe es um tiefe Spuren im epigenetischen Sinn.
„Es werden Neurotransmitter, Zustimmungs- und Ablehnungsreaktionen im Gehirn geprägt.“ Was ein Mensch ganz am Anfang seines Lebens erlebt, kann sich tatsächlich auch biologisch niederschlagen.
Genau das beschreibt die Epigenetik. Sie erforscht, wie Umwelt und Erfahrungen beeinflussen können, welche Gene stärker aktiviert und welche eher gedämpft werden. Der genetische Bauplan bleibt zwar derselbe, aber die Art, wie er genutzt wird, kann sich verändern.
Für Huber ist das die moderne naturwissenschaftliche Seite einer alten Einsicht: dass frühe Erfahrungen nicht folgenlos bleiben. „Das sind nicht irgendwelche Eindrücke, die man sich dann merkt und die dann bleiben, sondern das sind richtige Prägungen über den genetischen Code“, sagt er.
Tiefe biologische Spuren
Was eine Schwangere erlebt, spielt dabei eine wichtige Rolle. Ob sie unter Druck steht, Unterstützung erfährt, sie in Ruhe leben kann oder ständig belastet ist – all das gehört zur frühen Umwelt des Kindes.
Huber betont deshalb, dass Schwangerschaft nicht nur medizinisch begleitet, sondern auch sozial geschützt werden müsse. „Es geht nicht allein um Blutdruck, Laborwerte und körperliche Risiken“, betont er. Ebenso wichtig sei, „dass die Frau während der Schwangerschaft nicht gestresst wird“.
Univ.Prof. Johannes Huber über Freud und die Epigenetik
Sensibles Zeitfenster
Nach der Geburt setzt sich diese Logik fort, die frühe Kindheit ist eine hochsensible Phase, in der Zuwendung, Ansprache, Berührung, Verlässlichkeit zählen. Darin steckt mehr als ein Appell zum Kuscheln. Es geht um das Grundgefühl, mit dem ein Kind ins Leben hineinwächst: Bin ich sicher? Wird auf mich reagiert?
Dabei soll es nicht um Schuldzuweisungen gehen, denn natürlich verlaufen Schwangerschaften und frühe Lebensjahre nicht immer stressfrei. Viele Frauen erleben Belastungen, Krisen, Geldsorgen, schwierige Beziehungen oder beruflichen Druck, mit Auswirkungen auf Familie und Kind. Huber betont deshalb: "Frühe Prägung ist wichtig, aber kein endgültiges Schicksal." Auch im Erwachsenenleben seien noch Veränderungen möglich.
Zurück zu Freud: Das Über-Ich, jene innere Stimme, die Regeln, Werte und Gewissen in sich trägt, entsteht nicht im luftleeren Raum. Es wächst aus frühen Beziehungen, Vorbildern, aus dem, was Kinder an Zuwendung, Verboten, Konflikten und deren Lösung erleben. All das hinterlässt Spuren – und in diesem Sinn wirkt Freuds Gedanke vom Über-Ich erstaunlich modern.
Am 6. Mai wird der 170. Geburtstag Sigmund Freuds gefeiert. Sein zentrales Anliegen war es, den seelischen „Apparat“ auf ein solides neuronales Fundament zu stellen, was aufgrund fehlender experimenteller Befunde unmöglich war.
Also schuf er stattdessen die immateriellen Instanzen des Ich, Über-Ichs und des Es. Epigenetische Forschungen scheinen das frühkindlich erzeugte Über-Ich nun zu bestätigen. Das ist Thema einer Lecture von Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber und Prim. Dr. Christian Jagsch. Sie widmet sich der Verbindung von Psyche, Über-Ich und Epigenetik – also der Frage, wie früh Erfahrungen einen Menschen formen und wie sich das heute biologisch besser verstehen lässt.
26.4., 9 h, Gesellschaft der Ärzte, Frankgasse 8, 1090 Wien
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