Expertinnen über Lust im Alter: „Guter Sex ist Vitalität“
Zusammenfassung
- Sexuelle Gesundheit im Alter ist wichtig für das Wohlbefinden und sollte ernst genommen werden, ohne Leistungsdruck.
- Sexualität im Alter kann sich verändern und bedeutet oft mehr Nähe, Sinnlichkeit und Genuss statt Leistungsdenken.
- Medizinische und gesellschaftliche Unterstützung sind nötig, um Lust und Sexualität im Alter als Teil der Gesundheit zu akzeptieren.
Marina Abramović hat ihren Körper ein Leben lang zum Kunstobjekt gemacht. Sie hat ihn Hunger, Schmerz, Gefahr, Blicken und Zumutungen ausgesetzt. Vor Kurzem sprach die Performance-Künstlerin über eine Körpererfahrung, die gesellschaftlich noch immer Erstaunen auslöst, sobald jemand nicht mehr jung ist: Lust.
Abramović ist 79 Jahre alt. In einem Interview mit dem Magazin Spiegel erzählte sie, dass sie mit ihrem 21 Jahre jüngeren Partner den besten Sex ihres Lebens hat. Ein regelmäßiges Sexualleben also, das ihr „viel Energie und Wohlbefinden“ schenke.
100 Orgasmen pro Jahr
Wie wichtig Sex auch noch im höheren Lebensalter ist, betont die bekannte Gynäkologin und medizinische Influencerin Sheila de Liz in ihrem neuen Buch „Light my Fire. Für den Sex deines Lebens“: „Wir wissen schon lange, dass sexuelle Aktivität gut für das Herz-Kreislauf-System ist und auch für das Immunsystem und das Nervenkostüm insgesamt.
Die Wahrscheinlichkeit für Männer, an einem Herzinfarkt zu sterben, war bei einer Studie um 50 Prozent niedriger, wenn sie mehr als 100 Orgasmen im Jahr hatten.“
Andere Studien zeigten deutlich bessere Hirnleistungen und weniger Demenz bei älteren Menschen, die sexuell aktiv sind. Sie weisen auch weniger Entzündungszeichen im Blut auf.
Marina Abramovic, 79, will für Frauen ein Role Model sein.
Sich lebendig fühlen
Das kann aber auch Druck erzeugen: Denn was ist mit all jenen, die mit 70 oder 80 keinen Partner mehr haben, keinen Sex, keine Lust, keine erotische Hochphase?
Die klinische Sexologin Nicole Siller hält diesen Punkt für wesentlich. Abramovićs Satz dürfe nicht zum nächsten Leistungsvorgabe werden, der ältere Menschen hinterherlaufen.
Stattdessen brauche es eine viel breitere Sicht auf das Thema „Sexualität im Alter“: „Es geht nicht darum, bis ins hohe Alter funktionieren oder regelmäßig Geschlechtsverkehr haben zu müssen“, sagt sie.
Sexualität beginne für sie anders: zum Beispiel bei der Frage, wann man sich lebendig fühlt, wann der Körper wach wird, wann Freude, Wärme, Sinnlichkeit oder ein Prickeln spürbar werden.
„Peinlicher Restposten“?
Damit wird Abramovićs Aussage nicht zur Norm, sondern zum Gegenbild. Es sagt nicht: Wer im Alter keinen Sex hat, macht etwas falsch, stattdessen widerspricht er nur der Vorstellung, dass Begehren mit der Menopause, der Pension oder dem ersten körperlichen Wehwehchen diskret zu verschwinden habe.
An dieser Stelle setzt auch de Liz an. Ihr Anliegen ist klar: Sex nach 45, 50 oder 60 sollte nicht als peinlicher Restposten behandelt werden, sondern als Teil von Gesundheit, Beziehung und Lebendigkeit. „Wir sind die längste Zeit angelogen worden“, schreibt sie .
„Über Sex, die Wechseljahre und auch über die Wahrheit unseres Sexlebens nach 45.“ Was viele Frauen hören, klinge so: Nachlassende Lust sei normal, der Alltag stressig, der Körper älter – und wozu wolle man „in unserem Alter“ überhaupt noch Sex?
Frauen würden jenseits der 50 oft entmutigt, ihr Intimleben zu verbessern, und ab 60 bei Sorgen um ihr Liebesleben medizinisch „belächelt und marginalisiert“. Dabei sei „unsere sexuelle Gesundheit immer noch Gesundheit“.
Man sollte sie so ernst nehmen wie die körperliche oder mentale Gesundheit, „sie alle greifen ineinander“. Heißt: Es geht nicht um die Pflicht zur Lust, sondern um das Recht, mit Lust, Schmerzen, Begehren, Scham, Trockenheit, Erektionsproblemen oder Libidoverlust überhaupt ernst genommen zu werden.
Genauso, wie es Ärztinnen und Ärzten wichtig sei, die Arbeitsfähigkeit zu erhalten, sollte es auch einen hohen Stellenwert haben, Menschen ihr Sexleben weiterhin zu ermöglichen – „bis sie 99 sind, wenn es gewünscht und möglich ist“, so de Liz. Denn: „Sex ist ein Biomarker für die Gesundheit.“
Aus der Praxis
In ihrer Praxis hört Siller immer wieder, dass Sexualität mit dem Jahren sogar besser werden kann. „Ich höre sehr oft, dass Menschen mit zunehmender Reife sagen, sie haben jetzt besseren Sex.“
Warum? „Nun, es ist offenbar mehr Muße da und weniger Druck. Da geht es weniger um bestimmte Praktiken oder schnelle Erregung, sondern um Verbundenheit, Nähe und Sinnlichkeit.“ Manche Paare würden zwei oder drei Stunden im Bett verbringen und „einfach Genuss miteinander“ haben, auch körperlich.
Das ist ein anderer Blick auf Sexualität als jener, der sie mit Jugend, Leistung, Penetration und Orgasmusziel verwechselt. Sex im Alter kann bedeuten: mehr Zeit, weniger Gefallsucht, weniger Bühne. Dafür mehr Zärtlichkeit, Humor, Gespräch. Manchmal aber auch mehr medizinische Themen.
Mehr Pflege
Bei Frauen verändern sich nach der Menopause häufig die Haut und Schleimhaut. Siller beschreibt es pragmatisch: „Schleimhäute werden dünner, nicht nur in der Vagina, auch etwa in den Augen oder der Nase.“ Das brauche Pflege.
Sie empfiehlt, der Vulva und dem Vaginaleingang nicht erst ab der Menopause Beachtung zu schenken, sondern möglichst schon vorher – also lebenslang. Später könne es – je nach Beschwerden – auch hormonelle Produkte oder andere medizinische Unterstützung brauchen.
Wichtig sei, Beschwerden nicht einfach hinzunehmen, sondern sich darum zu kümmern und sich Support zu holen, statt zu glauben: „Das ist halt so.“ Libidoverlust ist ebenfalls kein Schicksal, sondern behandelbar. „Und zwar in jedem Alter“, so Siller.
Nicht nur die Frauen
Und auch die Männer sind nicht die ewigen Könner, als die sie kulturell gern dargestellt werden. Siller erlebt in ihrer Praxis bereits Männer ab den späten 30ern mit sexuellen Unsicherheiten oder Erektionsproblemen. Das Klischee, sie könnten und wollten immer, hält sie für falsch.
Bei Erektionsproblemen rät sie, nicht nur zum Urologen zu gehen oder sich Medikamente zu holen, sondern das auch kardiologisch abklären zu lassen. Der Penis sei, medizinisch betrachtet, die „Antenne des Herzens“. Potenzprobleme können also ein Hinweis auf Herz-Kreislauferkrankungen sein.
Zu wenig Ausbildung
Warum wird darüber in Ordinationen trotzdem so selten gesprochen? Siller nennt dafür mehrere Gründe: Im Medizinstudium gebe es noch immer keine selbstverständliche, breite Ausbildung zu Sexualität, Hormonen und Wechseljahren. Selbst in der Gynäkologie und Urologie sei das Thema nicht automatisch tief verankert. Dazu kämen Peinlichkeit, fehlendes Wissen und Zeitdruck.
Die Folgen hält Siller für gravierend. Wenn medizinisches Personal sexuelle Anliegen älterer Menschen abtut, werde vielen der Zugang zu einem natürlichen, genussvollen und lebendigen Teil ihrer selbst verbaut. „Guter Sex ist Vitalität“, ist Sheila de Liz überzeugt.
Das muss man – wie bereits angesprochen – nicht als Hochleistungsprogramm lesen, sondern vielmehr als Einladung, Sexualität weiter zu fassen. Wer zum Beispiel keinen Partner hat, ist nicht automatisch von der Lust ausgeschlossen.
Das Stichwort hier: Solo-Sex, zu dem Sexologin Siller ermutigt. „Auch mit sich selbst kann man erfüllende Sexualität haben“, ist sie überzeugt.
Massage und Wärme
Und wenn stattdessen das Bedürfnis eher eines nach Berührung, Wärme, Umarmungen sei, brauche es andere Mittel und Wege: eine Massage, ein warmes Bad, eine Kuscheldecke. Wärme kann, so Siller, in gewisser Weise Umarmungen ersetzen und Oxytocin ausschütten. Am Ende geht es nämlich nicht darum, älteren Menschen Sex zu verordnen, sondern ihnen ihre Lust, Sinnlichkeit und Körperfreude nicht abzusprechen.
Neues Buch:
Sheila de Liz: "Light my Fire"
Sheila de Liz: „Light my Fire. Für den Sex deines Lebens“, Rowohl Polaris, 256 Seiten, 18 Euro
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