Schulter-OP? Warum viele Eingriffe unnötig sein könnten
Weltweit zählen Schulterschmerzen nach Rücken- und Knieproblemen zu den dritthäufigsten muskuloskelettalen Beschwerden. Und: Sie zählen sie zu den häufigsten Gründen, warum Menschen ärztliche Hilfe suchen. „In der finnischen Allgemeinbevölkerung geben laut einer Umfrage 20 bis 30 Prozent an, innerhalb des letzten Monats Schulterprobleme gehabt zu haben“, erklärt der Schulterchirurg Thomas Ibounig.
Das ist fast ein Drittel – und betrifft nicht nur ältere Menschen.“ Die Zahlen lassen sich auf die Gesamtbevölkerung und somit auch auf Österreich hinunterbrechen, sagt der Experte. Überraschenderweise sind viele junge Erwachsene betroffen: Schon unter den 20- bis 30-Jährigen berichten rund 20 Prozent über Beschwerden in der Schulter.
Die Häufigkeit steigt bis zum mittleren Lebensalter leicht an, fällt jedoch ab etwa 65 Jahren wieder ab. Ibounig vermutet, dass dieser Rückgang vor allem mit veränderten Lebensgewohnheiten in der Pension und geringeren Belastungen im Ruhestand zu tun hat.
Fast jeder hat „Auffälligkeiten“
Die aktuelle finnische Bevölkerungsstudie, geleitet vom gebürtigen Österreicher Thomas Ibounig und veröffentlicht in der Fachzeitschrift JAMA Internal Medicine, sorgt derzeit für Aufsehen in der orthopädischen Fachwelt. Gemeinsam mit der Forschungsgruppe FICEBO (Finnish Centre for Evidence Based Orthopaedics) stellte Ibounig die gängigen Diagnose- und Behandlungspfade bei Schulterschmerzen auf den Prüfstand. Ziel war, herauszufinden, wie häufig strukturelle Veränderungen an der Schulter tatsächlich vorkommen – und ob diese zwangsläufig mit Schmerzen verbunden sind. Und in weitere Folge: Welche therapeutischen Maßnahmen tatsächlich sinnvoll sind.
Warum die Studie für Diskussionen sorgt, zeigen die Ergebnisse: Bei der Untersuchung von 602 zufällig ausgewählten Erwachsenen zwischen 41 und 76 Jahren stellte sich heraus, dass 99 Prozent mindestens einen "auffälligen" Befund im bildgebenden Verfahren, der Magnetresonanztomographie (MRT), aufwiesen.
Ein Viertel der Teilnehmenden hatte beginnende degenerative Veränderungen der Sehnen (Tendinopathie), rund 62 Prozent wiesen einen Teilriss auf, und bei 11 Prozent wurde sogar ein vollständiger Riss einer Sehne der Rotatorenmanschette festgestellt.
Doch das eigentlich Überraschende: Die Häufigkeit dieser Befunde war bei Menschen mit Schulterschmerzen (98 Prozent) nahezu identisch mit denjenigen Personen die überhaupt keine Beschwerden hatten (96 Prozent). Selbst vollständige Risse, die den Betroffenen keinerlei Schmerzen bereiteten, wurden zu 78 Prozent gefunden.
„Unsere Daten zeigen klar, dass die meisten dieser MRT-Befunde normale Alterserscheinungen sind. Sie sind nicht automatisch ein Krankheitszeichen – und sollten weder Patienten beunruhigen noch vorschnell zu Operationen führen“, so Ibounig und zieht einen bildhaften Vergleich: „Man kann die strukturellen Veränderungen durchaus mit dem Ergrauen der Haare vergleichen. Das sind normale Alterserscheinungen und bedeuten nicht zwangsläufig, dass „etwas kaputt“ ist oder repariert werden muss.“
Schmerzen nicht zwingend
„Wenn wir denken würden, dass diese Veränderungen der Grund für die Schmerzen sind, dann müsste jeder irgendwann Schmerzen haben – das ist aber nicht so“, sagt Ibounig. Die Häufigkeit und Schwere der Veränderungen nimmt zwar mit dem Alter zu – ähnlich wie bei Haarverlust oder Hautveränderungen – doch die meisten Menschen bleiben trotz dieser Befunde schmerzfrei.
Erkenntnisse als Gamechanger
Lange galt in der Orthopädie eine einfache, scheinbar unumstößliche Regel: Schmerzen in der Schulter müssen eine sichtbare Ursache haben. Und diese lässt sich mit moderner Bildgebung finden. Wer mit Beschwerden in die Praxis kam, bekam ein MRT, und wenn das Bild einen Riss, eine Verdünnung oder eine andere Veränderung zeigte, war der Fall aus Sicht vieler Ärztinnen und Ärzte klar: Die Strukturveränderung ist die Ursache des Schmerzes – und sollte, wenn möglich, repariert werden.
„Das war so logisch, dass niemand groß hinterfragt hat, ob es stimmt“, erinnert sich Thomas Ibounig. „Wir haben uns gar nicht gefragt, ob es vielleicht andere Ursachen gibt.“ Jahrzehntelang war diese Kette aus "Schmerz – Bild – Diagnose – Behandlung" fest in der medizinischen Routine verankert.
Die Studie stellt genau diese Logik infrage. Sie zeigt, dass strukturelle Veränderungen im MRT häufig auch bei Menschen ohne Beschwerden auftreten – und damit oft nicht die Ursache des Schmerzes sind. Was lange als medizinische Gewissheit galt, entpuppt sich somit als zu kurz gedacht: Bildgebung allein reicht nicht aus, um Schulterschmerzen zu erklären, und sollte nur gezielt eingesetzt werden.
Wenn das Bild Angst macht
Ein großes Problem bei der Diagnose von Schulterschmerzen ist, das „Wie“. Also wie die Ergebnisse der Bildgebung dem Patient vermittelt werden. Thomas Ibounig schildert ein typisches Szenario: „Ein Patient kommt mit leichten Schmerzen zum Arzt, bekommt ein MRT, und im Befund steht: ‚Kompletter Riss‘. Plötzlich fühlt er sich, als würde ihm die Schulter gleich herunterfallen.“
Dabei ist die Realität oft eine ganz andere: Die meisten dieser Veränderungen bestehen vermutlich schon seit Jahren, ohne jemals Schmerzen verursacht zu haben. Die aktuellen Beschwerden haben häufig andere Ursachen – zum Beispiel eine Überlastung, eine muskuläre Dysbalance, psychologische Faktoren oder arbeitsbedingte Belastungen.
Für den Schulterchirurgen ist klar: MRT-Aufnahmen zeigen oft Veränderungen, die in manchen Fällen gar nicht die Ursache von Schulterschmerzen sind. Bildgebung sollte gezielt eingesetzt werden, etwa nach einem Unfall oder bei Verdacht auf ernste Erkrankungen.
„Erst verstehen, dann behandeln“, sagt er. Das heißt auch: Mut zur kritischen Interpretation, Offenheit für andere Ursachen – und Ehrlichkeit, wenn Eingriffe womöglich unnötig waren.
Die Zukunft der Schulterdiagnostik sieht Ibounig in klinischer Erfahrung, gezielter Bildgebung und einer verständlichen Kommunikation, um Patienten vor unnötigen Sorgen und Operationen zu schützen.
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