Nikotinbeutel: WHO warnt vor neuer Suchtfalle für Jugendliche
Zusammenfassung
- Die WHO warnt vor Nikotinbeuteln, die vor allem junge Menschen ansprechen und ein hohes Sucht- sowie Gesundheitsrisiko bergen.
- Der weltweite Verkauf von Nikotinbeuteln ist 2024 um mehr als 50 Prozent gestiegen, besonders in den USA, während in Deutschland der Verkauf verboten ist.
- Nikotinbeutel enthalten hohe Nikotindosen, werden als Lifestyle-Produkt vermarktet und erhöhen laut WHO das Risiko für Abhängigkeit, Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor einem wachsenden Trend, der vor allem auf junge Leute zielt: Nikotinbeutel, die meist zwischen Oberlippe und Zahnfleisch gesteckt werden. Das Produkt mache süchtig und habe schwere gesundheitlichen Folge, mahnt sie und prangert die Marketingpraktiken der Industrie an.
Anbieter wollten eine neue Generation von Konsumenten in die Abhängigkeit treiben, schreibt die Organisation zum Weltnichtrauchertag (31. Mai). Weil der Zigarettenverkauf zurückgehe, weiteten multinationale Tabakkonzerne ihre Produktpalette aus, etwa auf E-Zigaretten oder Nikotinbeutel.
50 Prozent Anstieg beim Verkauf
Der Verkauf von Nikotinbeuteln habe im Jahr 2024 mehr als 23 Milliarden Einheiten betragen, was einem Anstieg von mehr als 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeute, berichtet die WHO. 2025 seien damit fast sieben Milliarden Dollar (rund sechs Mrd. Euro) umgesetzt worden.
Die USA seien mit einem Anteil von 80 Prozent der größte Markt. Die Beutel seien unter anderem auch in Deutschland und Schweden populär. In Deutschland ist der Verkauf von Nikotinbeuteln verboten. Sie werden aber über den Schwarzmarkt vertrieben und sind im Internet bestellbar.
In Österreich wurden mit 1. April tabakfreie Nikotinbeutel verbrauchsteuerpflichtig und in das österreichische Tabakmonopol aufgenommen. Damit gelten für die Nikotinbeutel künftig dieselben Regeln wie für klassische Tabakwaren. Der Verkauf ist nur noch über Trafiken und kontrollierte Vertriebskanäle, etwa Tankstellen oder Gastronomie, erlaubt.
Krebs und Diabetes
Anbieter werben mit einem „Nikotin-Rausch“, der Gefühle von Vergnügen und Zufriedenheit auslösen soll. In Wirklichkeit ist Nikotin ein Nervengift aus der Tabakpflanze. Es kann inzwischen auch synthetisch hergestellt werden. Es gelangt beim Rauchen über die Lunge ins Gehirn, bei den Nikotinbeuteln über die Schleimhaut im Mund.
Laut Deutscher Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) steigert Nikotin das Risiko für Schlaganfall und koronare Herzerkrankungen, kann die Tumorbildung fördern und steht im Verdacht, die Gefahr von Diabetes zu erhöhen.
Nikotinbeutel können pro Portion deutlich höhere Nikotinmengen enthalten, als viele vermuten. Die Sucht- und Drogenkoordination Wien nennt Werte zwischen 3 und 20 Milligramm Nikotin pro Beutel – damit liegt die Dosis teils über jener von Zigaretten. Auch die im Blut erreichten Nikotinwerte sind zumindest vergleichbar mit jenen nach dem Rauchen. Entsprechend hoch ist das Risiko, abhängig zu werden.
Vermarktung als Lifestyle-Produkt
Die Konzerne wollten mit Werbung auf sozialen Medien und über Influencer junge Leute ködern, so die WHO. Das zeigten die Geschmacksrichtungen. Auf dem Markt sind Beutel etwa mit Gummibärchen- oder Lakritzgeschmack. Die Nikotinbeutel würden als cooles Lifestyle-Produkt vermarktet oder als etwas, mit dem man heimlich, in der Schule oder vor den Eltern versteckt, Regeln brechen könne.
Eine Studie der Yale School of Medicine deutet darauf hin, dass bestimmte Aromen die Attraktivität von Nikotin verstärken könnten. In Tierversuchen mit Ratten zeigte sich: Weibliche Tiere bevorzugten Nikotin besonders dann, wenn es mit Süßstoffen kombiniert war; männliche Tiere griffen eher zu Nikotin mit Zimt- oder Mentholaroma.
Keine Hilfe, um mit dem Rauchen aufzuhören
Die Aromen veränderten demnach nicht wesentlich, wie viel Nikotin aufgenommen wurde, könnten aber die Bereitschaft zum Konsum erhöhen. Ob sich diese Ergebnisse direkt auf Menschen übertragen lassen, ist offen – sie stützen aber die Sorge, dass Geschmacksrichtungen Nikotinprodukte harmloser und verführerischer wirken lassen können.
Die WHO weist Behauptungen, Nikotinbeutel könnten helfen, mit dem Rauchen aufzuhören, als unbegründet zurück. Oft passiere das Gegenteil: Raucher konsumierten mehr Nikotin, weil sie die Beutel dort verwendeten, wo das Rauchen verboten ist, und ansonsten weiterrauchten. Die WHO appelliert an Regierungen, Nikotinbeutel zu regulieren und Kinder und Jugendliche über die Gefährlichkeit aufzuklären.
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