Narzissmuss: Gesunde Selbstliebe oder schwerwiegende Persönlichkeitsstörung?
Von Nicola Afchar-Negad
Die „Narzissten-Checkliste“ oder „So schützen Sie sich vor Narzissten“ – Social Media ist voll von solchen Postings. Von einer Narzissmus-Epidemie sprechen die einen, von einem wiederkehrenden Hype dagegen die anderen: Dr. Bärbel Wardetzki, Diplom-Psychologin, Coach und Autorin. Mit Alltagsdiagnosen ist das so eine Sache. Arbeitskollegen gelten plötzlich als Autisten, Ex-Partner als Narzissten, Chefs mitunter als beides. Wer will, kann innerhalb von Minuten einen Online-Test machen, und Influencer geben Tipps, die Psychotherapeuten verzweifeln lassen. Gerade Narzissmus – also Selbstverliebtheit, zurückgehend auf die mythologische Figur Narziss – wird diskutiert, analysiert, zerlegt. Es ist fast schon trendy, einen Narzissten unter den Ex-Partnern zu haben. KURIER leben möchte differenzieren, zeigen, dass es um ein Spektrum geht.
Dabei hilft Dr. Bärbel Wardetzki aus München, die schon Anfang der 1990er-Jahre ein Buch über den weiblichen Narzissmus verfasst hat. Sie ist spürbar gut darin, eine sehr zugespitzte Diskussion etwas abzuschleifen. „Ist es noch Selbstliebe oder schon Narzissmus?“ titelt ihr letztes Buch (Kösel Verlag) – und genau das ist vermutlich die Gretchenfrage.
Bei „positivem Narzissmus“ geht es um „gestandene Persönlichkeiten“, sagt Wardetzki, die „Rückschläge gut verarbeitet haben“. Am anderen Ende des Spektrums steht dann die narzisstische Persönlichkeitsstörung, teils sogar als bösartiger Narzissmus bezeichnet. Die Diplom-Psychologin hält davon nicht viel. „Ich spreche lieber von narzisstischen Strukturen oder Anhaftungen. ,Störung’ ist immer nur eine Etikettierung, die nichts bringt.“ Und dass Narzissten böse sind, gilt nicht für alle. Mit einer ihr eigenen Mischung aus Leichtigkeit und Vehemenz stellt sie sich immer wieder gegen solche Vereinfachungen.
Verschiedene Typen, viele Graustufen
Und nicht nur das. Drei Worte lassen aufhorchen: „Es ist clever!“ Was Wardetzki damit meint: Menschen mit narzisstischen Strukturen haben immer – ja, immer – eine schwere Kränkung, eine Verletzung erlebt. Ihnen selbst wurde zu wenig Empathie entgegengebracht. Es kommt zur unbewussten Schlussfolgerung: „Wenn ihr nicht verlässlich seid, dann verlasse ich mich eben auf mich selbst.“
Dazu kommt: Eine narzisstische Struktur kann sich, so die Psychologin, „mit allem verbinden“ – etwa mit Depressionen. Wenn in einem selbst „nichts ist“, dann holt man sich die Bestätigung von außen. Das kann sich allerdings höchst unterschiedlich äußern. Eine empirische Studie von Russ und Kollegen (2008) beschreibt drei Subtypen: exhibitionistischer, grandios-maligner und vulnerabel-fragiler Narzissmus.
Auch hier gilt wieder: Es gibt Graubereiche und Überschneidungen. Menschen des Typs grandios-malign sind von ihrer Großartigkeit überzeugt; eine unlängst veröffentlichte Studie aus Großbritannien resultierte in der Feststellung, dass Menschen dieses Typs eine verminderte neuronale Sensibilität gegenüber Fehlern zeigen.Dazu muss man sagen: Die Studie wurde mit fast ausschließlich weißen, britischen Studenten durchgeführt. Menschen, die wiederum dem vulnerabel-fragilen Bild zuordenbar sind, sind teils kaum als Narzissten zu erkennen. Oft spricht man auch von „verdecktem Narzissmus“. „Die Vertreter wirken verletzlich und schüchtern, sind aber nicht zu echter Empathie fähig. Kritik kann zu schweren Krisen führen, bis hin zum Suizid. Sehr häufig sind es Frauen. „Bei ihnen ist Narzissmus mehr in Zweifeln verwurzelt“, erklärt die Münchner Expertin, die grundsätzlich nicht mit Männern arbeitet, weil das „weder für sie noch mich gut wäre“.
Das Spaghetti-Phänomen
Zur Beratung kommen vor allem Frauen, die vermuten, mit einem Narzissten liiert zu sein – und mit Problemen kämpfen. Narzissten seien „wahnsinnig verführerisch und eloquent“, so die Rednerin und Autorin. Aber kommen Menschen, die von sich selbst so überzeugt sind, denn in eine Therapie? „Wenn sie in Not geraten“, erklärt Wardetzki. „Wenn die Beziehung droht zu zerbrechen – oder wenn sie geschickt werden. Schwierig kann es auch im Alter werden, wenn die narzisstischen Stützen wegbrechen“, sprich: Wenn die Bewunderung anderer naturgemäß anfängt zu bröckeln.
Aber so wie Wardetzki ihren Patientinnen rät, das Wort Narzissmus einfach mal gegen Spinat auszutauschen, („Was bedeutet das? Nichts!“) versteht sie sich generell darin, bei einem derzeit fast ungenießbaren Thema die Schärfe rauszunehmen. „Wir haben aktuell natürlich viele Spielplätze, um Narzissmus auszuleben. Ich kann meinen Teller Spaghetti posten, das erhöht eventuell meine narzisstischen Strukturen.“
Keine Epidemie
Nicht jeder Teller-Poster ist aber deswegen gleich narzisstisch. Eine Narzissmus-Epidemie diagnostiziert sie nicht. „Ja, es ist ein richtiges Modewort geworden, aber es wurde auch schon früher gehypt, das kommt in Wellen.“ Vielleicht würde es helfen, den Begriff im Alltag ein wenig sparsamer zu verwenden.
Nicht jeder schwierige Chef ist ein Narzisst, nicht jeder Selfie-Poster ein Fall für die Psychologie. Oft ist die Wirklichkeit – wie so häufig – komplizierter und menschlicher zugleich.
Eine große internationale Studie, die Ende 2025 veröffentlicht wurde und Daten von über 45.000 Personen aus 53 Ländern auswertete, verglich durchschnittliche Narzissmuswerte. Am höchsten lagen diese in Deutschland, Irak, China, Nepal und Südkorea. Niedrigere durchschnittliche Werte zeigten u.a. Serbien, Irland, Großbritannien, Niederlande und Dänemark. In einer Teilanalyse zu „narzisstischer Rivalität“ auch Österreich. Wichtig: Die Ergebnisse beziehen sich auf Durchschnittswerte in Standard-Fragebögen und nicht auf klinische Diagnosen.
Seinen Ursprung hat der Begriff in der griechischen Mythologie: Narziss, ein schöner Jüngling, weist alle Verehrer ab und verliebt sich schließlich in sein eigenes Spiegelbild. Gebannt von seinem Anblick kann er sich nicht mehr davon losreißen – bis er zugrunde geht. Die Erzählung wurde zur eindrücklichen Metapher für Selbstverliebtheit und Selbstverlust zugleich, eine Gestalt zwischen Glanz und Abgrund.
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