Studie: Musizieren macht nicht unbedingt klüger

Ein Mädchen mit Zopf spielt an einem weißen Klavier und schaut auf ein aufgeschlagenes Notenheft.
Seit Jahren gilt Musizieren als Intelligenzbooster. Eine aktuelle Studie kommt zu einem ernüchternden Befund: Zwischen Musikern und Nicht-Musikern gibt es kaum Unterschiede – mit wenigen Ausnahmen.

Das Erlernen von und Üben mit Musikinstrumenten bringe kognitive Vorteile und mache damit sozusagen klüger das ist in der Psychologie und darüber hinaus eine verbreitete Annahme. 

Eine kürzlich im Fachblatt Open Science der Royal Society erschienene Studie zeigt hingegen, dass es zwischen professionellen Musikern und Amateuren bezüglich ihrer kognitiven Fähigkeiten fast keinen Unterschied gibt, während jener zu Nicht-Musikern nur in wenigen Bereichen signifikant ist.

Das Gehirn verändert und adaptiert sich, wenn man das Spielen eines Instruments intensiv trainiert dies nennt man die Plastizität des Gehirns, erklärte die Erstautorin Francesca Talamini von der Universität Innsbruck gegenüber der APA. Oft wurde angenommen, dass sich diese Plastizität auch auf andere, allgemeinere kognitive Fähigkeiten erstrecke. Frühere wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema hätten Ergebnisse geliefert, die diese These vermeintlich belegten.

Selbstselektion als mögliche Erklärung

Angesichts der in der aktuellen Studie gesammelten Daten liegt allerdings eine andere Erklärung für Unterschiede in kognitiven Fähigkeiten von Musikern und Nicht-Musikern näher: jene der Selbstselektion. Demnach entscheiden sich Personen mit gewissen schon vorhandenen Fähigkeiten und Persönlichkeiten eher dazu, Musikerinnen oder Musiker zu werden. 

Diese Möglichkeit hätten andere Studien zu dem Thema nicht ausreichend beleuchtet, meinte die Psychologin. Es sei außerdem sehr wahrscheinlich, dass das Erlernen eines Musikinstruments zwar kognitive Leistungen verbessert, aber nur jene spezifischen Fähigkeiten, die dem Spielen von Musikinstrumenten nahe sind.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Gruppen: Die im Datensatz erfassten Musiker, also Profis und Amateure, hätten durchwegs einen günstigeren sozioökonomischen Status gehabt. "Man darf also im Hinblick auf die Ergebnisse nicht vergessen, dass die Musiker aus Familien kommen, die ein Musikstudium fördern können und auch in der frühen Kindheit die Möglichkeit haben, eine Umwelt zu schaffen, die die kognitive Entwicklung fördert", gab Talamini zu Bedenken.

Musiker in den meisten Bereichen mit nur kleinen Vorteilen

Für die Publikation haben die Forschenden einen schon vorhandenen Datensatz verwendet, dessen Erhebung Talamini zusammen mit Massimo Grassi von der Universität Padua koordiniert hat. Dieser wurde in Kooperation mit über 30 anderen Universitäten in 15 Ländern gesammelt und beinhaltet mehr als 1.200 Personen. Alle erfassten Musikerinnen und Musiker haben dabei zumindest sechs Jahre formale Ausbildung auf Konservatorien oder klassischen Musikschulen hinter sich. 

Die Unterscheidung zwischen Amateuren und Professionisten erfolgte dabei durch Selbsteinschätzung, die anhand der Trainingsjahre noch einmal verifiziert wurde. Nichtmusikerinnen waren hingegen all jene Personen, die weniger als zwei Jahre formal ausgebildet wurden.

"Eine Limitation der Studie ist, dass Amateure und Profis eigentlich hochtrainiert sind trotzdem haben die Amateure, statistisch gesehen, signifikant weniger Trainingszeit", so Talamini. Getestet haben die Forschenden dann das verbale, musikalische und numerische Kurzzeitgedächtnis, sowie das "Updaten", also die Aktualisierungsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses bei neuen Informationen.

Darüber hinaus absolvierten die Teilnehmer Aufgaben zur sogenannten fluiden Intelligenz, bei denen Muster zu erkennen und Matrizen zu vervollständigen sind, sowie zu verbalem Wissen und musikalischer Wahrnehmung. Zuletzt wurden sie auch zu ihrer Persönlichkeit befragt.

Das Ergebnis: Bei den meisten Variablen unterscheiden sich Musiker von Nicht-Musikern. Diese Unterschiede sind aber relativ gering und in einigen Bereichen nicht mehr aussagekräftig, wenn die Musiker in Profis und Amateure aufgeteilt wurden. "So gab es etwa beim verbalen Kurzzeitgedächtnis einen kleinen Unterschied zwischen Amateuren und Nicht-Musikern, aber nicht zwischen Nicht-Musikern und Profis", erklärte die Psychologin.

Ähnliches gelte für die fluide Intelligenz, wo die Amateure besser abschnitten als Profis, während zwischen Profis und Nicht-Musikern kein Unterschied bestand. Die einzigen Bereiche, in welchen Profis durchwegs deutlich besser abgeschnitten haben, seien das musikalische Kurzzeitgedächtnis und die musikalische Wahrnehmung gewesen - also ebenjene Fähigkeiten, die das Training direkt verbessern kann.

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