Gleich prallt die Wuchtel gegen die Stirn des Fußballers: Wer die Forscher richtig versteht, behirnt schnell die Problematik.

© APA/AFP/GLYN KIRK

Wissen Gesundheit
02/13/2020

Machen Kopfbälle dement?

Zwei Forscherinnen und ein Insider erklären, warum die Gehirne von Fußballern gefährdet sind.

von Uwe Mauch

Wenn der Tormann den Ball mit seinem Fuß weit in die andere Spielfeldhälfte drischt oder ein Außenspieler scharf und präzise zur Mitte flankt: Dann sind Verteidiger ebenso wie Angreifer gefragt, dem Spiel mit ihrem Kopf eine Wende zu geben.

Der Fußball ist zurück. Die Frühjahrssaison wird soeben angepfiffen, auch für Amateur- und Hobbyspieler. Mediziner beobachten das teils kopflastige Geschehen weiterhin mit einiger Sorge.

Die Diskussion rund um die Gefährlichkeit des Ball-Köpfelns ist fast so alt wie das Fußballspiel selbst – und sie ist weiterhin ergebnisoffen. Zuletzt wurde sie wieder vom schottischen Neuropathologen Willi Stewart entfacht. Stewart hat bei der Durchsicht nationaler Gesundheitsakten erhoben, dass Profifußballer ein höheres Risiko tragen, in späteren Jahren an Demenz zu erkranken.

Der gute Mann hat jedoch mit keinem Wort erklärt, dass das Kopfballspiel dafür verantwortlich ist. Aus gutem Grund: Dafür fehlen eindeutige Belege. Doch es könnte gar nicht mehr lange dauern, bis es mehr Gewissheit gibt.

Die Psychologin Petra Jansen von der Universität Regensburg und die Neurowissenschafterin und Ärztin Inga Koerte von der Ludwig-Maximilians-Universität München geben für den KURIER eine aktuelle Risikoabschätzung ab. Beide sind in die Forschung voll involviert. Koerte arbeitet mit einem internationalen Team an einer umfassenden Studie, die uns schon in Kürze mehr über die realen Gefahren des Kopfball-Spiels erzählen will.

KURIER: Stimmt es denn, dass regelmäßiges Kopfballspiel das Gehirn schädigen kann?

Petra Jansen: In einer bildgebenden Studie aus dem Jahr 2013 konnte unser US-Kollege Michael Lipton zeigen, dass extensives Kopfballtraining die weiße Gehirnmasse verändert. Darüber hinaus dürfte laut Lipton bei Fußballern, die häufig köpfeln, das Gedächtnis beeinträchtigt werden. Bei ihnen waren neuronale Veränderungen mit unterschiedlichen Schädigungsschwellen für mehrere Hirnregionen erkennbar.

Müssen somit Fußballer, die den Ball oft köpfeln, mit Langzeitschäden rechnen?

Inga Koerte: Im Moment können wir diese Frage noch nicht abschließend beantworten. Wir wissen auch noch nicht, ob es die Quantität der Kopfbälle oder die Frequenz in einem Spiel ist, die zu Schädigungen führen können. Was wir schon sehen: Bei Fußballern, die den Ball in ihrer Karriere häufiger geköpfelt haben, reduziert sich die graue Substanz – das sind die Nervenzellen – mit zunehmendem Alter schneller als bei anderen Menschen.

Wie haben Sie das erhoben?

Koerte: Unser Team hat 16 ehemalige Profifußballer untersucht. Diese waren im Schnitt 50 Jahre alt. Sie hatten in jungen Jahren mindestens eine, die meisten sogar mehrere Saisonen in der ersten, zweiten oder dritten deutschen Bundesliga gespielt. Wir haben die Ergebnisse der 14 Feldspieler mit jenen der beiden Torhüter und jenen von gleichaltrigen Nicht-Kontaktsportlern wie Tänzer, Schwimmer oder Tischtennisspieler verglichen. Und da waren deutliche Unterschiede in der Abnahme der Nervenzellen zu erkennen. Wir konnten außerdem mithilfe einer Magnetresonanz-Spektroskopie in den Gehirnen der Fußballer mehr chronisch-entzündliche Prozesse feststellen.

Welche Folgen hat das vermehrte Kaputtgehen von Gehirnzellen?

Koerte: Das kann zu einem beschleunigten Altern führen.

Kann auch die Gedächtnisleistung abnehmen?

Jansen: Wir haben einmal bei Studierenden vor einem vierwöchigen und nach einem vierwöchigen Kopfballtraining (ein Mal pro Woche) die kognitiven Leistungen gemessen und haben keine Veränderungen festgestellt. In einer neuen Studie mit brasilianischen Profifußballern waren auch keine Einschränkungen erkennbar. Es könnte jedoch so sein, dass neuropsychologische Symptome wie zum Beispiel Gedächtnisveränderungen mit ständiger Ausübung des Kopfballspiels zunehmen.

Wie wichtig ist die richtige Technik beim Köpfeln?

Jansen: Sehr wichtig, denn mit der richtigen Körperspannung kann die Wucht des Balls auf den Kopf kompensiert werden.

Koerte: Genau so ist es. Vor allem die Hals- und die Nackenmuskulatur muss richtig angespannt werden, und der Hals muss linear bewegt werden. Bei Drehbewegungen des Kopfes ist die Krafteinwirkung schlechter abzufangen.

In den USA sind Kopfbälle im Kinder-Fußball verboten. Ist das begrüßenswert?

Koerte: Jein. Wir konnten beobachten, dass Kinder bis zum zehnten Lebensjahr kaum köpfeln. Was soll dann so ein Verbot bringen? Ich sehe die Gefahr, dass dieses Verbot zur Annahme führt, dass Köpfeln später unbedenklich ist. Das ist fatal. Denn bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben wir bisher die meisten Veränderungen des Gehirns gefunden. Bei den Kindern kommt hinzu, dass sie im Vergleich zu ihrer Körpergröße einen größeren und schwereren Kopf haben als Erwachsene. Bei jedem Kopfball wird ihr Kopf dadurch mehr geschleudert.

Jansen: Wenn ich ehrlich bin, habe ich meinen Söhnen im Alter zwischen 8 und 13 Jahren verboten, sich am Kopfballtraining zu beteiligen. Da habe ich aber sicherlich mehr als Mutter agiert. Das hat auch Unverständnis bei ihren Trainern und bei ihren Mitspielern hervorgerufen.

Was halten Sie von einem generellen Kopfball-Verbot?

Jansen: Für ein generelles Verbot ist die wissenschaftliche Lage nicht eindeutig.

Wann werden wir vielleicht Endgültiges wissen?

Koerte: Ich bin optimistisch, dass wir unser Forschungsprojekt bis zum Ende des Jahres abschließen und dann mehr sagen können.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.