Wissen | Gesundheit
29.05.2018

Krankschreibung macht Patienten krank

Ärzte sollten MR-Befunde bei symptomlosen Patienten nicht dramatisieren, meint Schmerzmediziner Rudolf Likar.

Die moderne bildgebende Diagnostik mit Magnetresonanz-Untersuchungen (MR; MRI) sieht mehr als viele Menschen spüren. Bei dokumentierten "Abnützungserscheinungen" ohne Symptome sollten Ärzte vorsichtig beim Mitteilen der MR-Resultate sein. Oft macht erst die Krankschreibung krank, sagte Rudolf Likar, Chef der Schmerzabteilung am Klinikum Klagenfurt, bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado.

An den Österreichischen Ärztetagen (bis 2. Juni) nehmen rund 1.300 Ärzte teil. Drei Tage lang referiert Likar dort über moderne Schmerztherapie. Ein wesentlicher Bestandteil der häufigsten Ursachen davon ist der "unspezifische Kreuzschmerz". Das sind Schmerzen unterhalb des Rippenbereiches ohne Hinweis auf spezifische Ursachen ("eingeklemmter Nerv", Tumorschmerzen etc.).

"Bei Erwachsenen beträgt die Häufigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt zwölf bis 30 Prozent, die Lebenszeit-Prävalenz 60 bis 85 Prozent", sagte Likar. Innerhalb eines Jahres beträgt die Häufigkeit des Wiederauftretens 20 bis 44 Prozent, innerhalb der verbleibenden Lebenszeit etwa 85 Prozent.

Chronisches Schmerzsyndrom

Akute Kreuzschmerzen sind durch eine Dauer von bis zu vier Wochen definiert. Subakute Beschwerden halten etwa fünf bis zwölf Wochen an. Nach drei Monaten beginnt die Frage, ob nicht ein chronisches Schmerzsyndrom vorliegt.

"In Österreich verursacht der unspezifische Kreuzschmerz pro Jahr 1,8 Milliarden Euro an direkten Kosten (Behandlung etc.), mit den indirekten Kosten (Produktivitätsausfall etc.) sind es 5,8 Milliarden Euro", stellte Likar fest.

Die gute Nachricht: 35 Prozent bis 70 Prozent dieser Beschwerden verschwinden wieder binnen weniger als 14 Tage. "Außer Sie schreiben den Betroffenen krank", sagte Likar. Vielmehr müsste alles daran gesetzt werden, die Betroffenen "in Bewegung" zu halten. Physiotherapie, eventuell vorübergehend der Einsatz der richtigen Medikamente und andere Maßnahmen seien dann gefragt.

"Altersentsprechend gesund"

"Es nützt auch nichts, dann weiter zu diagnostizieren", sagte der Experte für alle Fälle, in denen es keine Hinweise auf schlimmere Krankheitsursachen gebe. Ganz besonders warnte Likar davor, Patienten ohne Symptome mit MR-Befunden, welche Abnützungsschäden an der Wirbelsäule etc. zeigten, eindrucksvoll die Defekte zu schildern.

"Wir wissen, dass 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung solche Veränderungen aufweisen", betonte der Experte. Der Begriff "altersentsprechend gesund" sollte hier greifen und auch in die Befunde einfließen. Das Sozial- und Spitalsfinanzierungswesen aber gelte derzeit nur Aufwendungen ab, welche unter Krankheitsdiagnosen liefen. Doch oft mache erst das Bewusstsein über bisher symptomlose Veränderungen im Endeffekt "krank".