Trotz Panik vor Ärzten: Warum ich Spitalsserien liebe

Ich brenne für „Grey's Anatomy“ oder das neue Notaufnahme- Format „The Pitt“ - aber im echten Leben schaut's ein bisserl anders aus.
Gabriele Kuhn
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So ist das: Ich habe Angst vor Krankenhäusern. Und ich liebe Krankenhausserien. Das ist ungefähr so widersprüchlich wie vegane Fleischhauer oder ehrliche Politiker, aber hier sind wir nun. Kaum betrete ich als potenzielle Patientin ein Spital, meldet sich mein Körper sofort zu Wort: Mein Herz schlägt so heftig, als würde Thanatos höchstpersönlich in meiner Gesundheitsakte blättern.

Und dann sitze ich am Abend auf dem Sofa und schalte genau das ein. Freiwillig. Notaufnahme, OP, Herzstillstand, dramatische Musik. Ich habe so ziemlich alles inhaliert: ER, Grey's Anatomy, Dr. House. Und jetzt: „The Pitt“. 

Serienkrankenhäuser geben mir das trügerische Gefühl, alles zu verstehen. „Aha, ein Pneumothorax! Den kenne ich aus Staffel 3.“ Ich weiß, was ein Zugang ist, wo er hin soll und wie schnell er im Fernsehen gelegt wird (Antwort: sehr schnell, mit drei entschlossenen Handgriffen eines meist unfassbar feschen Doktors mit perfekter Frisur trotz 36-Stunden-Schicht)

Kurz: Ich bin bestens vorbereitet. Fürs Zuschauen. Aber für absolut nichts anderes. Sind es die Ärzte? Klar. George Clooney hat einer ganzen Generation beigebracht, dass Notaufnahmen auch Sex-Appeal haben können. McDreamy aka Patrick Dempsey bewies, dass selbst schwierige Diagnosen ästhetisch ansprechend überbracht werden dürfen.  in der Realität meist nicht.

Serienkrankenhäuser geben mir das trügerische Gefühl, alles zu verstehen: Aha, ein Pneumothorax! Den kenne ich aus Staffel 3.“

Daheim habe ich die Kontrolle

Der eigentliche Sog kommt jedoch von dieser absurden Intensität: Menschen kümmern sich um Menschen, während sie gleichzeitig in Besenkammern knutschen und Leben retten. Multitasking de luxe.

Aber noch was: In Serien werden Ärztinnen und Pfleger zu Menschen, die man kennt – oder glaubt zu kennen. Man sieht ihre Müdigkeit (die sie trotzdem makellos aussehen lässt), ihre Fehler (die meist anderen passieren) und ihre Zweifel (die nach 42 Minuten in heroische Gewissheit umschlagen)

Sie werden nahbar. Fast wie Freunde, denen man sein Herz schenkt. Was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass man sie nur aus dem Streamingdienst kennt. Und nun zur Realität: In echten Krankenhäusern arbeiten auch Menschen. 

Sie haben nur keinen Drehbuchautor, der ihnen pointierte Monologe in den Mund legt, keine Kamera, die ihnen im perfekten Gegenlicht folgt, und keinen Soundtrack, der jede Blutabnahme episch untermalt. Stattdessen: Zeitdruck, Personalmangel, Bürokratie und Patienten wie mich, die nervös nach Fachbegriffen googeln. 

Daheim liege ich auf dem Sofa und habe die Kontrolle: Spule vor, wenn jemand stirbt, den ich mochte, nasche Chips, während jemand reanimiert wird. Im echten Krankenhaus gebe ich die Kontrolle ab, liege da wie ein gestrandeter Wal und hoffe inständig, dass meine Venen nicht wieder Verstecken spielen. 

In diesem Sinne werde ich weiter schauen, Fachbegriffe horten wie andere Leute Münzen und innerlich jede erdenkliche Notlage durchspielen. Im Ernstfall aber werde ich froh sein, dass es echte Menschen sind, die den Zugang legen.  Ohne perfektes Licht. Dafür hoffentlich mit Können – weil: Eine zweite Staffel gibt es

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