Wie sich die Jahreszeiten auf Körper und Geist auswirken
Je länger der Jänner dauert, desto größer wird die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach Wärme, nach Vogelgezwitscher, nach Sonne auf der Haut, es ist höchste Zeit, für eine neue Jahreszeit. Jahreszeiten bestimmen schließlich nicht nur, ob wir die Winterjacke oder die Flipflops aus dem Kasten fischen – die Forschung zeigt immer deutlicher: Sie beeinflussen die Stimmung, das Denken, das Immunsystem und sogar das Volumen unseres Gehirns. Mancherorts kennt der Körper gar eigene „Saisonpläne“.
„Aus wissenschaftlicher Sicht sind Jahreszeiten nicht nur kulturell geprägt, sondern gehen auch mit biologischen Veränderungen einher. Das zeigt sich unter anderem daran, dass jahreszeitliche Schwankungen in modernen Gesellschaften weniger stark ausgeprägt sind als in präindustriell lebenden Gemeinschaften, die ohne Elektrizität und künstliches Licht auskommen. Wir wissen aus Studien, dass diese Menschen im Sommer etwa eine Stunde weniger schlafen als im Winter“, sagt die Schlafforscherin Dr. Christine Blume vom Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel. Auch in westlichen Gesellschaften lassen sich diese Muster nachweisen, wenngleich abgeschwächt. „Bei uns sprechen wir wohl eher von zehn bis 30 Minuten mehr Schlaf in der dunklen Jahreszeit“, so Blume. Dass die Unterschiede kleiner ausfallen, liege am modernen Lebensstil: „Tagesrhythmus und Hell-Dunkel- Rhythmus unterscheiden sich im Sommer und Winter weniger stark. Aber dass wir diese Schwankungen überhaupt wahrnehmen, spricht dafür, dass sie biologisch verankert sind – nicht nur kulturell.“
Mit längerem Tageslicht steigt die Energie, die innere Uhr schaltet auf „Aktivmodus“. Aufmerksamkeit und Stimmung verbessern sich, das Immunsystem passt sich an – viele Menschen fühlen sich wacher und unternehmungslustiger.
Wenn das Hirn „schrumpft“
Wie tief manche jahreszeitlichen Anpassungen reichen, zeigt sich sogar im Gehirn. Eine groß angelegte Bildgebungsstudie analysierte die Hirnscans von mehr als 3.000 gesunden Menschen, die über einen Zeitraum von 15 Jahren im US-Staat Connecticut gesammelt wurden. Erfasst wurden dabei das Datum, die Tageslänge sowie Wetterdaten wie Temperatur, Luftdruck und Luftfeuchtigkeit. Das Team rund um den Studienleiter und Neurowissenschaftler Gregory Book fand dabei subtile, aber konsistente Schwankungen im Hirnvolumen. Zum Sommer hin schrumpfen bestimmte Bereiche der Großhirnrinde leicht, gegen Herbst nehmen sie wieder zu. Im Kleinhirn verläuft es umgekehrt: Es zeigt im Sommer etwas mehr, im Winter etwas weniger Volumen. Parallel dazu verändert sich die Durchblutung – je nach Jahreszeit werden Regionen stärker oder schwächer versorgt.
Lichtintensive Tage pushen Aufmerksamkeit und Aktivität, das Kleinhirn zeigt mehr Volumen. Weniger Schlaf ist normal. Für manche bringt die Hitze aber auch Schlafprobleme oder sogar Sommerdepression.
Weniger Aufmerksamkeit im Winter
Auch die kognitiven Leistungen unterliegen Hochs und Tiefs im Jahreslauf. Ein Forschungsteam um den Neurowissenschaftler Gilles Vandewalle, Universität Lüttich, ließ Probandinnen und Probanden während verschiedener Jahreszeiten Konzentrations- und Gedächtnistests absolvieren und verfolgte parallel die Gehirnaktivität im MRT. Das Ergebnis: Das Gehirn unterliegt spezifischen saisonalen Schwankungen – das bedeutet, dass nicht alle kognitiven Fähigkeiten gleichzeitig ihr Hoch oder Tief erreichen. Während etwa die Aufmerksamkeit im Sommer ihren Höhepunkt hat, kann das Arbeitsgedächtnis im Herbst am stärksten ausgeprägt sein. Als wahrscheinlich wichtigste Einflussfaktoren gelten Licht und die Länge des Tages, doch auch Temperatur und soziale Rhythmen spielen vermutlich eine Rolle.
Studien mit älteren Menschen – sowohl mit als auch ohne Alzheimer – bestätigen ebenfalls, dass die kognitiven Leistungen im Spätsommer und Frühherbst besser sind als im Winter und Frühling. Diese jahreszeitlichen Unterschiede erklären möglicherweise, warum wir uns zu bestimmten Zeiten im Jahr leichter konzentrieren oder produktiver arbeiten. Für die Forschung sind sie von besonderer Bedeutung: Selbst bei gesunden Probanden kann die Jahreszeit die Ergebnisse von klinischen Studien messbar beeinflussen – ein Faktor, der bisher oft unterschätzt wurde. Für den Alltag bedeutet das: Wer im Winter gezielt mehr Tageslicht tankt, kann seine Aufmerksamkeit stabilisieren und saisonale Leistungstiefs abmildern. Lichtmanagement – ob durch Spaziergänge im Freien oder gezielte Lichttherapie – wird damit zu einem wichtigen Werkzeug, um den natürlichen Rhythmus des Gehirns zu unterstützen.
Weiters spannend: Die Jahreszeiten machen nicht einmal vor unseren Genen halt. Ein internationales Forschungsteam um den Immunologen John Todd von der University of Cambridge analysierte Blut- und Gewebeproben von über 16.000 Menschen aus verschiedenen Klimazonen. Das Ergebnis: Rund ein Viertel aller proteinkodierenden Gene arbeitet je nach Jahreszeit unterschiedlich intensiv. Besonders betroffen ist das Immunsystem. Viele Gene, die Entzündungsprozesse steuern, sind im Winter stärker aktiv als im Sommer, während andere genau umgekehrt reagieren. Diese genetische Feinanpassung könnte erklären, warum bestimmte Krankheiten zu bestimmten Jahreszeiten gehäuft auftreten und warum der Zeitpunkt einer Impfung oder Therapie mitunter entscheidend für ihre Wirksamkeit sein kann. Selbst in tropischen Regionen mit schwach ausgeprägten Jahreszeiten lassen sich solche Muster erkennen, wenn auch deutlich abgeschwächt.
Das Arbeitsgedächtnis erreicht oft seinen Höhepunkt, während die Tage kürzer werden. Der Körper bereitet sich auf die dunkle Jahreszeit vor, Stimmungsschwankungen sind möglich – Lichtpausen im Freien helfen.
Jahreszeiten als Stimmungsmacher
Und das Gemüt? Viele erleben im Winter einen Stimmungsabfall, manche eine saisonale Depression. Genau betrachtet, ist die Wirkung der Jahreszeiten aber noch viel komplexer. In vielen westlichen Ländern sind die Suizidraten ausgerechnet im frühen Sommer am höchsten. Zudem gibt es nicht nur den Winter-, sondern auch einen Sommer-Typ der saisonalen affektiven Störung. Während der Blues in der kalten Jahreszeit meist mit Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Heißhunger einhergeht, zeigt sich eine Sommerdepression eher durch Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Nervosität und Überforderung. Eine zentrale Rolle bei all diesen Prozessen spielt das Licht, betont Schlafforscherin Christine Blume. „Helles Tageslicht wirkt klar stimmungsfördernd – auch dann, wenn es draußen grau oder neblig ist. Denn selbst an trüben Tagen ist das Licht im Freien um ein Vielfaches intensiver als in Innenräumen.“
Und gerade im Winter gilt Licht als wesentlicher Faktor bei saisonaler Depression. Blume betont erneut: „Entsprechend etabliert ist die Lichttherapie. Dafür verbringt man am Morgen 20 bis 40 Minuten vor einer Therapielampe, die mit ca. 10 000 lux sehr hell ist.“ Bewegung im Freien bleibt trotzdem unverzichtbar. Deshalb lautet die wichtigste Empfehlung für trübe, nebelige Wintertage: hinausgehen, spazieren, Tageslicht tanken. „Das stabilisiert Stimmung und Schlaf, selbst wenn es sich subjektiv nicht besonders hell anfühlt. Im Spätwinter, wenn viele Menschen Müdigkeit und Antriebslosigkeit spüren, kann das entscheidend sein“, so Blume.
Kurze Tage und wenig Sonne können Müdigkeit, Antriebslosigkeit und saisonale Depression fördern. Lichttherapie und Bewegung im Freien stabilisieren Stimmung und Schlaf, selbst an grauen Tagen.
Der Mangel an Licht ist im Tiroler Rattenberg besonders drastisch. Im Winter verschwindet hier die Sonne dreieinhalb Monate hinter dem Schlossberg, was sich spürbar auf Stimmung und Lebensqualität auswirkt. 2005 startete Rattenberg ein einzigartiges Experiment: Mit sogenannten Heliostaten, beweglichen Spiegeln, die der Sonne nachgeführt werden, sollte echtes Tageslicht ins Zentrum gelenkt werden. Vom Hang aus reflektierten die Spiegel das Sonnenlicht auf weitere Reflektoren, bis es als heller Fleck den Rathausplatz erreichte. Die Hoffnung war groß: mehr Licht, bessere Laune, ein Schub für den Wintertourismus. Die Idee sorgte weltweit für Schlagzeilen – doch die Lichtmenge blieb gering, der helle Fleck im Ortskern eher symbolisch. Hohe Kosten und technische Probleme führten dazu, dass das Projekt nach der Testphase endete. Heute setzen die Rattenberger auf einfachere Mittel gegen die Winterdunkelheit wie Ausflüge ins sonnige Umland oder Lichttherapie zuhause. Die Geschichte bleibt ein Sinnbild für Erfindungsgeist – und dafür, wie wichtig Licht für unser Wohlbefinden ist.
Der Taktgeber im Kopf
Im Hintergrund all dieser komplexen und faszinierenden Vorgänge arbeitet ununterbrochen unsere sogenannte innere Uhr – ein zentraler Taktgeber im Gehirn, der wie ein fein abgestimmtes Orchester unsere biologischen Rhythmen koordiniert. Diese innere Uhr „sitzt“ in einem winzigen, aber enorm wichtigen Bereich nahe der Sehnervenkreuzung, im sogenannten Nucleus suprachiasmaticus, und reguliert im präzisen 24-Stunden-Rhythmus unser Schlaf-Wach-Verhalten, unsere Körpertemperatur, den Hormonspiegel und sogar die Aufmerksamkeit. „Für die innere Uhr ist Licht der wichtigste Einflussfaktor“, erklärt Schlafforscherin Christine Blume. „Sie wird vor allem durch den Hell-Dunkel-Rhythmus gesteuert, also den natürlichen Wechsel zwischen Helligkeit am Tag und Dunkelheit in der Nacht“, betont sie.
Und so funktioniert dieses ausgeklügelte System: Spezielle Fotorezeptoren in der Netzhaut unserer Augen nehmen Lichtreize auf und leiten diese Informationen direkt an die innere Uhr weiter. Besonders entscheidend ist dabei das Licht zu Beginn und am Ende eines Tages. Am Morgen signalisiert es dem Körper eindeutig „Tag“ – und löst eine Kaskade von Prozessen aus, die uns wacher, energiegeladener und leistungsfähiger machen. Am Abend hingegen kann Licht – ganz gleich ob vom hellen Bürolicht oder von den Displays unserer elektronischen Geräte – den biologischen Tag künstlich verlängern und so die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin unterdrücken. Fehlt tagsüber ausreichend natürliches Tageslicht, verbringen wir zu viel Zeit unter Kunstlicht zur falschen Zeit oder bewegen uns zu wenig – so gerät die innere Uhr leicht aus dem Takt. Die Folgen können weitreichend sein: Sie betreffen nicht nur Schlafqualität und Stimmung, sondern auch unseren Stoffwechsel und möglicherweise langfristig das Risiko für bestimmte Erkrankungen. Aus diesem Grund untersuchen aktuelle Projekte in der Chronobiologie sehr gezielt, welche Eigenschaften von Tageslicht – etwa Intensität, Dauer und Farbtemperatur – besonders wichtig sind. Das Ziel: wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zu entwickeln, die einen „jahreszeitengesunden“ Lebensstil unterstützen und helfen, im Einklang mit unserem natürlichen Rhythmus zu leben.
Andere Länder
Auch in Skandinavien entscheidet die Jahreszeit nicht nur darüber, ob wir Winterjacke oder Flipflops tragen. Besonders relevant für den hohen Norden ist die sogenannte saisonale Depression, die in den dunklen Monaten viele Menschen betrifft. Auch der Vitamin-D-Mangel ist im Norden ein Dauerthema. Niedrige Werte schwächen Knochen, Muskeln und das Immunsystem. Trotz der Herausforderungen haben Skandinavier eigene kulturelle Gegenstrategien entwickelt: In Dänemark spricht man von Hygge – Gemütlichkeit und Geborgenheit in einer warmen, behaglichen Umgebung. Und in Norwegen von Kos, dem geselligen Beisammensein bei schönen gemeinsamen Momenten.
Alles anders in Kalifornien?
Wie flexibel der biologische Kalender am Ende sein kann, zeigt eine aufwendige Studie der Stanford University. Ein Team um den Genetiker Michael Snyder begleitete 105 Menschen in Nordkalifornien über vier Jahre und analysierte wiederholt Blutwerte, Genaktivität, Stoffwechselmarker und das Mikrobiom. Statt vier klarer biologischer Jahreszeiten identifizierten die Forschenden zwei ausgeprägte Aktivitätsphasen im Körper: einen Peak im Spätherbst und Frühwinter, in dem Immunmarker ansteigen und infektionsrelevante Prozesse dominieren, sowie einen zweiten im späten Frühling, der etwa mit Veränderungen im Immunsystem und Stoffwechsel einhergeht. Erkenntnisse, die nahelegen, dass der menschliche Organismus auch auf reale Umwelt- und Verhaltensveränderungen reagiert. In Kalifornien, wo Temperaturunterschiede moderat sind, spielen Faktoren wie Infektionen, Pollenbelastung, Bewegung und Ernährung offenbar eine größere Rolle als klassische Jahreszeiten. Die Forschung zeigt damit vor allem eines: Der menschliche Körper ist kein statisches System, sondern ein sensibler Resonanzraum. Licht, Jahreszeit, Umwelt und Lebensweise greifen ineinander und formen unsere biologischen Rhythmen immer wieder neu. Wer diese Schwankungen nicht als Störung begreift, sondern als Teil menschlicher Biologie, versteht besser, warum sich Denken, Stimmung, Schlaf und Gesundheit im Jahreslauf verändern. Und warum es sinnvoll sein kann, sich darauf einzustellen, statt dagegen anzukämpfen.
Aus wissenschaftlicher Sicht sind Jahreszeiten nicht nur kulturell geprägt, sondern gehen auch mit biologischen Veränderungen einher. Das zeigt sich unter anderem daran, dass jahreszeitliche Schwankungen in modernen Gesellschaften weniger stark ausgeprägt sind als in präindustriell lebenden Gemeinschaften, die ohne Elektrizität und künstliches Licht auskommen.
Kommentare