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Keine Gefühle mehr, aber warum trifft mich die neue Beziehung des Ex?

Man ist getrennt, emotional schon länger als räumlich. Der Partner hat schon eine neue Beziehung, und das ist der Ex-Partnerin nun doch nicht ganz egal. Psychotherapeut Christian Beer gibt Rat.
Zwei Menschen umarmen sich, während eine weitere Person abseits sitzt und den Kopf auf die Knie legt, vor buntem Aquarellhintergrund.

Leserin  Elisabeth S. (45) fragt: 

Mein Partner und ich haben uns getrennt. Emotional schon länger, für mich ist es vorbei. Aus praktischen Gründen leben wir  noch zusammen – der Auszug steht erst  an, und  wir teilen uns  noch das Schlafzimmer. Nun hat er mir erzählt, dass es  eine neue Frau in seinem Leben gibt – nichts Offizielles, aber  mehr als nur ein Kontakt.  Das fühlt sich für mich plötzlich seltsam und unangenehm an. Ich frage mich, warum, obwohl ich ihn nicht zurückwill. Dazu kommt, dass wir zwei jugendliche Kinder  haben und ich mir Sorgen mache, wie sich die Situation auf sie auswirkt. 

Antwort:

Dass Sie die neue Frau irritiert, obwohl die Beziehung innerlich bereits beendet war, ist völlig normal. Eine Trennung ist selten ein sauberer, rein rationaler Schnitt. Besonders nach vielen gemeinsamen Jahren, Kindern und einem geteilten Alltag bleiben emotionale Bindungen oft noch lange bestehen – selbst dann, wenn man den Partner als Liebespartner eigentlich nicht mehr zurückhaben möchte. Man darf dabei nicht vergessen: Sie waren vermutlich viele Jahre nicht nur ein Paar, sondern auch ein Elternteam, eine Familie, ein Alltagssystem. Sie haben gemeinsam Entscheidungen getroffen, Krisen erlebt, Routinen entwickelt und Erinnerungen aufgebaut. Solche Bindungen verschwinden nicht automatisch in dem Moment, in dem man beschließt, keine Beziehung mehr führen zu wollen. 

Gerade wenn man noch zusammenlebt und sogar weiterhin ein Schlafzimmer teilt, bleibt das Nervensystem gewissermaßen „in Beziehung“. Der endgültige innere Abstand kann oft erst entstehen, wenn auch äußerlich wirkliche Trennung möglich wird. Viele Menschen erleben in solchen Situationen ein paradoxes Gefühl: Man will den anderen nicht zurück – und spürt trotzdem Schmerz, Eifersucht oder Irritation, sobald eine neue Person auftaucht. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Trennung falsch war. Häufig geht es vielmehr darum, dass plötzlich sichtbar wird: Der gemeinsame Lebensabschnitt endet tatsächlich. Solange kein neuer Partner im Spiel ist, bleibt oft unbewusst die Vorstellung bestehen, dass man trotz Trennung noch eine besondere Rolle im Leben des anderen hat. Eine neue Frau macht deutlich, dass sich diese Rolle verändert. Das kann das Selbstbild erschüttern, selbst wenn man die Beziehung gar nicht fortsetzen möchte. Dazu kommt ein psychologischer Mechanismus, der oft unterschätzt wird: Langjährige Beziehungen werden Teil unserer Identität. Die Art, wie Ihr Partner Sie gesehen hat – als Ehefrau, Vertraute, Mutter seiner Kinder – prägt über Jahre auch das eigene Selbstgefühl. Wenn diese Aufmerksamkeit plötzlich einer anderen Person gilt, fühlt sich das häufig wie ein Verlust an, selbst wenn die Liebe längst nachgelassen hat.


Menschen reagieren generell empfindlich darauf, wenn etwas Vertrautes verschwindet oder jemand anderes plötzlich den Platz einnimmt, den man selbst lange innehatte. Auch neurobiologisch spielen Bindungsprozesse eine Rolle. Der Psychiater Daniel Lieberman beschreibt in seinem Buch über Dopamin sehr anschaulich, dass unser Gehirn häufig weniger auf Besitz als auf Erwartung reagiert. Dopamin ist vor allem der Botenstoff des Wollens, Suchens und Hoffens. Es motiviert uns, etwas anzustreben, auch wenn wir später gar nicht unbedingt glücklicher damit werden. Deshalb kann ein Mensch emotional noch auf einen Partner reagieren, obwohl die Beziehung objektiv nicht mehr erfüllend war. Gleichzeitig hängen langjährige Bindungen stärker mit Systemen wie Serotonin, Oxytocin und Gewohnheit zusammen – also mit Sicherheit, Vertrautheit und emotionaler  Stabilität. Wenn diese Struktur wegbricht, reagiert das Gehirn oft mit Unruhe, obwohl der Verstand die Trennung längst akzeptiert hat. Was Ihre Kinder betrifft: Eine Trennung ist für Jugendliche oft traurig, verunsichernd oder auch ärgerlich. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie ihnen schadet. Entscheidend ist weniger die Trennung selbst, sondern wie Eltern danach miteinander umgehen. Kinder leiden meist stärker unter dauerhaften Konflikten, Spannungen und unausgesprochenem Druck als unter einer klaren und respektvollen Neuordnung der Familie. 


Wenn es Ihnen gelingt, trotz der Situation respektvoll und verlässlich als Elternpaar zu funktionieren, kann das für Jugendliche sogar entlastender sein als ein dauerhaft unzufriedenes Zusammenleben. Vielleicht steckt in Ihren Gefühlen deshalb weniger die Botschaft „Ich will ihn zurück“, sondern  eher: „Ein Teil meines bisherigen Lebens geht jetzt endgültig zu Ende.“ Das ist schmerzhaft, aber auch menschlich. Trennungen bedeuten oft nicht, dass man sich sofort besser fühlt. Häufig bedeuten sie lediglich, dass das gemeinsame Leben trotz bestehender Bindung nicht mehr funktioniert hat. Mit dieser Ambivalenz müssen viele Menschen eine Zeit lang leben.

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