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10.04.2018

Das T-Shirt, das den Rücken gerademacht

Einfach ein T-Shirt anziehen und nie wieder Rückenprobleme? Was haltungskorrigierende Kleidung kann – und was nicht.

Wer viel sitzt und sich wenig bewegt, kennt meist das Problem: Verspannungen in Nacken, Rücken oder Schultern. Sie sind nicht nur unangenehm, sondern können sehr schmerzhaft sein. Rund 80 Prozent jener, die im Büro am PC arbeiten, leiden mindestens einmal im Leben unter Rückenschmerzen, Hexenschuss oder einem Bandscheibenvorfall. Ursache dafür sind meist überlastete Muskeln durch eine schlechte Sitzhaltung, Stress sowie ein Mangel an Bewegung. In der Folge kommt es zu Fehlhaltungen, die wiederum Verspannungen und Rückenprobleme begünstigen. Abhilfe soll haltungskorrigierende Kleidung schaffen.

Es klingt einfach: Laut Herstellern können funktionelle T-Shirts, BHs und sogenannte Geradehalter Fehlhaltungen korrigieren und Verspannungen reduzieren. Sie werben etwa damit, dass die Kleidung Schultern, Nacken und Rücken mit eingearbeiteten Neurobändern aufrichtet. Die Technologie dahinter funktioniert ähnlich wie Kinesiotapes, die an den Körper angebracht werden. Die Neurobänder sollen einzelne Muskelgruppen stimulieren und die Haltung unterstützen. Bei Anodyne, einem Händler der haltungskorrigierende Kleidung des Herstellers AlignMe vertreibt, heißt es etwa auf der Website: "Die haltungskorrigierende Kleidung hilft, den Informationsfluss von den Nervenrezeptoren der Haut zum Gehirn und umgekehrt konstant aufrechtzuerhalten. Dadurch arbeiten die Muskeln besser zusammen, wodurch die Leistung gesteigert, Verletzungen vermieden und die Heilung verbessert wird." 

Hilft nicht alleine

Aber sind die rund 100 Euro für ein T-Shirt gut angelegt? Orthopäde Univ.-Prof. Dr. Ronald Dorotka sieht das kritisch: „Bei sehr vielen dieser Produkte wird suggeriert, dass man sie nur tragen muss und eine schlechte Haltung, ein Rundrücken und damit verbundene Probleme sind korrigiert. Wenn aber nicht physiotherapeutisch und mit Kraftsport dagegen gearbeitet wird, wird die Muskulatur schlechter statt besser.“ Dorotka geht davon aus, dass kurzfristige Effekte möglich sind, sodass sich die Haltung für ein paar Tage bis wenige Wochen verbessert. Langfristige Effekte seien beim alleinigen Tragen eines Funktionsshirts oder -BH jedoch nicht zu erwarten. Das wird allerdings auch vonseiten Anodyne klargestellt: "Es ist wichtig zu betonen, dass haltungskorrigierende Kleidung eine Ergänzung zum Training und zur Behandlung ist und nicht ein Produkt, das allein benutzt werden sollte, um Verletzungen zu behandeln und vorzubeugen."

Unterstützung bei Therapie

Laut Dorotka gibt es Studien, die zeigen, dass die funktionelle Kleidung hilfreich sein kann, etwa bei der Therapie von Sportlern, die Verletzungen etwa der Schulter haben sowie allgemein in der Rehabilitation nach orthopädischen Verletzungen. „Es gibt aber auch genug Studien, die zeigen, dass ohne Kräftigungsübungen keine langfristige Verbesserung zu erreichen ist. Verlässt sich jemand, der ein solches Shirt trägt, darauf, dass sich die Haltung bessert und macht weder Sport noch Kräftigung, ist zu erwarten, dass die Fehlhaltung immer schlechter wird“, sagt Dorotka. Die nicht genutzte Muskulatur geht zurück, es kann zu Auswirkungen auf die Wirbelsäule kommen, die Rückenschmerzen begünstigen.

Ein Vorteil gegenüber Kinesiotapes ist laut Dorotka, dass bei einem T-Shirt oder BH mit eingearbeiteten Neurobändern nicht immer nachgeklebt werden muss. Dass die Shirts nicht individuell an den Körper angepasst werden können, sondern nur in bestimmten Kleidergrößen erhältlich sind, macht für den Experten keinen Unterschied. Auch besser angepasste Kleidungsstücke hätten keinen besseren Effekt. 

Anfangs Schmerzen

Laut Herstellern sollten die Funktionsshirts in der ersten Woche zwischen 30 und 60 Minuten getragen werden. Anfänglich könne es zu Schmerzen im oberen Rücken kommen, da inaktive Muskeln aktiviert werden. Allmählich könne die Tragedauer ausgedehnt werden.

Von funktioneller Kleidung unterschieden werden müssen sogenannte Geradehalter, die beispielsweise die Schultern nach hinten ziehen. Sie werden bevorzugt im Fernsehshopping aber auch im Netz angeboten und sind bereits ab etwa zehn Euro erhältlich. Orthopäde Dorotka hält von diesen Produkten wenig, da sie zu einer Schwächung der Muskulatur führen. „Je mehr der Halter zieht, desto schwächer wird die Muskulatur. Das kann soweit gehen, dass man den Halter braucht, um schmerzfrei zu sein. Die Haltung kann sich also verschlechtern“, meint der Experte. Er rät dazu, bei Rückenbeschwerden, die länger als sechs Wochen anhalten, einen Arzt aufzusuchen und nicht selbst mit haltungskorrigierender Kleidung versuchen, dagegen zu arbeiten. Wer dies dennoch tut und sich Beschwerden innerhalb der ersten Zeit verstärken, sollte das Tragen des T-Shirts beenden.